Homosexualitäten und Literatur : Queer auf Arabisch

Im Arabischen haben die meisten Begriffe, die Homosexuelle bezeichnen, einen negativen Beiklang. Queere Menschen kämpfen um Alternativen. Ein Essay zum Festival "Empfindlichkeiten - Homosexualitäten und Literatur".

Saleem Haddad
Liebe undercover. Das Gemälde „Intifada“ des in Polen geborenen und in Wien lebenden Künstlers Michal Rutz. Infos zu ihm unter: www.michalrutz.com.
Liebe undercover. Das Gemälde „Intifada“ des in Polen geborenen und in Wien lebenden Künstlers Michal Rutz. Infos zu ihm unter:...Foto: Michal Rutz

Wie sagt man „homosexuell“ auf Arabisch? Diese von Gabriel Semerene in einem Essay über die Politik der Sprache und Sexualität in der arabischen Welt gestellte Frage ist komplizierter, als sie auf den ersten Blick erscheint. Und für arabische LGBT-Aktivisten bleibt sie im Kampf um Anerkennung zentral.

Aber warum wird um die Sprache so erbittert gekämpft? Wie Edward Said in seiner Essay-Sammlung „Reflections on Exile“ schreibt, ist Sprache zentral für unser Identitätsverständnis und unser Verhältnis zur Welt. Sprache ist nicht nur ein Kommunikationsmittel. Sie ist auch eine Strategie. Die Entstehung und die Übernahme von Worten ist eine Taktik, um Identitäten und Bedeutungen zu erschaffen. Worte können nicht nur unsichtbare Identitäten zum Vorschein bringen, sondern auch Kontexte, in denen diese Identitäten wirken.

Um auf die Ausgangsfrage „Wie sagt man ,homosexuell‘ auf Arabisch“ zurückzukommen, ist es hilfreich, zunächst auf einige der üblichen Worte zu schauen, mit denen LGBT-Personen bezeichnet werden. Da wären liwat/looti für männliche Homosexuelle, was zugleich Sodomie (Unzucht) suggeriert, und das weibliche sihaqah, das auf zermalmen oder mahlen zurückgeht und für Lesben benutzt wird. Außerdem gibt es den Begriff khanith/mukhannath, der in der Golfregion populär ist und Erinnerungen an Eunuchen weckt. Schließlich das Wort shaath, das so viel wie queer oder abweichend/abartig bedeutet. Es gibt also im Arabischen keinen Mangel an Worten, um homosexuelle Handlungen zu beschreiben, aber keines davon ist positiv.

Diskussionen über Sex? Finden meist auf Englisch statt

Tatsächlich finden offene Diskussionen über Sex unter queeren Arabern oft auf Englisch oder Französisch statt. Vielleicht dienen diese Sprachen als eine Art Schutzbarriere zwischen einer Person und ihrer sexuellen Praxis. Das Arabische – eng mit dem Koran verbunden – erscheint manchmal zu sehr aufgeladen mit sozialem und kulturellem Gepäck. Das könnte auch der Grund dafür sein, dass sich viele arabische Schriftsteller entschieden haben, über ihre Homosexualität auf Englisch oder Französisch zu schreiben – mich selbst eingeschlossen. Englisch ermöglicht uns eine sichere Distanz: von unseren Gesellschaften, vielleicht auf gewisse Weise auch von uns selbst.

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Die Ausstellung "Queertopia: It Takes A Village" im Projektraum der Galerie Kornfeld in der Fasanenstraße. Alfred Kornfeld und Salma Arzouni haben die Ausstellung kuratiert und stehen vor dem Werk " El encuentro de la memoria" von Servando Cabrera Moreno.
Träumen von "Queertopia"

In den vergangen 20 Jahren haben einige LGBT-Aktivisten im arabischen Raum gezielt und zum Teil erfolgreich darauf hingewirkt, die Sprache umzuformen und neu zu fassen, mit der queere Menschen beschrieben werden. Zum Beispiel durch das Wort mithli, das sich von der Übersetzung des Begriffs „homo“ ableitet und den Fokus weg von einer Sex-Praxis hin zu einer Identität lenkt. Es wird mittlerweile als respektvollere Art gesehen, über lesbische oder schwule Personen zu sprechen.

