Queer weiß das (12) zu Orlando : Warum dürfen Schwule immer noch kein Blut spenden?

In Orlando wollten viele Blut spenden, um den Verletzten des Terroranschlages zu helfen. Ausgerechnet Schwule durften das nicht. Auch in Deutschland gilt für sie noch ein Blutspendeverbot.

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Blutspender im OneBlood Blood Donation Center von Orlando. Foto: imago/ZUMA Press
Blutspender im OneBlood Blood Donation Center von Orlando.Foto: imago/ZUMA Press

Nach dem Anschlag von Orlando standen Menschen Schlange, um Blut für die Verletzten zu spenden. Da fragte ich mich sofort: Ist Blutspenden in Deutschland für Schwule eigentlich immer noch verboten? Und halten sich alle daran? - Hartmut, Falkensee.

In Deutschland ist das Verbot sogar schärfer als in den USA. Hierzulande sind pauschal alle Männer vom Blutspenden ausgeschlossen, die Sex mit Männern haben – neben Schwulen also auch Bisexuelle sowie Männer, die sich als heterosexuell verstehen, aber ab und zu auch mit Männern schlafen. In den USA gilt für sie immerhin eine Karenzzeit: Leben sie ein Jahr enthaltsam, ist das Blutspendeverbot aufgehoben.

Das deutsche Verbot basiert auf einer EU-Richtlinie. Sie schließt Personen aus, bei denen das Risiko hoch ist, dass sie durch Blut übertragene Infektionskrankheiten in sich tragen. Es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass Männer, die Sex mit Männern haben, eine Risikogruppe sind: Auf sie entfallen zwei Drittel aller HIV-Neuinfektionen. Und nach jeder Infektion gibt es ein kurzes Zeitfenster, in dem HIV noch nicht nachweisbar ist – was es für Empfänger des Bluts gefährlich machen könnte.

Viele Schwule praktizieren Safer Sex und wären perfekte Spender

Dass für die Behörden Sicherheit an erster Stelle steht, ist selbstverständlich. Dennoch empfinden Homosexuelle die Regeln als diskriminierend, da sie schwule Männer unter Generalverdacht stellen: Insinuiert wird, dass alle wild und ungeschützt herumvögeln; ausgeblendet wird, dass im Gegenteil viele schwule Männer Safer Sex praktizieren und damit perfekt als Spender geeignet wären.

Nicht die sexuelle Identität eines Menschen macht ihn zum Risikoträger, sondern seine Sexualpraktiken. Man könnte die Diskriminierung beenden, indem man vor der Blutspende nicht nach der Orientierung fragt, sondern nach ungeschütztem Sex. So ist es bei Heteros üblich, die bei häufigem ungeschützten Verkehr mit wechselnden Partner*innen auch nicht Blut spenden dürfen.

Solidarische Heteros spendeten in Orlando Blut

Theoretisch kann man beim Spenden verschweigen, dass man Sex mit Männern hat. Ob das oft passiert? Schwer zu sagen. Viele dürften sich gar nicht erst auf ein entwürdigendes Versteckspiel einlassen, wenn ihre Hilfe nicht erwünscht ist.

Um auf Orlando zurückzukommen: Das Verbot führte zu dem Irrsinn, dass Schwule nicht spenden durften, obwohl Konserven knapp wurden. Die Schlangen vor den Kliniken wurden so zu einem widersprüchlichen Symbol: Einerseits verdeutlichten sie die Solidarität helfender Heteros, andererseits verkörperten sie die Diskriminierung Schwuler, denen das Helfen verwehrt blieb. Ihnen wurde in dieser dunklen Stunde einmal mehr klargemacht, dass es mit ihrer Gleichstellung nicht weit her ist.

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Gedenken der Opfer von Orlando am Brandenburger Tor Foto: Jana Demnitz
Berlin gedenkt der Opfer von Orlando

Folge 11: Warum soll sich ein schwuler Fußballprofi outen?

Folge 10: Warum sind Homos so scharf aufs Heiraten?

Folge 9: Wie halten es Homos mit der AfD?

Folge 8: Haben Schwule ein besonders Gespür fürs Schöne?

Dieser Text erschien zunächst in der gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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