Pornfilmfestival 2017 in Berlin : Wo Schamgrenzen fallen

Queer, experimentell, alternativ: Im Berliner Kino Moviemento findet diese Woche zum zwölften Mal das Pornfilmfestival statt.

Toby Ashraf
Zwei Revoluzzerinnen aus Bruce La Bruce' "Die Misandristinnen".
Zwei Revoluzzerinnen aus Bruce La Bruce' "Die Misandristinnen".Foto: Salzgeber

Die Zeiten des Mainstreams sind vorbei beim Pornfilmfestival Berlin. Wenn am Dienstag im Moviemento die zwölfte Ausgabe des Festivals beginnt, wird man kaum mehr Vergleichbares auf der Leinwand finden, womit Jürgen Brüning 2006 in verschiedenen Kinos über die Stadt verteilt begann. Hardcore-Pornos aus Kalifornien, Porno-Musicalversionen bekannter TV-Serien und die Filme der Stars des Silicon Valley scheinen größtenteils Festivalgeschichte zu sein. Unabhängige, alternative und experimentellere Produktionen haben sie abgelöst, und das Publikum scheint es dem Festival zu danken.

Bereits eine Woche vor Beginn sind mehr als 1000 Karten verkauft, die Programme beginnen auch unter der Woche bereits um 12 Uhr mittags und gehen bis spät in die Nacht. Organisatorisch und platztechnisch hat das Festival seine Grenzen erreicht, sagt Brüning als Teil einer mittlerweile vierköpfigen Festivalleitung. Bei einem Programm von knapp 50 Langfilmen, darunter viele Dokumentarfilme, mehr als 100 Kurzfilmen, einer Retrospektive des japanischen Porno-Regisseurs Tutsumi Kumashiro, Panels, Workshops und Performances, scheint es schwer den Überblick zu behalten. Doch das Publikum weiß genau, was es sehen will. Das aufgeregte, aber auch nicht unsympathische Kommen und Gehen während der Vorstellungen ist mittlerweile oft dem Warten auf einen Platz auf der Nachrückerliste gewichen. Filmemacherinnen und Filmemacher aus Thailand, Japan, Mexiko und Australien und vielen europäischen Ländern haben sich angekündigt.

Im Programm finden sich zum einen kontroverse Berlinale-Beiträge wie die matriarchale Kastrationsfantasie „Die Misandristinnen“ (Kinostart: 2.11.) von Bruce La Bruce oder der experimentelle Endzeitporno „Fluidø“ der taiwanesischen Video-Künstlerin Shu Lea Cheang zu finden. Abschlussfilm ist „Pieles“, ein pastellfarben-perverser Reigen des jungen spanischen Filmemachers Eduardo Casanova über gesellschaftliche und sexuelle Außenseiter – darin unter anderem eine Frau, deren Anus dort sitzt, wo andere ihren Mund haben.

Ein schwuler Sextempel in Amsterdam

Im Dokumentarfilmbereich geht es um Altersheime für Sexarbeiterinnen in Mexico City, das japanische Antiprostitutionsgesetz, kinderlose Frauen im katholischen Italien oder einen schwulen Sextempel in Amsterdam. Die Buchstaben „NX“ im Katalog geben darüber Aufschluss, dass es in keinem dieser Filme explizite Szenen zu sehen gibt. So paradox es klingen mag, macht das die filmische Sache aber oft spannender als noch zu Beginn des Festivals. Der Reiz des Neuen, also der Kinobesuch als umgedeutete Wiederbelebung eines Bahnhofskino-Erlebnisses mit Fremden, stellte sich im Lauf der Jahre ein. Am Mainstream-Porno, so Jürgen Brüning, hatte man sich – auch in hitzigen Diskussionen zusammen mit dem Publikum – schließlich abgearbeitet.

Die Politik von Körperbildern

Natürlich wird auf der Leinwand trotzdem weiterhin munter gevögelt, gefistet, gefesselt, gefingert, geblasen und gekommen, besonders in den zahlreichen Kurzfilmprogrammen. Die sind nach den Kategorien „schwul“, „lesbisch“, „weiblich“, „experimentell“, „Fetisch“, „Berlin“, „BDSM“, „politisch“ aber auch „No Limits“ oder „Discovery“ sortiert und versprechen so ziemlich alles abzudecken, was in hetero-, homo-, bi-, transsexueller und allgemein queerer Hinsicht gerade weltweit produziert wird. Dass es dabei oft um die Politik von Körperbildern, Feminismus, und sexuelle Identitätsfragen geht, versteht sich mittlerweile von selbst.

Apropos Mainstream: Dass es den bei einem queeren und inklusiven Festival wie dem Pornfilmfestival auch unter Lesben und Schwulen nicht geben sollte, macht das leidenschaftliche Vorwort im Katalog deutlich, das sich deutlich gegen die „Ehe für alle“ ausspricht, die als ausgrenzendes Konzept gesehen wird. Als Mittel gegen staatlich geförderte Zweisamkeit wolle man „gewohnte Vorstellungen von Moral, Spießigkeit, Sexualität, Geschlechternormen oder Schamgrenzen weit hinter sich lassen“. Zweifel, dass dieses Versprechen in den nächsten Tagen eingelöst wird, dürfte es wohl keine geben.

Moviemento, 24. bis 29. Oktober

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