Verfolgung Homosexueller durch die Nazis : Stolperstein für lesbische BVG-Schaffnerin - Tod im KZ

Über die Verfolgung lesbischer Frauen durch die Nazis ist bisher wenig bekannt. Elli Smula war bis 1940 BVG-Schaffnerin und wurde wegen ihrer Sexualität nach Ravensbrück deportiert. Nun erinnert ein Stolperstein an sie.

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Der Stolperstein von Elli Smula.
Der Stolperstein von Elli Smula.Foto: Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

Als sie verhaftet wird, währt Elli Smulas Karriere als Straßenbahnschaffnerin gerade einmal sechs Wochen. Ein Jahr nach Beginn des Zweiten Weltkrieges ist die junge Frau wie 3000 andere bei der BVG dienstverpflichtet worden. Es herrscht Personalmangel, die Männer sind an der Front. Smula, die in Mitte wohnt, verrichtet ihren Dienst in Treptow. Im September 1940 wird die 25-Jährige an ihrem Arbeitsplatz von der Gestapo festgenommen. Sie kehrt nie mehr zurück.

Am heutigen Montag ist für Elli Smula ein Stolperstein verlegt worden. Smula wurde verhaftet, weil man sie als lesbisch denunziert hatte. Ihr Arbeitgeber, die BVG hatte sie angezeigt. Und so erinnert ihre Geschichte nicht nur an die Situation von lesbischen Frauen in Nazi-Deutschland, sondern auch an die Vergangenheit der BVG. Erst vorige Woche hatte, wie berichtet, Autor Christian Dirks das Buch „Aus Rot wird Braun“ veröffentlicht, das die Entwicklung der BVG zum „nationalsozialistischen Musterbetrieb“ beleuchtet.

„Bei der BVG gab es eine Art Schnüffeldienst. Die Mitarbeiter waren angehalten, Fehlverhalten von Kollegen anzuzeigen“, sagt Claudia Schoppmann, Mitarbeiterin der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Ohne die Historikerin wäre Elli Smulas Geschichte wohl in Vergessenheit geraten. Denn von der jungen Frau gibt es keine Tagebücher, keine Fotos, keine Briefe. Aber Schoppmann, die die Patin des Stolpersteins ist, beschäftigte sich in ihrer Doktorarbeit mit der Verfolgung Homosexueller durch die Nazis. Anfang der 90er Jahre begegnete ihr der Name Smula in den Zugangslisten von Ravensbrück, dem größten KZ für Frauen.

Beziehungen unter Frauen nicht erwünscht

Neben dem Haftgrund „politisch“ ist dort auch „lesbisch“ vermerkt. „Wir wissen nach wie vor wenig über die damalige Lage lesbischer Frauen. Sie wurden zwar nicht wie männliche Homosexuelle nach Paragraf 175 des Strafgesetzbuches verfolgt. Aber Beziehungen unter Frauen waren nicht erwünscht“, sagt Schoppmann.

Dabei hätte die 57-Jährige vielleicht nie Smulas Geschichte erfahren, wäre nicht noch ein Name in der Listen aufgetaucht: Margarete Rosenberg. Auch wenn die Recherche anfangs in eine Sackgasse führte, blieben ihr die Namen im Gedächtnis. Vor wenigen Jahren machte dann der Internationale Suchdienst des Roten Kreuzes die Daten von Millionen Menschen der Öffentlichkeit zugänglich. Schoppmann nahm die Suche wieder auf.

Wilde Partys wurden ihr zur Last gelegt

Sie fand zwar weiterhin wenig über Smula. Aber Schoppmann erfuhr, dass Margarete Rosenberg, die gemeinsam mit Smula nach Ravensbrück gekommen war, ebenfalls bei der BVG gearbeitet hatte. Auch Rosenberg, eine Prostituierte, war dienstverpflichtet worden. Aus einem Aussageprotokoll Rosenbergs ging schließlich hervor, was man beiden zur Last legte: Sie standen unter dem Verdacht lesbisch zu sein, mit Kolleginnen nachts wilde Partys gefeiert zu haben und nicht pünktlich zur Arbeit erschienen zu sein. Die BVG warf ihnen vor, den Betrieb gestört zu haben.

„Rosenberg hat gestanden und auch, dass sie mit anderen Frauen Sex hatte. Aber man weiß natürlich nicht, unter welchen Umständen sie das zugegeben hat“, sagt Schoppmann.

Smula wurde 28 Jahre alt

Schließlich fand die Historikerin auch eine Spur zu Smulas Mutter. Nach dem Krieg meldete diese sich in Berlin bei einer Stelle für die Opfer des Faschismus. Sie wollte als Angehörige einer Verfolgten anerkannt werden. Ihr Antrag, der im Landesarchiv liegt, enthielt die letzten Hinweise: Nach der Festnahme wurde die Tochter ins Gefängnis am Alexanderplatz gebracht und im Hauptquartier der Gestapo vernommen, bevor sie nach Ravensbrück deportiert wurde.

Woran Elli Smula letztendlich starb, konnte Schoppmann aus den Akten nicht erfahren. Aus dem Antrag der Mutter ging nur das Sterbedatum hervor: 8. Juli 1943. Da war Smula 28 Jahre alt. Rosenberg überlebte und war noch zweimal verheiratet, bevor sie 1985 starb. Eine Entschädigung wurde ihr nie bewilligt – wegen angeblich „asozialen“ Verhaltens. „Der Stolperstein für Elli Smula soll auch zeigen, welche Folgen eine Denunziation hatte“, sagt Schoppmann.

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