Nachruf auf Heinz Uth (Geb. 1936) : Der erste Homobeauftragte der Polizei

Bei der Kripo war Heinz Uth für Raubüberfälle zuständig. Dann wurde er erster Homosexuellenbeauftragter der Berliner Polizei. Dabei war er selbst hetero. Ein Nachruf.

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Heinz Uth (1936-2016)
Heinz Uth (1936-2016)Foto: privat

Heinz Uth, beste Marathonzeit: zwei Stunden 24, hat am eigenen Leib erfahren, dass Training ein Schlüssel sein kann. Für den Körper sowieso, aber auch für den Geist und die Gedanken, und er ahnt, dass das richtige Training am Ende sogar die Welt verbessern hilft. Trainieren kann ein Mensch nie genug, und am besten hört er niemals damit auf, sich zu üben. „Ich konnte allen und jedem Paroli bieten, ich musste nur mehr trainieren oder arbeiten als sie“, hat er einmal gesagt.

Die Erkenntnis gilt neben dem Sport auch für seinen Beruf als Polizist und für die Ehe. Trainierend eignet sich Heinz Uth die Welt an, und anderen hilft er, es ihm gleichzutun. Aber zunächst einmal freuen sich ein Küfer und eine Köchin 1936 in Lichtenberg über ihren ersten Sohn. Für Heinz beginnt das Leben mit einer frühen, notgedrungenen Vaterrolle, denn der Vater ist in den Krieg gezogen und später in Gefangenschaft, die drei Geschwister verlassen sich auf die Mutter – und auf ihn. Bei Kriegsende ist er neun und weiß, was Verantwortung heißt.

Heinz Uth, Werkzeugmacher, der sich in den Sechzigern bei der Polizei bewirbt, ist einer, der bärtig und mit offenem Blick durch sein Polizistenleben läuft. Er sieht nur bei alledem überhaupt nicht aus, wie man sich einen Polizisten vorstellt. Er spielt erfolgreich Fußball, trainiert auf sehnigen Beinen für den Marathon, baut mit seinem Sport-Klub den Berliner Stadt-Marathon mit auf.

Er kommt einer Bande auf die Spur, die Schwule überfällt

1990, da ist er Kommissariatsleiter Raub bei der Kripo, Direktion 2, kommt er einer Bande im Wilmersdorfer Preußenpark auf die Spur, die sich auf gewalttätige Überfälle auf Schwule spezialisiert hat. Die Täter geben auch Überfälle zu, von denen die Polizei gar nichts wusste, Taten, denen sie keine Opfer zuordnen kann: 50 Raubüberfälle und nur sechs bekannte Opfer. Da geht ihnen auf: Die allermeisten Schwulen erstatten keine Anzeige. Die Jugendbande der „Giants“ hat sich auf diese Überfälle spezialisiert, weil so lange nichts geschah, ein quasi rechtsfreier Raum entstanden war, denn die Polizei gilt selbst als schwulenfeindlich.

Heinz Uth soll das ändern. Er wird der erste Schwulenbeauftragte der Polizei in Deutschland. Die Schwulen selbst hätten anfangs lieber einen ebenfalls schwulen Ansprechpartner. Aber wer kennt schon einen schwulen Polizisten? Kein einziger hat sich bislang geoutet. Das geschieht erst später gegenüber Uth, der sich dann auch innerhalb der Polizei um Homosexuelle kümmert, das erste Outing eines Kollegen mit vorbereitet und eine Transsexuelle betreut, die sich hat umoperieren lassen.

Uths Arbeit verläuft in beide Richtungen: Die Schwulenszene muss Vertrauen gewinnen zu einem Polizisten, und die Polizisten müssen ihre Vorurteile abbauen. Das ist eine Sache, die man trainieren muss. Und es gibt Rückschläge.

Ist er für die Polizei nur ein Feigenblatt?

1992 findet in dem Stricher-Lokal „Tabasco“ im Nollendorfkiez eine Razzia statt, und der hauptamtliche Homobeauftragte Heinz Uth ist nicht unterrichtet. Ist er für die Polizei nur ein Feigenblatt? Er droht mit der Niederlegung seines Amtes. Und gewinnt: Er wird ins Präsidium geholt und fortan in bevorstehende Aktionen eingeweiht.

Er fährt regelmäßig mit seinem Info-Mobil in den Tiergarten und an den Märchenbrunnen im Friedrichshain, wo sich viele Schwule treffen. Er spricht mit Passanten und skeptischen Kneipenwirten in der Motzstraße. Das Überfalltelefon von Mann-o-Meter hat seine Privatnummer. Uth ruft, quasi als Deeskalationsmaßnahme für eine bewegte Gegend, 1993 das Motzstraßenfest mit ins Leben.

„Ein Berufsschwuler, der auf Frauen steht“, titelt Berlins Stadtmagazin „Pink Power“. Uth nennen sie einen „bekennenden Hetero“. Allein seiner Ernsthaftigkeit, seiner Integrität, seinem Interesse sei es zu verdanken, dass sich bei der Berliner Polizei wirklich etwas ändert. In kleinteiliger, stetiger Arbeit wächst das Vertrauen auf beiden Seiten. Anfangs fragen ihn die Kollegen noch nach der Farbe seiner Unterhose und dem „Sicherheitsabstand meines Hinterns zur nächsten Wand.“

Schwule schlagen "Hetero Uth" zum Bundesverdienstkreuz vor

Aber Uth weiß schon länger, wie sich Spott anfühlt, früher war er beim „Diskussionskommando“ eingesetzt, das bei den Studentenunruhen in Zivil mit Helm unterm Arm unterwegs war, um mit den Demonstranten zu reden. Nun massiert er lange die Stelle, an der in der Polizei die Vorurteile sitzen, als wäre es ein verhärteter Muskel, der unter seiner Behandlung nach und nach erweicht. Er hat sie alle erlebt, „Braune in blauen Uniformen, Meinungen von schwarzen Schafen in weißen Westen“, wie er an seinem 60. Geburtstag zusammenfasst.

