Serie: Gemeinsame Sache : We are family in Schöneberg

Das Schöneberger Regenbogenfamilienzentrum unterstützt seit drei Jahren Lesben, Schwule und Transgender. Es gibt Rechtsberatung und ein breit gefächertes Gruppenangebot.

Jana Scholz
Zeigt Euch. Das Regenbogen Familienzentrum war auch beim Christopher Street Day mit einem Wagen dabei. Foto: Thilo Rückeis
Zeigt Euch. Das Regenbogen Familienzentrum war auch beim Christopher Street Day mit einem Wagen dabei.Foto: Thilo Rückeis

„Die Fahrkarten, bitte!“ Brav strecken Caroline Ausserer und ihre vierjährige Tochter die Hände der Kontrolleurin entgegen. Eine Fahrkarte brauchen sie aber eigentlich nicht. Sie sitzen in der Bimmelbahn, die das Regenbogenfamilienzentrum am Christopher Street Day 2016 über den Kudamm fährt. Zur Demo sind viele Familien gekommen, um auf ihre anhaltende Ungleichbehandlung aufmerksam zu machen. So war Caroline Ausserer auf der Suche nach einer queeren Kita mit der Schöneberger Anlaufstelle in Kontakt gekommen. „Wir sind eine Trans-Regenbogenfamilie“, sagt die 42-Jährige. Mit ihrer Transgender-Partnerin und der Tochter lebt sie in Neukölln.

„Danke für nix“, lautete das Motto des Christopher Street Days 2016. Das Motto entspricht der Erfahrung vieler Regenbogenfamilien, dass eine soziale und politische Gleichstellung noch lange nicht erreicht ist. Gerade im Alltag ist das spürbar. So ging es kürzlich einer queeren Familie, die in ein Brandenburger Schwimmbad nicht zum Familienpreis gelassen wurde. „Noch immer gilt das Modell: Mann, Frau, Kind“, sagt Jörg Steinert vom Regenbogenfamilienzentrum. Dabei verstoße es gegen das Gleichbehandlungsgesetz, Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identität zu einem höheren Eintritt zu zwingen.

Das Erste in Europa

Die Einrichtung des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg unterstützt bei solchen Diskriminierungen, bietet Psychosozial- und Rechtsberatung und ein breit gefächertes Gruppenangebot für lesbische, schwule, bisexuelle und transgender Menschen mit Kindern. Einige kommen mit ihren leiblichen Kindern, andere haben Pflegekinder oder adoptierte Kinder. Spielnachmittage und Krabbelgruppen, eine Kinderwunschgruppe und ein Geburtsvorbereitungskurs für werdende Regenbogenfamilien gehören auch zum Programm. „Viele Eltern suchen hier den Kontakt zu anderen Familien“, sagt Steinert.

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„Das Regenbogenfamilienzentrum war das erste seiner Art in Europa.“ Mittlerweile folgen Nachgründungen im ganzen Land. „Im Bundesvergleich ist Berlin schon sehr fortschrittlich“, sagt Steinert. Was die Rechte von queeren Familien angeht, ist Deutschland jedoch von der internationalen Spitze weit entfernt. Seit 2005 kann ein gleichgeschlechtlicher Partner hierzulande sein Stiefkind adoptieren – eine sehr bürokratische Regelung, sagt Steinert. Lesbische und schwule Paare dürfen jedoch kein fremdes Kind annehmen, lediglich als Einzelperson haben sie Adoptionsrecht. Auch Leihmutterschaft ist verboten. „Würde die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet, müssten wir über viele Einzelfragen nicht mehr diskutieren.“

Seit seiner Gründung 2013 hat es sich zwar auch als Rückzugsort für Regenbogenfamilien etabliert. Aber die Anlaufstelle unter Leitung von Constanze Körner will mehr: Mit der Ausbildung von Multiplikatoren sollen Familieneinrichtungen in der gesamten Stadt für LGBT-Themen sensibilisiert werden.

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Constanze Körner, Leiterin des Regenbogenfamilienzentrums Foto: Jana Demnitz
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„Geschlechtsstereotype sind die Basis für Diskriminierung“

Wie wichtig das ist, hat auch Caroline Ausserer erfahren. Denn eine queere Kita hat sie in Berlin vergeblich gesucht. Das bedeutet, Kompromisse einzugehen: „Regenbogenfamilien müssen sich immer wieder erklären“, sagt die 42-Jährige. „Manchmal ist man das leid.“ Als ihre Tochter mit Kurzhaarschnitt zur Kita kam, war das Feedback zunächst gut. Doch am zweiten Tag kam die Vierjährige weinend von der Kita. Zwar gebe es viele offene Eltern. Doch noch immer bleibe es nicht unkommentiert, wenn Mädchen kurze Haare haben und Jungen rosa Kleidung tragen. „Geschlechtsstereotype sind die Basis für Diskriminierung“, sagt Ausserer.

„Im Bezirk verdanken wir dem Engagement der Bezirksbürgermeisterin sehr viel“, sagt Jörg Steinert. Auch am Aktionstag wird Angelika Schöttler (SPD) das Zentrum unterstützen. Von mehr Familienfreundlichkeit profitiert schließlich der gesamte Kiez. Am 9. September von 10 bis 12 Uhr verschönert das Regenbogenfamilienzentrum den kleinen Spielplatz Cherusker Straße, Ecke Torgauer Straße in Schöneberg. Tatkräftige Helferinnen und Helfer sind herzlich willkommen.

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