Homosexualitäten und Literatur : Die Fiktionsschaufel und der besondere Blick

Im Literarischen Colloquium Berlin läuft derzeit das Festival "Empfindlichkeiten - Homosexualitäten und Literatur". Mit dabei sind Suzana Tratnik und Kristof Magnusson, die hier ihre Sicht auf das Thema beschreiben.

Suzana Tratnik Kristof Magnusson
Die slowenische Schriftstellerin Suzana Tratnik.
Die slowenische Schriftstellerin Suzana Tratnik.Foto: NADA ZGANK

Im Jahr 1996, gleich zu Beginn meiner literarischen Laufbahn, war ich in einer Sendung für junge Schriftsteller beim staatlichen Rundfunk zu Gast. Der Redakteur fragte mich, ob ich beabsichtige, einen Roman zu schreiben. Er glaubte, ich sei dazu nicht wirklich fähig, weil meine Schaufel zu klein sei.

Als „wirklicher Schriftsteller“, meinte er wohl, brauche man nämlich eine Schaufel, die alle weltlichen Erfahrungen, Erinnerungen, Vergangenheiten, Gefühle und so weiter aufnehme, nicht nur die kleinen. Als Lesbe seien meine Erfahrungen aber eben vergleichsweise klein, beschränkt und rein autobiografisch. Deshalb könne ich mich gar nicht mit der großen Welt da draußen beschäftigen.

Ich habe viel Zeit darauf verwendet, gegen das Vorteil anzuschreiben, dass heterosexuelle Schriftsteller dadurch, dass sie „einfach Schriftsteller“ ohne Etiketten seien, über die Welt schreiben, während schwule, lesbische oder queere Autoren nur oder überwiegend über sich schreiben, mehr noch, dass sie einfach aus sich selbst heraus schreiben.

Verwechselt mich nicht mit den Lesben, über die ich schreibe

Und tatsächlich, was immer ich in meinen Kurzgeschichten oder Romanen schrieb, musste sich die Frage gefallen lassen: „Wann genau ist dir das passiert?“ Es war für manche Leser fast unvorstellbar, dass ich in den meisten Fällen mit den Erzählern meiner Prosa nicht identisch war.

Ich möchte nicht mit all den Lesben verwechselt werden, mit dem Transgender- Jungen oder dem von Homophoben angegriffenen jungen Schwulen, über die ich geschrieben habe. Nein, das sind meine von mir festgehaltenen Erfahrungen, aber es ist die Welt, über die ich schreibe, es ist die Welt, die ich mit meinem Schreiben erschaffe. Die Welt der Fiktion. Die Schaufel der Fiktion, wenn man so will. Ich glaube, dass diese persönlichen Erfahrungen, sobald man sie in einem breiteren sozialen Kontext gestaltet, einen neuen Ort jenseits der Autobiografie einnehmen.

Aus dem Englischen von Gregor Dotzauer. Suzana Tratnik, 1963 im slowenischen Murska Sobota geboren, lebt als Autorin und Übersetzerin in Ljubljana.

Der Berliner Schriftsteller Kristof Magnusson .
Der Berliner Schriftsteller Kristof Magnusson .Foto: Gunnar Klack

Kristof Magnusson: ein besonderer Blick

Ich bin mir sicher, dass mein Schreiben ohne mein Schwulsein ganz anders wäre. Als queerer Jugendlicher wächst man in dem Bewusstsein auf, in einer Gesellschaft zu leben, die nicht für einen gemacht ist. Dies hat einen besonderen Blick geprägt, der sich auf alle Aspekte ausgedehnt hat. Dinge, die für viele Menschen sehr wichtig sind, berühren mich weniger – andere Dinge, gegenüber denen die Mehrheit unempfindlich ist, berühren mich sehr.

Auch mein Glauben an die subversive, anarchische Kraft des Humors im Kampf gegen alles Totalitäre, Unterdrückende und Belehrende ist von diesem besonderen Blick geprägt, ebenso wie mein Spaß am Spiel mit Rollen, Haltungen etc.

Es geht mir also gar nicht so sehr darum, dass meine Homosexualität dazu führt, dass ich mich bestimmten Themen zuwende oder in jedem Werk einen bestimmten Prozentanteil von queeren Charakteren haben muss, es geht um einen fundamental anderen Blick auf egal welche Person, auf egal welches Thema.

Kristof Magnusson ist 1976 in Hamburg geboren. Er lebt als Autor und Übersetzer aus dem Isländischen in Berlin. Zuletzt erschien sein „Arztroman“ (Kunstmann).

Suzana Tratnik und Kristof Magnusson treten am Samstag auf dem Festival „Empfindlichkeiten – Homosexualitäten und Literatur“ im Literarischen Colloquium Berlin (Am Sandwerder 5) auf. Das internationale Festival geht bis zum 16. Juli. Mit dabei sind unter anderem auch Ricardo Domeneck, Édouard Louis, Hilary McCollum, Perihan Magden, Thomas Meinecke und Antje Rávic Strubel. Das gesamte Programm finden Sie hier.

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