Mode: Renaissance des Dandys : Der Dandy Chic

Der elegante Stil des 18. und 19. Jahrhunderts lebt wieder auf. Dandys sind überall, ob im Internet, in der Subkultur oder einer Ausstellung im Schwulen Museum.

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Provokant elegant. Die sogenannten Sapeurs stolzieren in den Slums von Brazzaville wie Stars herum.
Provokant elegant. Die sogenannten Sapeurs stolzieren in den Slums von Brazzaville wie Stars herum.Fotos: Daniele Tamagni

Als David Roth und Jakob Haupt, die Blogger von „Dandy Diary“, im April in Berlin ihren Imbiss „Dandy Diner“ eröffnen, herrscht so ein Auftrieb auf der Straße, dass die Polizei anrücken muss. Dabei sind da nur zwei Modeblogger, die diesmal statt Sottisen über Schauen vegane Burger unters Volk bringen wollten. In einem kindischen Outfit mit schweinchenrosa Schürzen, das einem klassischen Dandy wie Oscar Wilde wohl Würgereize verursacht hätte.

Dass der Begriff Dandy unter den hiesigen Hipstern derart zieht, war dann doch überraschend, immerhin handelt es sich bei diesem Typus des eleganten Mannes um ein Phänomen, das aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammt. Für jene, die eine Wesensverwandtschaft spüren, hier gleich eine schlechte Nachricht von Julia Bertschik, Kulturwissenschaftlerin an der Freien Universität. „Der Hipster ist kein Dandy“, sagt sie, „er ist zu wenig elegant.“ Nur David Roth selbst taugt als Link.

Ein Modefoto von 2010, also aus der Vor-Imbiss-Zeit, zeigt ihn mit schickem Käppi, nostalgischem Flechtköfferchen, blauer Krawatte und ebensolchem Kummerbund als Prototyp des „Dandy 2.0“ in der Ausstellung „Am I Dandy? Anleitung zum extravaganten Leben“ im Schwulen Museum.

Der Briten George „Beau“ Brummell gilt als erster Dandy

Julia Bertschik ist eine der Kuratoren der im Vorfeld der Fashion Week eröffneten, gemeinsam mit dem Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam veranstalteten Schau, die mittels Kleidungsstücken, Fotos, Modezeichnungen und Karikaturen einen weiten Bogen von der Belle Epoque bis zur digitalen Gegenwart schlägt: vom ersten Dandy, dem Briten George „Beau“ Brummell, zur heutigen Sapeur-Bewegung in der Republik Kongo. Vom französischen Dichter Charles Baudelaire, der den Dandy als den idealen, weil seine weiblichen Anteile pflegenden Mann postulierte und zugleich Frauen als viel zu „natürlich“ betrachtete, um dem lebendigen Kunstwerk des Dandys zu entsprechen, bis zum weiblichen Dandy, auch „Femme Dandy“ genannt, mit Heldinnen der unterkühlten Eitelkeit wie Coco Chanel und Marlene Dietrich und den mit Geschlechteridentitäten spielenden Drag Kings.

Der Dandy steht zwischen den Geschlechtern

Tatsächlich hat der Dandy mit der Erfindung von Krawatte und schlichtem Anzug zwar zuerst die Herrenmode revolutioniert, aber zugleich – etwa durch das Attribut Männerkorsett, das dem deutschen Dandy Hermann Fürst von Pückler-Muskau zu einer Wespentaille verhalf – auch einen androgynen Touch in die Sprache der Kleider und Körper gebracht, der in immer neuen Erscheinungsformen bis heute besteht. „Der Dandy steht zwischen den Geschlechtern“, sagt denn auch Julia Bertschik.

Die Herkunft des Begriffs selbst ist nicht eindeutig geklärt. Kluges Etymologisches Wörterbuch verortet sie im 18. Jahrhundert, als „dandy“ im englisch-schottischen Grenzgebiet junge Leute bezeichnete, die in auffälliger Kleidung Kirche oder Jahrmarkt besuchten. Die Ausstellung und das gleichnamige Buch, das aufdröselt, was die Aura des Dandys ausmacht, verweigern dagegen eine Erklärung – und auch eine Definition. Zu vielgestaltig seien die dem Dandyismus zuzurechnenden Ausdrucksformen.

