Homosexualitäten und Literatur : Das lange Warten auf homosexuelle Romanfiguren

Im Literarischen Colloquium Berlin läuft derzeit das Festival "Empfindlichkeiten - Homosexualitäten und Literatur". Mit dabei ist auch der Schweizer Autor Alain Claude Sulzer, der einen Blick in die schwule Literaturgeschichte wirft.

Alain Claude Sulzer
Der Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer.
Der Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer.Foto: Julia Baier

Welche Freuden und Unannehmlichkeiten außereheliche Beziehungen mit sich brachten, konnten die Leserinnen und Leser bei Fontane, Flaubert, Tolstoi und Dutzenden von weiteren Autoren nachlesen. Indem sie es einer breiten Öffentlichkeit zuführte, beglaubigte und verallgemeinerte die Literatur, was die Leser ahnten, ersehnten oder bereits am eigenen Leib erfahren hatten. Bei den Schriftstellern stieß man meist auf mehr Verständnis als im Freundeskreis.

Gleich war es mit der erfüllten Liebe und dem unerfüllten Verlangen. Davon erzählten Emily Brontë oder Heinrich von Kleist; davon erzählte Goethe, erzählten alle in allen nur erdenklichen Abweichungen. Es ging dabei ganz selbstverständlich um die vielfältigen Spielarten der Liebe zwischen den Geschlechtern. Wer sich im 18. oder 19. Jahrhundert Hinweise auf die Liebe zwischen Männern erhoffte, wurde enttäuscht.

Noch E. M. Forster entschloss sich im 20. Jahrhundert, den Roman „Maurice“ (1914), in dem die Liebe zwischen Männern unzweideutig im Mittelpunkt stand, nicht zu publizieren. Das geschah erst nach seinem Tod (1971). Seine Reputation aufs Spiel zu setzen, wäre sozialer Selbstmord gewesen. Forster schrieb Romane, die zwischen den Geschlechtern spielten. Als seine Geduld mit den normalen Menschen erschöpft war, wie er sagte, hörte er auf zu schreiben.

Frühe Versuche von André Gide und Klaus Mann

Wie müssen sich junge, homosexuell empfindende Männer und Frauen gefühlt haben, wenn sie feststellen mussten, dass ihr Begehren nicht einmal dort ein Forum hatte, wo scheinbar alles möglich schien, in der Literatur nämlich? Einer der Gründe, warum wir auf Vermutungen angewiesen sind, wenn wir etwas über homosexuelle Lebensentwürfe in historischer Zeit erfahren wollen, liegt nicht zuletzt in der Abwesenheit von Homosexualität in der literarischen Landschaft der Vergangenheit. Wenngleich es im 20. Jahrhundert frühe Versuche wie etwa André Gides „Corydon“ (1924) oder Klaus Manns „Der fromme Tanz“ (1925) gab, mussten Homosexuelle bis in die Sechziger auf selbstbewusste literarische Auftritte warten.

Dass Homosexualität, nachdem sie endlich in der literarischen Welt angekommen war, auch schlummerndes Begehren weckte, sei positiv erwähnt; die Zeiten, in denen dieser Umstand gegen ihre Präsenz in der Literatur ins Feld geführt wurde, sind vorbei, wenngleich nicht überall. Jede und jeder wird solche sinnlichen Erfahrungen gemacht haben.

Auf einem Schiff kommen sich zwei Männer näher als gemeinhin erlaubt

Unvergesslich ist mir die Szene in einem amerikanischen Roman, dessen Titel ich leider vergessen habe. Die „Stelle“ überwältigte mich im Alter von etwa 13 Jahren, als ich im Gästebett meiner Großmutter lag. Ich las, wie sich auf der Kommandobrücke eines Schiffs zwei Männer näherkamen als gemeinhin erlaubt. Was dem jungen Leser eine Buchseite zuvor noch undenkbar schien, geschah auf dem Papier und wurde wirklich. Worauf ich gewartet hatte, hatte auch auf mich gewartet. In einem Buch, dem andere folgen sollten – und dann das Leben.

Alain Claude Sulzer ist 1953 in Riehen bei Basel geboren. Zuletzt erschien sein Roman „Postskriptum“ (Galiani).

Alain Claude Sulzer tritt am Samstag um 14 Uhr auf dem Festival „Empfindlichkeiten – Homosexualitäten und Literatur“ im Literarischen Colloquium Berlin (Am Sandwerder 5) auf. Das internationale Festival geht bis zum 16. Juli. Mit dabei sind unter anderem auch Ricardo Domeneck, Édouard Louis, Hilary McCollum, Perihan Magden, Thomas Meinecke und Antje Rávic Strubel. Das gesamte Programm finden Sie hier.

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