Holocaust-Gedenken in Berlin : Eine Welt für alle schaffen

Auch der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg lud am Freitag zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

Lilith Grull
In ganz Berlin kamen heute Menschen zusammen, um der Holocaust-Opfer zu gedenken. Foto: dpa
In ganz Berlin kamen heute Menschen zusammen, um der Holocaust-Opfer zu gedenken.Foto: dpa

Am 27. Januar jährte sich zum 72. Mal die Befreiung der Gefangenen des Konzentrationslagers Auschwitz. In ganz Berlin wurde zum Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus Kränze niedergelegt. Am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen im Tiergarten luden der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg e.V. und die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas zum gemeinsamen Gedenken ein. Bereits vor Beginn der Veranstaltung waren Kränze aller demokratischen Parteien, einiger Verbände und Kirchen niedergelegt worden. Für alle, die keine Blumen mitgebracht hatten, wurden Lichttüten aus Papier mit LED-Kerzen gestellt.

Es kamen rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die Veranstaltung sollte dazu beitragen, an demokratischen Werten, an der heute erlangten Offenheit festzuhalten und sich daran zu erinnern, dass es auch heute noch in Deutschland und über die Landesgrenzen hinweg Diskriminierung gebe, so LSVD-Landesgeschäftsführer Jörg Steinert.

Mit regenbogenfarbener Fahne steht der 35-jährige Selkan Wels für die Initiative „Enough is Enough - Open your Mouth“ vor dem Denkmal. „Auch damals zählten die LSBTTIQ-Menschen zur Gesellschaft, trotzdem wiederfuhr ihnen schreckliche Behandlung und das darf – auch präventiv – nicht in Vergessenheit geraten“, sagt Wels. Es bestehe immer noch die Gefahr, dass ein Rückschritt stattfinde und Verhältnisse beispielsweise wie in Russland entstünden.

Auch Familien kommen zum Gedenken

Neben ihm steht mit Tulpe und Kerze Jennifer Michelle Rath. Sie setzt sich besonders für die Beachtung und Achtung von transorientierten Personen ein. Sie hielt bereits bei einer vorherigen Gedenkfeier am Nollendorfplatz eine Rede und möchte gerade heute dazu aufrufen, sich zu fragen, wo noch Abgrenzung bestehe und man sich weiterentwickeln könne. „Wie kann man eine Welt schaffen, die für alle steht – dazu muss es einen Dialog geben“, so Rath. „Heute werden fast alle toleriert, aber gerade die Zweigeschlechterrolle zeigt, dass an einigen Stellen noch die Akzeptanz fehlt.“

Die gut vierzigminütige Veranstaltung zog nicht nur politisch aktive Menschen an, sondern auch Familien. Ein Teilnehmer ist mit seiner Frau und seinen zwei- und sechsjährigen Söhnen zum Gedenken gekommen. „Der heutige Tag ist für uns als Familie wichtig. Wir haben nicht nur Opfer, sondern auch Täter in unserer persönlichen Vergangenheit. Mein Vater selbst sollte ins Konzentrationslager Dachau; nur weil er flüchten konnte, bin ich heute hier“, so der 44-Jährige. „Ich habe meine Schlüsse daraus gezogen und mir ist es wichtig, meine Kinder demokratisch und offen zu erziehen; dazu gehört auch diese Vergangenheit.“ Besonders freue er sich, dass „alle nicht populistischen und demokratischen Parteien, ehrlich gedachten und Kränze niederlegten.“

Immer wieder negative Erlebnisse

Uwe Wartha (55) und Jürgen Auer (51) sind in Berlin zu Besuch. Eher durch Zufall ist das Ehepaar am Denkmal vorbeigekommen und schloss sich der Feier an. „Heute leben wir in einer wunderbaren Demokratie. Trotzdem muss man gerade denen Gedenken, die es nicht so gut hatten, wie wir es heute“, sagt Wartha. Der Autor trug vor dem Denkmal vor zwei Jahren eine seiner Geschichten vor, der Protagonist ist ein Homosexueller, dessen Partner Opfer des Nationalsozialismus wurde.

Doch auch Jugendliche zog es an diesem Tag zum Denkmal im Tierpark. Der 18-jährige Liam Zastrow ist mit dem Jugendnetzwerk Lambda Berlin-Brandenburg e.V. dort. Der Transjunge ist nicht nur Mitglied, sondern auch Beirat und setzt sich in der Berliner Queer-Szene ein. „Auch für die Jugend ist es wichtig, an diese schlimmen Taten und Situation zu erinnern und vor fehlenden Freiheiten zu warnen“, so Zastrow. „Berlin ist eine relativ offene Stadt geworden. Trotzdem gibt es immer wieder negative Vorfälle, die vermieden werden sollten.“

Steinert war sehr zufrieden: „Ich freue mich, dass so viele aus der demokratischen Politik Berlin und Brandenburgs anwesend waren und finde es passend, dass die Parteien, die ein ungeklärtes Verhältnis zur Deutschen Geschichte haben, verzichteten.“ Natürlich begrüße er ebenso die Teilnahme zahlreicher Verbände, Gewerkschaften und privater Personen. Bereits seit 2009 wird die Gedenkveranstaltung organisiert. Besonders freuen sich die Veranstalter über stetigen Zulauf, den auch kritischen Dialog zwischen Teilnehmenden und die gleichgewichtige Verteilung der teilnehmenden demokratischen Parteien.  

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