Queer weiß das (47) : Jede Stimme gegen rechts - ist das ein gutes CSD-Motto?

Eine neue Folge unserer Kolumne Heteros fragen, Homos antworten. Diesmal geht es um das Motto des Berliner CSD und die Abgrenzung gegen Rechtspopulisten.

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Der Berliner CSD.
Der Berliner CSD.Foto: Britta Pedersen/dpa

Dem Christopher Street Day wurde in den vergangenen Jahren oft vorgeworfen, immer unpolitischer zu werden. Wie ich gehört habe, lautet das Motto für den CSD Berlin in diesem Jahr nun „Mehr von uns – jede Stimme gegen Rechts!“. Das geht in die richtige Richtung, oder? - Sabine, Kreuzberg

Gut gaymeint (kleiner Scherz) ist das Motto auf jeden Fall. In der Tat konnte man lange den Eindruck bekommen, beim CSD handele es sich um eine Homo-Love-Parade, bei der die einzigen Botschaften Werbeslogans von Firmen sind, die ihre Produkte unters queere Volk bringen wollen.

Schon im vergangenen Jahr versuchten die Veranstalter*innen unter dem Motto „Danke für nix“ gegenzusteuern. Dass jetzt noch eindeutiger politisch Position bezogen werden soll, ist angesichts der Weltlage und der Wahlen in diesem Jahr richtig. Mit dem Erstarken des Rechtspopulismus geraten Minderheiten unter Druck, Homos müssen um Errungenschaften kämpfen, von denen sie dachten, sie seien gesichert.

Man schließt auch gleich die Konservativen aus

Trotzdem ist das Motto nicht unbedingt gut gemacht. Auf den ersten Teil „Mehr von uns“ (also mehr von uns queeren Menschen) können sich sicher alle in der Community noch einigen. Der CSD kann da bei sich selber anfangen: Lesben, Bisexuelle und Transmenschen sind auf dem Berliner Marsch unterrepräsentiert.

Beim zweiten Teil wird es indes problematisch. „Jede Stimme gegen Rechts“ – das wendet sich nicht nur gegen Rechtspopulisten und Rechtsextreme, die Stimmung gegen Minderheiten machen. Sondern man schließt mit der pauschalen Kategorie „Rechts“ auch gleich alle aus, die sich dort in einem konservativen Sinn verorten; ganz so, als ob alle Homos automatisch links sein müssten.

Die AfD in Berlin versucht bereits, das für sich auszunutzen: In einer Erklärung unterstellt sie dem CSD, Lesben und Schwule mit bürgerlichen Werten „diffus zu diffamieren“. Der CSD ist da beim Umgang mit Rechtspopulisten in eine Falle getappt. Man bietet ihnen eine große Bühne – obwohl man sich eigentlich von ihnen abgrenzen will.

Auch linke Politiker unterminieren LGBT-Positionen

Nicht zuletzt verschleiert das Motto, dass längst auch Vertreter linker Parteien LGBT-Positionen unterminieren. Ein prominentes Beispiel ist der Grüne Winfried Kretschmann, der unlängst ein Loblied auf die Hetero-Ehe sang und dabei klassische homophobe Klischees bediente (selbst wenn er später zurückruderte).

Der CSD hätte sich einen größeren Gefallen getan, im Sinne der queeren Emanzipationsbewegung für etwas zu sein anstatt einfach nur dagegen. Inspirierender und erfolgversprechender ist eine positive Botschaft allemal. Eine Demo für gleiche Rechte (in Deutschland gibt es noch viel zu tun!), für Solidarität und Akzeptanz, für queeren Zusammenhalt ist – leider – nötiger denn je. Das wäre in Zeiten einer immer polarisierteren Gesellschaft ein starkes Zeichen.

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Dieser Text erschien zunächst in der gedruckten Sonnabendsbeilage Mehr Berlin.

Haben Sie auch eine Frage an die Tagesspiegel-Homos? Dann schreiben Sie an: queer@tagesspiegel.de!

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Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.

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