Ein unabhängiger, individueller, schlagfertiger Geist

Was in jedem Fall stimmt: Der Dandy ist der elegante Mann, der weder exzentrisch noch versnobt ist, wobei die Übergänge fließend sein können. Ein unabhängiger, individueller, distanzierter, schlagfertiger, oft auch schneidend intellektueller Geist, weswegen viele Künstler und Literaten wie Sergej Diaghilew, Lord Byron, Theodor Herzl und im 20. und 21. Jahrhundert deutsche Epigonen wie Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre und Jan Delay darunter sind.
Mit dem größtmöglichen Aufwand ein Höchstmaß an Schlichtheit erzielen, das war die Devise des ersten Dandys Beau Brummell, der es 1778 als reicher Bürgersohn geboren, allein aufgrund seiner überragenden Eleganz und Originalität zum Busenfreund von König George IV. und zum Darling der Londoner Gesellschaft brachte. Er verachtete die Affektiertheit der französisch inspirierten höfischen Mode mit ihren langen Rockschößen und Perücken, ließ es sich aber nicht nehmen, fünf Stunden bei der Morgentoilette zu verweilen und die Stiefel mit Champagner polieren zu lassen. Selbstverständlich war bei diesem allein dem äußeren Erscheinungsbild geweihten Leben nicht an schnöden Geldverdienst zu denken. Müßiggang und finanzielle Sorglosigkeit sind für den Dandy unverzichtbar und weisen ihn als aristokratische Ausprägung des Bürgertums aus: Aus Prinzip nutzlos sein, sich kleingeistigen Ideen wie Karriere, Ehe und Familiengründung verweigern, das ist dandyesk.

Der Dandy will bewundert werden

Brummell war auch eine frühe Medienberühmtheit, gewürdigt in unzähligen Aufsätzen, Zeitungsartikeln und Karikaturen, wie der nach Öffentlichkeit strebende Dandy überhaupt der noble Urahn heutiger Celebreties ist. Aus der Intimität seines Heiligtums, des mit einem schwenkbaren Spiegel ausgestatteten Ankleidezimmers, geht er hinaus auf die Straße, in den Salon, den Club, um zu posieren, zu überraschen, zu provozieren und vor allem: um sich bewundern zu lassen.
In Ostafrika, in den Slums von Brazzaville, der Hauptstadt der Republik Kongo, ist das heute noch zu erleben. Da lebte in den 1970er Jahren eine Subkultur wieder auf, die ihre Ursprünge schon 50 Jahre davor im französischen Kolonialismus hatte: die Herausgeputzten, die Sapeurs. Das sind – anders als beim europäischen Dandy, dessen bevorzugte Farbe ein gedecktes Blau ist – vielfach farbenfroh in teure europäische Markenkleidung gewandete Herren. Auf Fotos und in einer Videodokumentation ist ihr spektakulärer Stil in der Ausstellung zu sehen.

Die Sapeurs pflegen einen Ehrenkodex

Einst protestierten die Sapeurs gegen das Regime des damaligen Präsidenten Mobutu. Der jüngst verstorbene Superstar Papa Wemba war als Musiker Leitfigur der Bewegung. Heute sind die bei ihren pfauenhaften Auftritten im Slum laut umjubelten Sapeurs eine extravagante, das Kolonialerbe bewusst zitierende Selbstinszenierung gegen die sie umgebende Armut. Spazierstöcke gegen den Dreck, Ray-Ban-Sonnenbrillen gegen die Wellblechhütten, wenn das kein krasser Kontrast ist. Selbstredend pflegen sie einen Ehrenkodex, der sorgfältige Körperhygiene genauso umfasst wie eine Absage an Rassismus und Nationalismus. Eleganz als Provokation, das ist wahres Dandytum. Da kann der hiesige Hipster noch etwas lernen.
„Am I Dandy? Anleitung zum extravaganten Leben“, Schwules Museum, Lützowstr. 73, Tiergarten, bis 20. November, So, Mo, Mi, Fr 14–18 Uhr, Do 14–20 Uhr, Sa 14–19 Uhr, Katalogbuch (Hentrich & Hentrich), 184 S., 19,90 Euro

Dieser Text erschien zunächst auf der Mode-Seite des Tagesspiegels.

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