Hommage an Martin Dannecker : Was mir Lust bereitet, kann nicht falsch sein

Theoriepapst der Schwulen: Die Ausstellung „Faszination Sex“ im Schwulen Museum Berlin würdigt den Vordenker und Aktivisten Martin Dannecker.

Elmar Kraushaar
Der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker, dem das Schwule Museum in Berlin nun eine Ausstellung widmet.
Der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker, dem das Schwule Museum in Berlin nun eine Ausstellung widmet.Foto: Dragan Simicevic Visual Arts

Eingangs steht eine Statuette, eine naturgetreue Nachbildung von Martin Dannecker im Kleinformat. Trenchcoat, frisch rasiert, hohe Stirn, Pilotenbrille auf der Nase. So wie man ihn von einem historischen Foto vom 29. April 1972 kennt. Dannecker führte damals in Münster Deutschlands erste Schwulendemonstration an, in der einen Hand ein Mikrofon, in der anderen eine Parole, schwarze Schrift auf weißer Pappe: „Brüder & Schwestern warm oder nicht. Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht!“ So sieht also ein linker Schwuler zu Beginn der 70er Jahre aus. Der aus Frankfurt angereiste Dannecker unterscheidet sich deutlich von seinen Mitdemonstranten, die eher langhaarig sind, bärtig, nachlässig gekleidet.

In der Momentaufnahme, noch einmal eingefangen in der Skulptur, steckt die ganze Geschichte dieses Mannes, den das Schwule Museum mit einer eigenen Ausstellung ehrt. Ein Schwulenaktivist auf dem Weg zum anerkannten Sexualwissenschaftler mit einem ausgeprägten Hang für alles Ästhetische.

Er will mehr wissen über das Geheimnis Homosexualität

Zum Schönen zog es ihn schon hin, als er noch klein war. 1942 geboren in einem kleinen Dorf im Schwäbischen, aufgewachsen in bäuerlicher Umgebung, schwärmt er gänzlich unangepasst für schicke Damen mit lackierten Fingernägeln. Da sein Vater ihm das Gymnasium verweigert, verlässt Martin Dannecker bereits mit 13 die Schule und beginnt eine kaufmännische Ausbildung. Mehr scheint als Aufstieg in diesem Milieu nicht vorstellbar. Aber schnell ist er sich sicher: „Ich muss hier raus.“ Zum Abschluss seiner Lehre unterschreibt er einen Arbeitsvertrag in der großen weiten Welt – in Stuttgart.

Fortan arbeitet er in einem Großraumbüro und spürt erstes homosexuelles Verlangen. So viel kann er in Erfahrung bringen: Männer, die Männer begehren, treffen sich in einem Schwimmbad am linken Neckarufer. Hier knüpft er erste Kontakte, sein sexuelles Interesse, aber auch sein intellektuelles, sind geweckt. Er will mehr wissen über das große Geheimnis Homosexualität. In Bibliotheken forscht er nach und findet in allen Büchern das Gleiche – Negatives, Pathologisierendes, Abwertendes. Sein Verstand rebelliert: Das, was mir Lust bereitet, kann nicht falsch sein. Für diese Einsicht will er sich einsetzen, will er arbeiten.

Zwischen Theater und Wissenschaft

Dannecker beginnt eine Schauspielausbildung und jobbt nebenbei für die Soziologin Maria Borris. Der Traum von der Bühne ist schnell erledigt, zusammen mit Borris geht er als ihr Mitarbeiter nach Frankfurt am Main. Mit ihrer Unterstützung wird er 1966 Student der Soziologie. Er zieht in eine Wohngemeinschaft, wird Teil der studentischen Linken. Dabei legt er Wert darauf, dass man nichts gegen ihn, den Schwulen, hat. Und er besteht auf seiner modischen, mitunter extravaganten Kleidung: „Ich konnte nie einen Gewinn daraus ziehen, scheiße angezogen zu sein,“ wird Dannecker in der Ausstellung zitiert.

Anders. Martin Dannecker als Kunstfigur Polly Morf im Jahr 1970.
Anders. Martin Dannecker als Kunstfigur Polly Morf im Jahr 1970.Foto: Alfred von Meysenbug

Noch vor Beginn der neuen, westdeutschen Schwulenbewegung 1971, kommt Dannecker in Kontakt mit dem Filmemacher Rosa von Praunheim. Der erhält 1969 einen Auftrag vom WDR, im Zuge der ersten Reform des Paragrafen 175 einen Film über schwules Leben zu drehen. Daraus wird eine kitschige Lovestory, doch der Soziologiestudent Martin Dannecker kommt ins Spiel und unterlegt die süßlich-schummerigen Leinwandbilder mit einem knallharten politischen Text.

