Karrieremesse "Alice" für Juristen : "Unsichtbare Barrieren in den Kanzleien"

Juristen gelten als konservativ, ein Outing kann in Kanzleien Karrieren behindern. Die LGBTI-Karrieremesse "Alice" soll das ändern. Ein Interview mit dem Messe-Gründer Stuart Cameron.

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Stuart B. Cameron, CEO der Uhlala GmbH aus Berlin. Er organisiert die neue LGBTI-Karrieremesse für Juristen, "Alice". Sein Unternehmen führt unter anderem auch die LGBTI-Karrieremesse "Sticks and Stones" und den Kongress "Unicorns in Tech", beide in Berlin, durch.
Stuart B. Cameron, CEO der Uhlala GmbH aus Berlin. Er organisiert die neue LGBTI-Karrieremesse für Juristen, "Alice". Sein...Foto: privat

Herr Cameron, Sie organisieren Ende Oktober die erste Karrieremesse für Juristen in Deutschland, die sich dezidiert an Lesben, Schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen richtet. Was erwartet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer?

Zunächst präsentieren sich dort natürlich stolze Unternehmen und Kanzleien, die sich beim Thema LGBTI auskennen. Denen ist egal, ob ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter homo oder hetero sind - Hauptsache gut! Das ist ja leider noch nicht bei allen Firmen der Fall. Wir organisieren zahlreiche Vorträge rund um das Thema Recht und LGBTI. Ein Vertreter der US-Rechtsanwaltskammer berichtet aus den USA, die Amerikaner sind bei dem Thema insgesamt viel weiter als wir. Überhaupt stellt die Messe die erste Möglichkeit für lesbische und schwule Juristinnen und Juristen dar, sich auszutauschen und ein Netzwerk zu bilden.

Warum braucht es eine solche Messe?

Juristen gelten als sehr konservativ. Tatsächlich gibt es immer noch Probleme, in Kanzleien mit der Karriere voranzukommen, wenn man sich outet. Das sind natürlich unsichtbare Barrieren. Niemand würde das einem Mitarbeiter offen sagen. Da kennen sich Juristen aus, was legale Grenzen sind. Aber es sind immer noch Netzwerke, die den Berufsaufstieg unter sich ausmachen, und LGBTI sind da oft außen vor. Frauen sind insgesamt sehr wenig in Kanzleien vertreten,  mit Diversität ist es da meist nicht weit her.

Wie lässt sich das ändern?

In den USA hat sich das geändert, nachdem Kanzleien wegen Diskriminierung empfindliche Strafen zahlen mussten. Danach haben sie Diversität auch als strategisches Thema erkannt. Es ist nicht immer einfach, sehr gute Nachwuchskräfte zu rekrutieren. Da muss man mehr bieten als nur Geld. Wenn Bewerberinnen und Bewerber wissen: Bei meinem Arbeitgeber kann ich offen leben – das ist ein großes Plus.

Welche Unternehmen haben Sie für die Messe angesprochen, und wie haben die reagiert?

Einige Kanzleien haben bereits auf der von uns ebenfalls organisierten LGBTI-Karrieremesse „Sticks and Stones“ ausgestellt, die jedes Jahr in Berlin stattfindet. Wir sind dann die Kanzleien durchgegangen, die groß genug sind und auf den entsprechenden Karriereportalen vertreten sind. Die haben ganz unterschiedlich reagiert. Wir wurden schon kritisch beäugt, einige halten sich durchaus zurück. Das ist ein kultureller Kampf: Manche Kanzleien haben Sorge, Kunden könnten eine Teilnahme bemerken und daraufhin Aufträge stornieren. Ich halte es mit einem großen Versicherungsunternehmen, das auf der „Sticks and Stones“ vertreten war. Einige Kunden haben danach Policen gekündigt. Das Unternehmen hat dann gesagt: ‚Auf solche Kunden können wir auch verzichten.“

Warum findet die Messe in Frankfurt statt und nicht wie andere von Ihnen organisierten Veranstaltungen in Berlin?

Na, es muss solche Messen auch mal anderswo geben. Frankfurt ist die Hochburg der Juristen, die großen Kanzleien sind von dort. Das ist der richtige Ort.

Die Messe trägt den Namen „Alice“, nach der kamerunischen Rechtsanwältin und Menschenrechtlerin Alice Nkom. Wird sie auch kommen?

Ich durfte Alice kennen lernen, als sie vor zwei Jahren den Menschenrechtspreis von Amnesty International erhalten hat. Bei ihrer Arbeit geht es um Leben und Tod, sie setzt sich als einzige Anwältin in Kamerun gegen die Kriminalisierung und Ausgrenzung von Homosexuellen ein. Ihr Mut ist wahnsinnig groß, ich bewundere sie. Dieses Jahr kann sie leider noch nicht kommen – aber künftig wird sie auf jeden Fall dabei sein.

- Coming Out am Arbeitsplatz? Mehr dazu lesen Sie hier.

- Die Karrieremesse "Alice" findet am 30. Oktober in Frankfurt am Main statt. Informationen und Anmeldungen unter http://juristenmesse.com/.

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