Queeres Leben : Mein langer Weg zur glücklichen Stone Butch

Als Kind darf unsere Autorin kurze Haare tragen, in Badehose schwimmen gehen. Doch dann spürt sie: Sie wird den Erwartungen an Mädchen nicht gerecht. Es dauert lange bis sie sich so liebt, wie sie ist.

Mara Giese
Unsere Autorin Mara Giese (links), sie betreibt den Buchblog "Buzzaldrins".
Unsere Autorin Mara Giese (links), sie betreibt den Buchblog "Buzzaldrins".Foto: privat

Wenn ich mit dem Wissen, das ich heute habe, auf meine Kindheit blicke, erkenne ich, dass ich wohl schon immer ein wenig anders war als andere Mädchen: Ich verhielt mich anders, machte andere Dinge, mochte andere Dinge. Ich wollte schon immer lieber wie mein älterer Bruder sein: genauso kurze Haare haben wie er, mit den Jungs Fußball spielen, im Bett Boxershorts tragen (in die ich mir gerne ein Paar Socken geschoben habe) und im Sommer mit nacktem Oberkörper herumlaufen.

Ich wollte ganz unbedingt auch Freundinnen haben – das erste Mal verknallt war ich mit fünf Jahren in Lisa, ein Mädchen aus der Nachbarschaft. Sie war zwei Jahre älter als ich und wollte immer, dass ich auf ihr liege – wir haben ein paar Monate lang nichts anderes getan: Ich legte mich auf sie, wenn sie das wollte. Ansonsten erinnere ich nicht mehr viel von dieser ersten Schwärmerei, ich weiß aber noch, dass ich allen von ihr erzählt habe und von meinen Eltern ein wenig dafür belächelt wurde – noch. In der ersten Klasse fühlte ich mich zur Deutschlehrerin hingezogen, die wunderbare große Brüste hatte – und ich tat alles dafür, möglichst häufig bei oder neben ihr zu stehen. Selbst, wenn das bedeutete, dass ich ab und an meine Hausaufgaben vergessen musste.

Lange merkte ich nicht, dass ich anders bin

Wenn ich als erwachsene Frau auf dieses Kind, das ich war, zurück blicke, erkenne ich natürlich in Vielem erste Anzeichen für meine heutige Sexualität – als Kind selbst aber habe ich lange nicht gemerkt, dass ich nicht bin wie die meisten anderen Mädchen. Aufgewachsen bin ich in den neunziger Jahren, in einem Vorort einer norddeutschen Stadt. Dort durfte ich die ersten Jahre meines Lebens all das tun, was ich gerne wollte: meine Haare kurz tragen, mit der Badehose meines Bruders ins Schwimmbad gehen, in unserem Garten ohne T-Shirt herumlaufen.

Je älter ich wurde und je sichtbarer sich mein Körper veränderte, desto stärker spürte ich aber, dass ich mich unpassend verhalte und sich meine Eltern für mich und mein Verhalten schämen. Im Sommer, als ich zwölf wurde, bekam ich meinen ersten Badeanzug – ich hasste ihn und erinnere mich noch gut an die Blicke anderer Eltern, als ich an einem heißen Ferientag doch wieder heimlich in einer Badehose schwimmen ging. Ich fühlte mich in meinem ganzen Leben noch nie so beschämt wie in diesem Moment.

Schminken? Es fühlte sich an, als ob mir ein Kostüm übergezogen wurde

Es war derselbe Sommer, in dem es plötzlich nicht mehr in Ordnung war, meine Kleidung in der Jungsabteilung zu kaufen. Je älter ich wurde, desto stärker wurde das Gefühl, nirgendwo mehr dazu zu gehören. Ich erinnere mich noch gut an eine Klassenfahrt, auf der sich alle Mädchen für die abendliche Kinder-Disko schminkten. Auch ich wurde damals geschminkt und kann die Erinnerung daran heute noch körperlich spüren – es fühlte sich an, als hätte man mir ein Kostüm übergezogen, das ich nicht tragen wollte. Die Disko stand unter dem Motto Hawaii, und alle Mädchen trugen Bikinis, obwohl sie noch kaum Brüste hatten, während ich mir von den Jungs T-Shirt und Shorts lieh. Ich wurde an diesem Abend sowohl von den Mädchen als auch von den Jungs ausgelacht.

Das mit dem Schminken begriff ich auch viele Jahre später noch nicht – ich habe einfach nie verstanden, warum von Mädchen erwartet wird, Make-up aufzulegen, aber von Jungs nicht. Doch während Schminken etwas war, für das ich mich entscheiden konnte, waren die Veränderungen meines Körpers etwas, das ich nicht aufhalten oder beeinflussen konnte. Der Moment, in dem meine Brüste wuchsen, war für mich der schlimmste Moment meines Lebens. Die Pubertät traf mich hart, und ich hatte keine Chance, mich zu wehren – auch wenn ich es ab und an versucht und meine Brüste geschlagen und geschnitten habe. Nichts konnte sie aufhalten.

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