Wie "schwul" vom Schimpfwort zum Kampfbegriff wird

Das Ergebnis, „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, wird bei der Berlinale 1971 uraufgeführt. Und löst heftige Debatten aus. Die traditionellen Schwulen fühlen sich verunglimpft, andere aus dem Studentenmilieu nutzen den Film als Startschuss für eine linke, politische Bewegung. Dannecker und Praunheim ziehen durch die Lande, in vielen Universitätsstädten kommt es zu spontanen Gründungen von Aktionsgruppen. Und mit dem Film kommt das kleine Wörtchen „schwul“ zu neuer Bedeutung, aus dem einstigen Schimpfwort wird jetzt der Kampfbegriff einer jungen, selbstbewussten Generation homosexueller Männer.

Noch während der Arbeit an dem Film ist Dannecker andernorts engagiert, zusammen mit seinem Studienkollegen Reimut Reiche arbeitet er an einer empirischen Studie über homosexuelle Männer. Theoretisches Rüstzeug für diese Untersuchung sind die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, der Marxismus und die Psychoanalyse. Das Ergebnis erscheint 1974 in Buchform: „Der gewöhnliche Homosexuelle“. Der Blick auf Schwule, ihre Sexualität, Alltag und Subkultur beschönigt nichts, ist aber immer parteiisch. Dannecker etabliert sich damit als Wissenschaftler, wird in Schwulenkreisen zum Theoriepapst, veröffentlicht weiterhin, wird gerne interviewt und ist häufiger Gast in Talkshows. Eloquent und in klarer Sprache weiß er sein Publikum zu überzeugen, seine brennende Zigarette legt er dabei nie aus der Hand.

Als Martin Dannecker mit Rosa von Praunheim bricht

Der erfolgreiche Wissenschaftler wird Mitarbeiter am Frankfurter Institut für Sexualwissenschaft und mischt sich heftig ein in die öffentliche Debatte um AIDS, die zunehmend medialen Raum einnimmt. Es kommt zum offenen Bruch mit Rosa von Praunheim, der Schwule dazu aufruft, im Angesicht der Krankheit auf ein promiskuitives Sexualverhalten zu verzichten. Dannecker setzt sich dagegen weiterhin für gelebte Sexualität ein und argumentiert gegen die moralische Abwertung ungeschützten Geschlechtsverkehrs. 1990, nach seiner Habilitation, lehrt und forscht Dannecker weiter zu sexualwissenschaftlichen und soziologischen Themen. 2006 zieht er um nach Berlin, jetzt beschäftigen ihn Fragen nach schwulem Cybersex und zu Schwulen und ihrem Drogenkonsum.

All diese Lebensstationen kommen in der Ausstellung zur Geltung. Aber wie zeichnet man das Leben eines Wissenschaftlers nach, ohne nur kleingedruckte Aufsätze und Flugblatttexte zu präsentieren? Der Kuratorin der Ausstellung, der Polittunte Patsy l’Amour laLove, ist es gelungen, mit großzügigen Fotostrecken, vielen Audiomitschnitten und einigen Objekten ein abwechslungsreiches Porträt von Martin Dannecker zu zeichnen. So liegen mitten im Raum drei überdimensionale Zigarrettenkippen, zu benutzen als Sitzgelegenheiten, die auf Danneckers Leidenschaft fürs Rauchen hinweisen sollen.

Die Ausstellung ist unbedingt empfehlenswert. Vor allem für queere Generationen, denen der Name Dannecker nicht mehr viel sagt. Sie sollen wissen, dass sie etliche der Annehmlichkeiten ihrer aktuellen Lebenssituation auch der Arbeit und dem Engagement Danneckers verdanken. Oder, wie es Patsy l’Amour laLove einmal formulierte: „Wir müssen doch wissen, auf welchen Schultern wir stehen.“

Schwules Museum, bis 28. 2., So – Mi, Fr 14 - 18 Uhr, Sa 14 – 19 Uhr, Do 14-20 Uhr

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