Robert Beachys "Das andere Berlin" : Wie in Berlin die Homosexualität erfunden wurde

Die Erfindung der Homosexualität ist eine deutsche Geschichte - und Berlin spielte um 1900 die entscheidende Rolle. Das beschreibt Robert Beachy in seinem großartigen Buch "Das andere Berlin".

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Der berühmteste Club des schwul-lesbischen Berlins der Zwanziger: Das Eldorado, dank seiner Travestie-Shows weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannt.
Der berühmteste Club des schwul-lesbischen Berlins der Zwanziger: Das Eldorado, dank seiner Travestie-Shows weit über die Grenzen...Foto: Wikipedia/BY-SA 3.0 de

Die Geschichte der Homosexualität ist auf Deutsch geschrieben: Karl Heinrich Ulrichs, der erste Schwulenaktivist der Welt, schrieb in den 1860er Jahren Pamphlete für die Gleichbehandlung von Menschen, die er dem „Dritten Geschlecht“ zuordnete. 1868 bekommt Ulrichs einen Brief seines österreichisch-ungarischen Mitstreiters Karl- Maria Kertbeny, in dem dieser das Wort „homosexual“ für gleichgeschlechtlich Liebende vorschlägt.

In Berlin erschien das erste Schwulenmagazin der Welt

Die Geschichte der Homosexualität ist vor allem in Berlin geschrieben. In der Hauptstadt von Kaiserreich und Weimarer Republik erschien 1896 das erste Schwulenmagazin der Welt („Der Eigene“), 1924 das erste Lesbenmagazin der Welt („Die Freundin“). Magnus Hirschfeld, der erste Homosexuellenforscher der Welt, lebte und wirkte in Berlin: ab 1919 als Leiter des Instituts für Sexualwissenschaften in Tiergarten, seit 1897 aber bereits als Gründer des wissenschaftlich-humanitären Komitees, der ersten Schwulenaktivistengruppe der Welt.

In „Das andere Berlin“ beschreibt der amerikanische Historiker Robert Beachy Berlin als die „Geburtsstätte einer modernen Identität“ – wie es auch im englischen Originaltitel heißt. Für die jetzt erschienene deutsche Fassung entschied sich der Verlag für „Die Erfindung der Homosexualität: Eine deutsche Geschichte 1867–1933“. Das ist etwas schade, denn was das Buch so faszinierend macht, ist die Tatsache, dass Beachy nah an seinem Protagonisten bleibt: der Stadt Berlin.

Das schwule und lesbische Berlin der Zwanziger Jahre
Der berühmteste Club des schwul-lesbischen Berlins der Zwanziger war das Eldorado, dank seiner Travestie-Shows weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannt. Hier trafen sich Homos und Heteros, Berliner und Touristen. "Zwischen den Tänzen, bei denen auch der Normale sich den pikanten Genuss leisten kann, mit einem effeminierten Manne in Frauenkleidern zu tanzen, gibt es Brettldarbietungen. Eine männliche Chanteuse singt mit ihrem schrillen Sopran  zweideutige Pariser Chansons", schrieb ein Reiseführer durch das "lasterhafte Berlin". Neben dem Stammsitz in der Lutherstraße eröffnete wegen des rauschenden Erfolges im Jahr 1928 eine Zweitniederlassung an der Ecke Kalkreuthstraße/Motzstraße, die dieses Bild im Jahr 1932 zeigt. In der Szene war das Eldorado durchaus umstritten: Homosexuelle würden hier vor einem heterosexuellen Publikum zur Schau gestellt, hieß es.Weitere Bilder anzeigen
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30.04.2015 15:06Der berühmteste Club des schwul-lesbischen Berlins der Zwanziger war das Eldorado, dank seiner Travestie-Shows weit über die...

Beachy rekonstruiert, wie der Sodomieparagraf 175 für „mannmännliche Liebe“ durchgesetzt und erweitert wurde, gegen den Protest von namhaften Medizinern wie Rudolf Virchow, Koryphäen der Psychologie wie Richard von Krafft-Ebing oder dem Gründer der Sozialdemokratie August Bebel. Beachy zeigt, wie die öffentliche und politische Haltung gegenüber Homosexuellen nach aufsehenerregenden Skandalen wie der Harden-Eulenburg-Affäre von Gleichgültigkeit zu Ablehnung kippte.

Lange Recherchen im Schwulen Museum

Der Historiker hat für das Buch viele Monate im Archiv des Schwulen Museums in Berlin recherchiert. Am akribisch dokumentierten Kapitel über das Verhältnis zwischen Polizei und Homosexuellen erkennt man den Einfluss der Arbeit von Jens Dobler. Der Historiker ist Archivleiter im Schwulen Museum. So wird auch in „Das andere Berlin“ scharf getrennt zwischen der Duldungspolitik und Verbrechensbekämpfung. Die Polizei wusste genau, wo und wann etwa Schwulen- und Lesbenbälle stattfinden – der zuständige Polizeidezernatsleiter Leopold von Meerscheidt-Hüllessem besuchte diese sogar und ließ sich vortanzen.

Andererseits galt die strengste Ablehnung jeglicher Prostitution, in die viele Homosexuelle und Transpersonen durch Armut oder Ausgrenzung gedrängt wurden.

Robert Beachy, "Das andere Berlin. Die Erfindung der Homosexualität. Eine Deutsche Geschichte 1867-1933". Das Buch ist beim Siedler-Verlag erschienen.
Robert Beachy, "Das andere Berlin. Die Erfindung der Homosexualität. Eine Deutsche Geschichte 1867-1933". Das Buch ist beim...Cover: Promo

Robert Beachy beginnt mit der Erfindung der Homosexualität in Deutschland, hält sich ausgiebig in der Weimarer Republik mit ihren Verheißungen von einer Emanzipation für Schwule, Lesben und Transsexuelle auf und endet mit dem Tod dieser Hoffnung 1933.

Berlin als Vorreiter der Emanzipation

Sein Buch beschreibt kein neues Thema, es ist jedoch in seiner Klarheit und Struktur vorbildlich und bleibt auch da hervorragend lesbar, wo es sich der Entstehung von Gesetzestexten widmet. Doch der Fokus auf die Stadt macht das Buch einzigartig: Alles, was es zu Berlins Vorreiterrolle im Kampf um Emanzipation zu sagen gibt, kann man in „Das andere Berlin“ gesammelt und konzentriert nachlesen.

Robert Beachy: Das andere Berlin. Die Erfindung der Homosexualität: Eine deutsche Geschichte 1867–1933. Siedler Verlag, München 2015. 464 Seiten, 24,99 Euro.

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