Berlin : Rätsel des Nonnenmachers

Jürgen Udolph ist der einzige Professor für Namenskunde Durch eine Radiosendung wurde er berühmt. Nun hat er ein Buch geschrieben

Sebastian Leber

Für Kreuzworträtsel hat Jürgen Udolph keinen Sinn mehr, Kriminalromane lassen ihn völlig kalt. Seit Udolph nach der Bedeutung von Namen forscht, gibt es „nichts Spannenderes in meinem Leben“.

Deutschlands einziger Professor für Namenskunde ist längst ein Medienstar. Seit acht Jahren erklärt er täglich den Radio-Eins-Hörern, woher ihre Namen stammen und was sie bedeuten. In seinem „Buch der Namen“ verrät der gebürtige Berliner nun, wie er das jeweils herausfindet – inklusive Anleitung zum Selberforschen. Die Nachfrage ist riesig: Wo immer er mit seinem Buch auftaucht, hören ihm die Menschen gebannt zu. Wohl auch deshalb, weil er über sein Fachgebiet nicht trocken doziert, sondern in höchsten Tönen schwärmt.

„Nehmen wir Schneevoigt, ein spannender Name, ein ganz unglaublicher Name.“ Die Silbe Schnee stamme nämlich vom niederdeutschen Wort Schnede, und das bedeute Grenze. „Mit Schneevoigt ist also ein Grenzaufsichtsbeamter gemeint, ist das nicht Wahnsinn?“ Was Udolph am meisten reizt: Sprache verändere sich, einzelne Wörter verschwänden mit der Zeit. Aber in Namen blieben sie oft erhalten: „Da stecken tote Wörter drin.“ Weil Quad früher böse bedeutete, ist „Quadflieg“ die „böse Fliege, die herumschwirrt und die man einfach nicht totkriegt.“ Und „Störtebeker“ heiße so viel wie „Stürz den Becher“ und bezeichne einen Trinker. Der „Nonnenmacher“ wiederum habe nichts mit Religion zu tun, sondern meine jemanden, der von Berufs wegen Tiere kastriere. „Das muss man sich mal vorstellen.“

So erstaunlich die Forschungsergebnisse, so ungewöhnlich auch die von ihm verwendeten Hilfsmittel: Sein bestes Stück ist eine schwarz gebrannte Telekom-CD aus Polen. Die verrät ihm die räumliche Verteilung von Familiennamen in ganz Deutschland. „Wo ein Name am häufigsten vorkommt, ist oft auch sein Ursprung.“ Außerdem schwört Udolph auf die Internet-Datenbank der Mormonen in Salt Lake City. Da werden nämlich Namen gesammelt – „weil Mormonen glauben, dadurch Menschenseelen retten zu können“.

Mit solchen Werkzeugen hat es Udolph in die Talkshows und nun auch in die Bestsellerlisten geschafft. Dabei hatte es in seinem Leben lange gar nicht danach ausgesehen, dass dem 1943 Geborenen eine große Karriere bevorsteht. Nach miserablem Abitur („Mathe vier, Latein fünf, Griechisch vier“) folgte „ein überaus mittelmäßiges Dasein als Slawistik-Student“. Bis ihm sein Professor ein Examensthema vorschlug: „Machen Sie was über polnische Flussnamen.“ Von da sei es nur ein kleiner Schritt zu den Familiennamen gewesen, sagt Udolph. Seit 35 Jahren hat er nur noch Namen im Kopf, was im Privatleben schon mal Probleme macht. Zum Beispiel mit Ehefrau Maria: Wenn er mit ihr auf Reisen ist und an jedem Ortsschild über dessen Namen siniere, bekomme er manchmal ruppige Antworten. „Da sagt sie mir offen, dass ich bitte mal die Schnauze halten soll.“

Jürgen Udolphs „Buch der Namen“ ist im C.-Bertelsmann-Verlag erschienen und kostet 18 Euro. Seine Sendung läuft montags bis freitags kurz nach 12 Uhr

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