Nach möglichem Drogenfund bei Volker Beck : "Crystal Meth ist ein Phänomen der Berliner Schwulenszene"

Die Droge Crystal Meth ist angeblich besonders bei Homosexuellen beliebt. Was sagt ein Experte der Schwulenberatung dazu?

Christian Vooren
Handvoll Gefahr. Crystal Meth macht extrem abhängig.
Handvoll Gefahr. Crystal Meth macht extrem abhängig.Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

„Teufels-Droge“, „Hitler-Droge“ – seit der Grünen-Politiker Volker Beck im Schöneberger Schwulenkiez von der Polizei mit einer Substanz erwischt wurde, bei der es sich um Crystal Meth gehandelt haben könnte, ist die Aufregung über die künstlich hergestellte Droge groß, die seit Jahren ein Problem im deutsch-tschechischen Grenzgebiet ist. Zudem sollen Homosexuelle die Droge nehmen, um sogenannte Chem-Sex-Partys zu feiern. Christian Vooren sprach mit Arnd Bächler von der Schwulenberatung darüber.

Welche Rolle spielt Crystal Meth unter Berliner Schwulen?

Unser Eindruck ist, dass Crystal Meth nur in einer kleinen Gruppe eine Rolle spielt. Aber das Thema kommt in der Beratung immer häufiger zur Sprache. In den letzten drei Jahren haben sich die Zahlen verdreifacht. Jede Woche kommen ein bis drei neue Klienten zu uns. Hier können sie offen reden. In anderen Berliner Drogenberatungen nimmt das Phänomen zwar auch zu, aber nicht so stark wie in der Schwulenszene. Dass es sich so stark auf diese Szene spezialisiert, ist aber ein Berliner Phänomen. In anderen Städten ist das nicht so spezifisch.

Hilft bei Drogenproblemen: Arnd Bächler von der Berliner Schwulenberatung.
Hilft bei Drogenproblemen: Arnd Bächler von der Berliner Schwulenberatung.Foto: promo

Wie wirkt Crystal Meth eigentlich?

Crystal ist eine Leistungsdroge. Sie wirkt wie Kokain, nur mehrfach verstärkt. Man kann tagelang wach bleiben, verspürt keinen Hunger oder Durst mehr, Ängste verschwinden. Manche unserer Klienten sagen, sie hätten auf Crystal den besten Sex ihres Lebens gehabt. Die Wirkung wird sensationell beschrieben, bevor dann der Absturz kommt.

Was sind denn die Nebenwirkungen?

Die Konsumenten bekommen manchmal Stimmungsschwankungen und werden aggressiv, das steigert sich bis zu heftiger körperlicher Gewalt. Einige werden paranoid, manche bekommen Psychosen. Die langfristigen gesundheitlichen Schäden sind noch heftiger. Die Haut geht kaputt, die Abhängigen verlieren massiv Gewicht, ihnen fallen die Zähne aus. Die Horrorbilder, die viele aus den USA kennen, haben wir hier zwar noch nicht, dazu ist unser Gesundheitssystem viel besser. Zahnausfall habe ich aber schon mit eigenen Augen gesehen.

Gibt es innerhalb der Schwulenszene eine bestimmte Klientel von Konsumenten, oder geht das quer durch?

Das geht wirklich quer durch alle Schichten, Altersklassen und Nationalitäten. Besonders anfällig sind aber diejenigen, die wenig Selbstwertgefühl haben. In der Schwulenszene hängt das oft mit dem Überwinden von Hemmungen oder dem Wunsch nach sexueller Ektase zusammen.

Volker Beck soll mit 0,6 Gramm erwischt worden sein. Ist das viel oder wenig?

Es ist relativ wenig. Wer ein Wochenende durchfeiern will, braucht wohl schon so zwei bis drei Gramm.

Crystal Meth ist nicht gerade eine Einstiegsdroge, oder?

Nein, die meisten konsumieren vorher verschiedene andere Drogen, zum Beispiel Kokain oder Speed. Crystal Meth folgt dann als Steigerung. Heroin zum Beispiel ist dagegen nicht so verbreitet in der Szene.

Wie wird Crystal Meth konsumiert?

Das kann geraucht, geschnupft oder gespritzt werden. Wobei die Spritze am häufigsten vorkommt, besonders auf den privaten Sexpartys. Diese Partys gab es auch früher schon, aber dass dort Crystal Meth konsumiert wird, ist relativ neu. Dadurch steigt auch das Risiko von HIV-Infektionen. Zum einen teilen sich manche eine Nadel, zudem enthemmt die Droge, was häufiger zu ungeschütztem Sex führt.

Wie kann man dem gefährlichen Trend entgegenwirken?

Sehr gut finde ich, dass jetzt viele über die Droge Crystal Meth problematisieren. Viele Konsumenten wissen darüber schlicht nicht Bescheid. Ich kenne einige, die das auf Partys angeboten bekamen und dann genommen haben, obwohl sie nicht wussten, was es ist. Es hilft aber auch, im Freundeskreis darüber zu reden und anzusprechen, wenn ich Veränderungen bei jemandem bemerke. Und letztlich können die Betroffenen in den Suchtberatungsstellen Hilfe auf verschiedene Weise finden.

Die Schwulenberatung ist unter Telefon 233 690 70 und per Mail unter info@schwulenberatungberlin.de zu erreichen.

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