"Queer“ wird zu „kweerieh“ arabisiert

Während mithli in den Medien und intellektuellen Kreisen benutzt wird, bleibt das Wort für hetero – ghayiriyi – allerdings ungebräuchlich. Dadurch wird die heterosexuelle Identität quasi unsichtbar gemacht und als Standard gesetzt, von dem die homosexuelle Abweichung mit ihrem eigenen Wort markiert wird. Wohl um diesem Umstand Rechnung zu tragen, haben sich einige Teile der Bewegung entschlossen, die Hetero/Homo-Binarität völlig hinter sich zu lassen, indem sie das Wort „queer“ zu „kweerieh“ arabisierten.

Der Autor: Saleem Haddad, geboren 1983 in Kuwait als Sohn einer Deutsch-Irakerin und eines palästinensischen Libanesen, brachte im März seinen Debütroman „Guapa“ heraus.
Der Autor: Saleem Haddad, geboren 1983 in Kuwait als Sohn einer Deutsch-Irakerin und eines palästinensischen Libanesen, brachte im...Foto: Promo

Diese Aneignung europäischer Worte und Phrasen verläuft nicht ohne Spannungen. Einige Kritiker, besonders der arabisch-amerikanische Autor und Professor Joseph Massad, haben arabische LGBT-Aktivisten angegriffen, weil sie westliche Identitätskategorien übernahmen, wo es diese früher nicht gab. Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte ignorierend, geht derartige Kritik davon aus, dass Kulturen und Sprachen isoliert voneinander existieren. In der Realität leben die Menschen – jetzt mehr als je zuvor – zwischen den Sprachen und Kulturen. Man bedient sich bei verschiedenen Sprachen, wenn die Worte in einer nicht ausreichen. Begriffe wie mithli und kweerieh zu begrüßen, bedeutet nicht, die Kolonialgeschichte in der arabischen Welt zu verleugnen. Es geht vielmehr darum, bei unseren Emanzipationsbestrebungen misstrauisch gegenüber der pauschalen Ablehnung von Sprachen zu sein.

Rück-Aneignungen von Beschimpfungen

Ein letzter Punkt betrifft die Rück-Aneignung von Beschimpfungen. Vor allem das Wort shaath – abartig – hat nach Ansicht einiger arabischer Aktivisten das Potenzial, von seiner negativen Konnotation befreit und in eine kraftvolle Selbstbezeichnung überführt zu werden. Die libanesische Kampagne zum Internationalen Tag gegen Homophobie stand 2010 beispielsweise unter dem Motto „Ana Shaath“ (Ich bin abartig/queer). Das war nicht unumstritten. Aber ist es das Wort selber, das das Stigma trägt, oder sind die von der Gesellschaft geschaffenen Konnotationen noch immer zu stark, um es zurückzuerobern? Schließlich ist Sprache nichts ohne Kontext: Gebraucht man ein Wort auf eine bestimmte Weise, kann es dämonisierend wirken, in einem anderen Zusammenhang kann es positiv verstanden werden.

Während die Diskussion weitergeht, ist es erwähnenswert, dass es schon ein bestärkender Akt ist, auf Arabisch über Geschlecht und Sexualität zu sprechen und dabei eine neue Terminologie zu prägen und alte Worte zurückzugewinnen. Welchen Zweck hat schließlich Sprache, wenn wir unfähig sind, sie zu modernisieren, zu modellieren, zu formen und letztlich einen Platz für uns in ihr zu finden?

- Aus dem Englischen von Nadine Lange. - Saleem Haddad tritt am Freitag auf dem Festival „Empfindlichkeiten – Homosexualitäten und Literatur“ im Literarischen Colloquium Berlin (Am Sandwerder 5) auf. Das internationale Festival geht vom 14. bis 16. Juli. Mit dabei sind unter anderem auch Ricardo Domeneck, Édouard Louis, Hilary McCollum, Perihan Magden, Thomas Meinecke und Antje Rávic Strubel. Zur Eröffnung am 14. Juli (19 Uhr) spricht Abdellah Taïa, Kathrin Röggla hält einen Vortag über Hubert Fichte. Zudem eröffnet die Ausstellung „Leonore Mau – Hubert Fichte: Empfindlichkeiten“. Das gesamte Programm finden Sie hier.

Mehr LGBTI-Themen finden Sie auf dem Queerspiegel, dem queeren Blog des Tagesspiegels. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite oder mailen Sie uns an: queer@tagesspiegel.de.

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