Queer weiß das (18) : Warum seid ihr Schwulen immer so tuckig?

Die Kolumne im Queerspiegel: Heteros fragen, Homos antworten. Heute: Warum sind viele Schwule so tuckig wie im Bully-Herbig-Film?

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Wie im Bully-Herbig-Film? Heteros finden Schwule mitunter ziemlich tuckig.
Wie im Bully-Herbig-Film? Heteros finden Schwule mitunter ziemlich tuckig.Foto: Imago

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass Schwule oft so penetrant tuckig in Sprache und Gestik sind, wie es einem Persiflagen à la Bully Herbig immer weismachen wollen? Oder täuscht der Eindruck? Anonym, Berlin

Leider gibt es diese Kolumne nicht als Video, sonst könnten Sie sehen, lieber Fragesteller, wie sich der Autor beim Verfassen dieser Zeilen erschrocken Luft zufächelt – mit abgeknicktem Handgelenk, versteht sich. Männer, die sich Ihrer Meinung nach nicht maskulin verhalten, stören Sie offenbar gewaltig.

Tucken sind nicht groß angesagt - unter Schwulen

Da geht’s Ihnen übrigens wie „den Schwulen“. Denn „Tucken“ sind grad nicht groß angesagt. Es gilt in der Szene teilweise gar als No-Go, irgendwie feminin zu wirken. Der schwule Mann hat gar „heterolike“ aufzutreten. Das Ganze führt gar so weit, dass ein bei Schwulen beliebtes Modelabel T-Shirts in den USA mit dem Aufdruck „No Fats No Fems“ („Keine Fetten, keine Femininen“) verkauft. Glücklicherweise hat das zu einer breiten Diskussion innerhalb der homosexuellen Community geführt, wie es es ausgerechnet in einer diskriminierten Gruppe Ausgrenzung geben kann.

Daneben kann ein maskuliner Gestus aber auch ein Schutz vor homophoben Attacken sein. Denn mancher Homo-Hasser dürfte es es sich vermutlich zwei Mal überlegen, bevor er einen breitschultrigen Bartträger angreift.

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Thomas Hitzlsperger zu Homophobie im Fußball
Thomas Hitzlsperger zu Homophobie im Fußball

Trotz allem gibt es immer noch „tuckiges Verhalten“. Manche Schwule haben Spaß daran, nicht nur vermeintlich weibliche Eigenarten zu persiflieren, sondern auch jene, die ihnen die Heteros zuschreiben. Häufig ist das beim Ausgehen in der Gruppe zu erleben, gern auch mal nach zwei bis drei Bier. Man redet sich als „Frau“ Sowieso an, bewegt sich affektiert, gestikuliert wild. Das wirkt auf Außenstehende vermutlich dann wie ein Bully-Herbig-Film.

Mit den Geschlechterrollen nichts am Hut

Ob dieses Overacting besonders originell ist, sei dahingestellt. Doch es zeigt, dass viele Schwule ganz grundsätzlich mit den Kategorien „typisch Mann“ oder „typisch Frau“ wenig am Hut haben. Den Männern, denen Sie, lieber Fragesteller, offenbar oft begegnen, ist es entweder schlichtweg egal, was andere von ihnen denken, oder sie wollen sich durch Sprache und Gestik bewusst von den Heteros abgrenzen. Auf jeden Fall scheinen sie unangepasstere Menschen zu sein.

Das legt auch eine US-Untersuchung nahe. Psychologen verglichen Filmaufnahmen aus der Jugend von Homo- und Heterosexuellen und stellten fest, dass sich die jungen Schwulen weniger stark normiert bewegten. Zudem waren bei ihnen beide Verhaltensextreme stark ausgeprägt – das besonders feminine und das besonders maskuline Auftreten. Allerdings kritisierten andere Forscher, dass auch kulturelle Einflüsse bestimmte Bewegungsmuster bedingten: So trete heute kein Mann, egal ob hetero oder schwul, noch so zackig-militärisch auf wie früher.

Wie wär’s? Machen Sie doch mal ein Video von sich und gucken Sie, wie Sie sich bewegen. Was hätte wohl der Ur-Opa (also der, der unterm Kaiser gedient hat) dazu gesagt?


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Dieser Text erschien zunächst in der gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

Haben Sie auch eine Frage an die Tagesspiegel-Homos? Dann schreiben Sie an: queer@tagesspiegel.de!

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