Liebesroman "Sphinx" : Das unsichtbare Dritte

Die französische Autorin Anne Garréta hat 1986 mit „Sphinx“ eine genderlose Liebesgeschichte geschrieben. Jetzt ist ihr beeindruckendes Debüt erstmals auf Deutsch erschienen.

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Schriftstellerin Anne Garréta, 1962 in Paris geboren.
Schriftstellerin Anne Garréta, 1962 in Paris geboren.Foto: Isabelle BOCCON GIBOD/Opale/Leemage

Mädchen oder Junge, Mann oder Frau? Bei jedem Menschen, den wir treffen, versuchen wir, das als Erstes zu klären. Gelingt das nicht, entsteht eine Irritation – so grundlegend ist diese Kategorisierung, die selbst Kleinkinder schon bei sich und anderen vornehmen. Auch in erzählenden Kunstformen besteht über das Geschlecht von Figuren kaum je ein Zweifel.

Es kann wechseln wie in Virginia Woolfs „Orlando“, aber es bleibt erkennbar. Dass es in einem aus der Ich-Perspektive geschriebenen Roman wie Jeanette Wintersons „Auf den Körper geschrieben“ (1993) bis zum Schluss undurchsichtig bleibt, ist eine Ausnahme.

Auch Anne Garrétas Debütroman „Sphinx“, schon 1986 im französischen Original erschienen und nun erstmals ins Deutsche übertragen, ist eine solche Ausnahme. Hier bleibt neben dem Geschlecht des erzählenden Ichs auch das seiner großen Liebe A*** ungenannt. Dieses erzählerische Experiment brachte der Autorin vor 16 Jahren die Mitgliedschaft im lockeren Kreis der Autoren von Oulipo (Ouvroir de littérature potentielle) ein, dessen Ziel es ist, die Kreativität durch selbst auferlegte Beschränkungen zu entfesseln.

Im Pariser Nachtleben lernen die beiden sich kennen

So kam eines ihrer berühmtesten Mitglieder, Georges Perec, bei seinem Roman „Anton Voyls Fortgang“ 1969 sogar komplett ohne den Buchstaben E aus. Verglichen damit hat Garrétas Auslassung weniger einschneidende Konsequenzen: Ihr Text ist flüssig und gut lesbar, selbst einer übermäßigen Häufung des A***s geht die 1962 in Paris geborene Autorin geschickt aus dem Weg.

In „Sphinx“ erinnert sich das erzählende Ich an seine mehr als zehn Jahre zurückliegende Beziehung zu A***. Die beiden lernen sich im Pariser Nachtleben kennen. Der/die Erzähler/in hat zuvor ein Theologiestudium abgeschlossen, arbeitet jetzt als DJ in einem angesagten Club und gibt sich in der Freizeit seiner/ihrer größten Leidenschaft hin: dem Betrachten von Körpern.

Momente der Erfüllung löst bei den nächtlichen Exkursionen der Anblick von A*** im Cabaret Eden an der Rive Gauche aus: „Und wer wäre nicht für diese lange Gestalt entbrannt, für diese wie von Michelangelo gemeißelte Muskulatur, die seidige Haut, der nichts gleichkam, war mir bis dahin begegnet war?“ Nach einer Phase des freundschaftlichen Umgangs und des Werbens um A*** werden die beiden schließlich ein Paar.

Automatisch geht man beim Lesen auf Gender-Indiziensuche

Doch wie soll man sich dieses Paar vorstellen? Anne Garréta gibt immerhin preis, dass A*** afro-amerikanischer Herkunft ist, einst in New York und München gewohnt hat und etwa zehn Jahre älter ist als das Anfang 20-jährige DJ-Ich mit seiner weißen Haut. Da A*** beruflich tanzt und lieber durch die Stadt bummelt, als sich wie das Ich mit Büchern, Filmen und Kunst zu befassen, scheint es naheliegend, hinter der Abkürzung eine Frau zu vermuten. Weil andere Liebhaber erwähnt werden – nur die Hauptfiguren sind genderlos – scheint sie heterosexuell zu sein. Wahrscheinlich ist der DJ also ein Mann ... Und schon schnappt Garrétas Falle zu: Alle diese Schlüsse und Zuschreibungen sind klischeehaft und verweisen letztlich auf ein beschränktes Genderkonzept.

Die Herausforderung von „Sphinx“ besteht darin, die beiden Liebenden außerhalb der binären Geschlechterordnung zu imaginieren. Weder als Mann noch als Frau oder wenigstens jeweils mal als Frau und mal als Mann. Nicht umsonst hat Garréta ihrem Buch die Widmung „To the third“ vorangestellt.

"Sphinx" erschöpft sich nicht im stilistischen Experiment

War die Vorstellung eines Zwischen oder Außerhalb der Genderkategorien vor 30 Jahren noch avantgardistisch, trifft es heute, wo das Konzept der Genderfluidität langsam bekannter wird, auf fruchtbaren Boden. Visionär geradezu, dass Garréta drei Sternchen benutzte: Derzeit gewinnt der sogenannte Genderstar als Zeichen für Menschen zwischen den Kategorien an Popularität.

Allerdings erschöpft sich „Sphinx“ nicht im stilistischen Experiment. Vor allem wenn die Handlung Fahrt aufnimmt und das Ich aus seinen schmerzzerquälten eremitischen Phasen heraustritt, entwickelt sich ein Sog, der die Genderthematik in den Hintergrund rückt. Mitreißend etwa die Schilderung des Abends, an dem es zufällig den Job in der Disko L’Apocryphe bekommt, weil der vorherige DJ sich in der Toilette eine Heroin- Überdosis gespritzt hat und der Manager nach der gemeinschaftlichen Entsorgung der Leiche sofortigen Ersatz sucht. Erstaunlich schnell lernt der Neuzugang hinter den Plattentellern das Handwerk und löst immer wieder „beseelte Raserei“ auf der Tanzfläche aus.

Über Schwarze schreibt Garréta unsensibel

Bald stellt sich jedoch ein gewisser Überdruss an dieser Tätigkeit ein, ähnlich verhält es sich mit der Beziehung zu A***: „Wir hatten alles, was durch äußere Umstände an Unzufriedenheit, Groll und Leid in uns entstanden war, in unserem Inneren verschlossen. Wie in einem Brutkasten brüteten wir nebeneinander unseren Schmerz aus.“ Solche Gefühle kann jeder nachvollziehen, egal ob Mann oder Frau. Bedauerlich nur, dass Anne Garréta in Sachen Hautfarbe weit weniger reflektiert und sensibel schreibt: Die Gegensätze ihres schwarz-weißen Paares muten stereotyp an, da sie der schwarzen Figur vor allem Körperlichkeit und Extrovertiertheit zuschreibt, der weißen hingegen Intellekt und Introvertiertheit.

Auch irritieren die wiederholte Rede von „schwarzen Mammas“ und die alleinige Charakterisierung von zwei Angreifern im Schlusskapitel als Schwarze (Ethnizität steht hier über Gender). Von Weißen schreibt Garréta hingegen nie, sie sind offenbar der Standard, von dem nur die Abweichung markiert wird. Da zeigt sich dann doch, dass dieses wiederentdeckenswerte Buch schon drei Jahrzehnte alt ist.

Anne Garréta: Sphinx. Roman. Aus dem Französischen von Alexandra Baisch. Edition fünf, Gräfelfing/Hamburg 2015. 184 S., 19, 90 €.

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