Am Ende reisen Repräsentanten anderer Städte an und lassen sich vom bärtigen Berliner Vorbild die Arbeitsweise eines Schwulenbeauftragten erklären. Schwule schlagen „Hetero Uth“ zum Bundesverdienstkreuz vor. „Hetero Uth“ zieht 1995 zur Feier des Tages sein kariertes Sakko an und freut sich. Sein Verdienst sei es, dass sich nun in allen deutschen Großstädten schwule Polizisten ein Outing zutrauten, schreibt der "Schwulenverband in Deutschland" zur Verleihung. Sein Verdienst sei es, dass man sich jetzt trauen kann, Überfälle auch anzuzeigen. Es liege an ihm, dass es heute überall im Land Beauftragte für gleichgeschlechtliche Lebensweisen gibt.

Heinz Uth, dessen zwei Töchter aus der ersten Ehe schon erwachsen sind, gibt während dieser turbulenten Zeit das Laufen nicht auf. Beim Berliner Marathon startet er immer mit der Nummer 104, weil er 104 Jahre alt werden will. Er gründet einen neuen Klub, den Lauf- und Triathlon-Club LTC. Er fährt im Frühjahr in Trainingslager, auch auf Urlaubsreisen läuft er Kilometer um Kilometer. Er schätzt Läufer, die selber denken, ihren Körper kennen und die Verantwortung für ihren Erfolg nicht auf einen Trainer abwälzen. Ende der Achtziger erkennt er in den Bergen von Davos, dass Regina, die er bislang nur trainiert hat, in seiner Zukunft eine größere Rolle spielen könnte. Und es passt. Sie interessieren sich für Kunst, pflegen einen großen Freundeskreis. Regina kann sich bloß nie erklären, wie es ihm gelingt, neben seinen ganzen Aktivitäten auch noch die ganzen Bücher zu lesen.

Er trainiert Marathonläufer und Fünfkämpfer

Als Heinz Uth 1996 in Pension geht, gibt es keine Schichtpläne mehr, dafür immer noch Trainingspläne. Er trainiert Frauen und Männer im LTC für den Marathon und die Fünfkämpferin Kim Raisner bis zu deren fünften Platz bei Olympia in Athen. Seinen eigenen Körper trainiert er auch unablässig. Er biegt sich zu Hause, er begleitet seine Läufer auf dem Fahrrad, und nie sieht man ihm an, dass er Probleme mit dem Herzen hat. Es ist, sagen die Ärzte, zu groß geworden.

Jeden Abend schreibt der Freund der Regelmäßigkeit einen kleinen Absatz in sein Tagebuch. Wenn es sein muss, schreibt er einen Leserbrief an die Zeitung. Woche für Woche wechselt er mit Regina die Zuständigkeiten im Haushalt, alles ist geteilt. Heinz Uth muss im Leben nicht immer etwas völlig Neues machen. Er findet es schön, wenn er eine Sache lange verfolgt – und so darin immer besser wird. Wenn er das Gleiche immer wieder sagt – und es schließlich zu jemandem durchdringt. Wenn er an die Ehe glaubt – und seine dritte Beziehung schließlich über 25 Jahre Freude macht.

Macht da jemand Urlaub von sich selbst?

Man könnte denken, viel mehr passt gar nicht hinein in ein Leben. Aber Uth hat noch Atem für mehr. 1998 kaufen er und Regina ein Haus in Umbrien. Mindestens vier Mal im Jahr fahren sie nach Italien, auf halber Strecke machen sie immer im selben Ort in Österreich Rast. Das Leben im Süden verläuft jenseits von Trainingsplänen, ohne Termin und Zweck. Möglicherweise macht da jemand auch Urlaub von sich selbst. Olivenbäume wachsen vor dem Haus und im ersten Jahr setzen sie eine Zypresse. Es ist eine sagenhaft selbstständige Zypresse, er muss sie nicht einmal anspornen: Sie wächst in dem lebensfreundlichen Klima ganz von selbst in 15 Jahren gewaltig in die Höhe.

Heinz Uth hat bei allem Erfolg immer mit seiner schmalen Ausbildung gehadert. Nach dem Krieg musste er die mittlere Reife nachholen und lernte dann Werkzeugmacher. Dass so einer es mal zu einem Haus in Italien bringen würde! Jedes Mal halten die beiden ihr Eigentum aufs Neue für ein Wunder. Was für eine Freude und Genugtuung. Wenn sie dort ankommen, öffnen sie alle Schränke und Türen. Die Bilder, der Garten, die Bäume, die Terrasse – alles ihr’s. Sie sägen ein Fenster in die Akazienzweige, um den Blick auf die untergehende Sonne zu haben. Elf Liter eigenes Olivenöl bringen sie von ihrem Abschiedsbesuch im November mit. Dann wagt Heinz Uth die riskante Herz-Operation. Als danach Komplikationen auftreten, reicht die Kraft nicht mehr.

Dieser Text erschien zuerst auf der Nachrufe-Seite des Tagesspiegels.

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