Queer weiß das (10) : Warum sind Homos so scharf aufs Heiraten?

Die Kolumne im Queerspiegel: Heteros fragen, Homos antworten. Heute geht es ums Heiraten und um die Ehe für alle.

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Gleichgeschlechtliche Paaren sollten auch heiraten dürfen.
Gleichgeschlechtliche Paaren sollten auch heiraten dürfen.Foto: dpa

Sagt mal, liebe Queers: Warum seid ihr eigentlich so scharf aufs Heiraten? - Johannes, Britz

Ob wir wirklich alle scharf aufs Heiraten sind, sei dahingestellt. Aber selbst große Ehemuffel unter uns legen Wert darauf, dass uns zumindest die rechtliche Möglichkeit eröffnet wird. Die Unionsparteien verbarrikadieren Homosexuellen den Zugang, als würden sie Fort Knox sichern.

Zwar mag die „Eingetragene Lebenspartnerschaft“, wie das eheähnliche Institut für Homos heißt, inzwischen in fast allen Punkten der Hetero-Ehe gleichgestellt sein. Als wichtiger Punkt fehlt aber noch das gemeinsame Adoptionsrecht. Dass Lesben und Schwule vom Staat überhaupt in eine Verbindung zweiter Klasse gezwungen werden, empfinden viele als demütigend.

Die Öffnung der Ehe hätte eine große symbolische Bedeutung

Würde die Ehe vollends geöffnet, wäre das von großer symbolischer Bedeutung: Der deutsche Staat, der Homosexuelle lange verfolgt hat, würde damit dokumentieren, dass er uns Homosexuelle fortan wirklich genau wie Heterosexuelle akzeptiert. 21 andere Staaten haben das bereits getan, warum sollten wir das nicht auch schaffen?

Im Sprachgebrauch „heiraten“ Lesben und Schwule längst. Glückwunschkarten gratulieren auch Homo-Paaren zur „Hochzeit“ und nur selten zur „Verpartnerung“. Das klingt so bürokratisch, dass es jede Romantik tötet.

Die Ehe als Relikt der patriarchalischen Gesellschaft

Und so werden nach einer Ehe-Öffnung einige Homos sofort Smoking anlegen, weiße Kleider überwerfen und die Standesämter stürmen. Wie bei den Heteros gibt es indes andere, die die Ehe für sich persönlich ablehnen. Sie sehen sie als Relikt einer patriarchalischen Gesellschaft und fragen, warum sich Homos freiwillig der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft unterwerfen. Das gilt umso mehr, als finanziell ungleiche Beziehungen mit dem Ehegattensplitting nachgerade gefördert werden.

In der queeren Emanzipationsbewegung hinterfragen daher einige, wie emanzipatorisch die Eheöffnung wirklich ist. Der US-Philologe und Queertheoretiker Michael Warner hat der – überwiegend gut situierten und weißen – Homobewegung in den USA vorgeworfen, sie würde für die Ehe kämpfen, weil sie sich von der Hochzeit einen Statusgewinn in der Mehrheitsgesellschaft erhofft. Er befürchtet, gesellschaftlich akzeptiert würden nur die „guten“ Homos, die heiraten. „Schmuddelkinder“ blieben die, die sich verweigern. Konsequent ist es vor diesem Hintergrund, wenn sich Lesben und Schwule für die langfristige Abschaffung der Ehe einsetzen.

Nahziel muss gleichwohl deren Öffnung sein. Auch wenn der Kampf gegen Diskriminierung damit noch lange nicht beendet wäre.

Folge 9: Wie halten es Homos mit der AfD?

Folge 8: Haben Schwule ein besonders Gespür fürs Schöne?

Folge 7: Haben Homosexuelle Angst vorm Alter?

Folge 6: Verachten Schwule Frauen?

Folge 5: Freuen sich Homos, wenn Heteros auf ihre Partys gehen?

Folge 4: Wie weise ich als Hetero schwule Flirts zurück?

Folge 3: Spielt ihr unsere Rollen?

Folge 2: Wer von beiden wird schwanger?

Folge1: Wärt ihr lieber Hetero?

Haben Sie auch eine Frage an die Tagesspiegel-Homos? Schreiben Sie uns eine E-Mail an queer@tagesspiegel.de!

Dieser Text erschien zunächst in der gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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