Dreitausend Schwule auf einem Kreuzfahrtschiff

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Queere Berlinale-Filme : Spiegel im Spiegel
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Ein Passagier auf dem schwulen Kreuzfahrtschiff in Tristan Ferland Milewskis Dokumentation "Dream Boat".
Ein Passagier auf dem schwulen Kreuzfahrtschiff in Tristan Ferland Milewskis Dokumentation "Dream Boat".Foto: Gebrueder Beetz Filmproduktion


Die meisten Schwulen, rund 3000, sind in Tristan Ferland Milewski Dokumentation „Dream Boat“ dabei – als Passagiere eines Kreuzfahrtschiffs. Eine Woche lang genießen sie Sonne, Partys und Meer. Für einige, etwa den in Dubai lebenden Inder Dipankar, ist es ein Ort lang ersehnter Freiheit. Doch bald merkt er, dass die schwule Party-Gemeinde ihre eigene einschränkenden Regeln und Ideale hat.

Einen Blick auf die Geschichte der Schwulenbewegung wirft Jochen Hick in „Mein wunderbares West-Berlin“, eine Fortschreibung seiner Doku „Out in Ost- Berlin“ von 2013. Diesmal trifft der Hamburger Filmemacher unter anderem einstige Mitglieder der 1971 gegründeten Gruppe „Homosexuelle Aktion Westberlin“ (HAW), die Proteste gegen den Paragrafen 175 organisierte und aus deren Umfeld viele teils bis heute bestehende Institutionen wie das Schwule* Museum oder der Prinz Eisenherz-Buchladen hervorgingen.

Ein alter Videomitschnitt gibt Einblick in eine HAW-Gruppendiskussion („Du dusselige alte Schnecke!“), ein SFB-Bericht spiegeln das Klima der Zeit, in dem Strichjungs als „unverbesserliche Parasiten der Gesellschaft“ bezeichnet wurden. Es entsteht ein guter Überblick über die West-Berliner Szene der Siebziger und Achtziger, wobei Lesben nur am Rande vorkommen. Dafür ist Hick bei der Auflösung einer Männerkommune in Schöneberg dabei, die rund 40 Jahre existierte und in der auch Panorama-Chef Wieland Speck gewohnt hat. Unsentimental kramt er in alten Filmrollen, freut sich, in Zukunft nur für sich selbst einkaufen zu gehen und findet scharfe Worte gegen die gegenwärtige Gentrifizierung Berlins.

Roshell Terranova in Camila José Donosos "Casa Roshell".
Roshell Terranova in Camila José Donosos "Casa Roshell".Foto: Berlinale

Eine weitere sehenswerte Dokumentation im Panorama ist „Small Talk“. Die taiwanesische Regisseurin Hui-chen Huang versucht darin, sich ihrer verschlossenen Mutter Anu zu nähern. Diese war in den Siebzigern jung zur Ehe gedrängt worden, bekam zwei Kinder, verließ dann ihren gewalttätigen Mann und zog die Mädchen allein auf. Seither hatte Anu nur noch Beziehungen mit Frauen, von denen Hui-chen Huang einige interviewt. Die Geschwister der Mutter kommen ebenfalls zu Wort, sie selbst führt ein langes, kaum zu ertragendes Gespräch mit ihr – keine Spur vom titelgebenden Small Talk. Es entsteht das unscharfe Bild einer Frau, die sich zwar ein Stück Freiheit in einer konservativen Gesellschaft erkämpft hat, das aber mit einer inneren Verhärtung bezahlt, unter der auch ihre Tochter leidet.

Die Männer schminken sich - das selbst geschaffene Bild zählt

Um ein kleines Stück Freiheit geht es auch in „Casa Roshell“ von Camila José Donoso, der komplett in dem gleichnamigen Club in Mexico-Stadt gedreht wurde. Hier können Männer in Drag auftreten und Trans-Frauen sie selber sein. Es gibt Shows, Workshops und einen Darkroom. Zu Beginn sieht man in langen Einstellungen einigen Besucher*innen beim Schminken, Rasieren und Umziehen zu. Oft nimmt die Kamera die Spiegel auf oder filmt sogar Spiegel im Spiegel – Identität als Vexierspiel, Grenzen verschwimmen. Das selbst geschaffene Bild zählt. Die Regisseurin unterstreicht das Illusionsspiel dadurch, dass sie dokumentarische und gestellte Szenen mischt.

Die Casa Roshell ist ein Raum der Selbstbehauptung und Ermutigung. Den Gästen, die dort bei der Hausherrin lernen, möglichst anmutig auf ihren High Heels zu stöckeln, ist zu wünschen, dass sie irgendwann auch tagsüber mal ihr wahres Ich zeigen können.

Das gesamte Teddy-Programm der Berlinale 2017 findet sich hier.

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