Rainer Maria Woelki im Interview : "Die Volkskirche wird es nicht mehr geben"

Berlins designierter Erzbischof Woelki über die Krise der katholischen Kirche, Opus Dei – und den Papst-Besuch im September.

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Katholisch, konservativ. Am 27. August wird Rainer Maria Woelki, 55, in sein Amt als Berliner Erzbischof eingeführt. Er ist Nachfolger des verstorbenen Kardinal Georg Sterzinsky. Woelki war bisher in Köln Weihbischof und Sekretär von Kardinal Meisner.
Katholisch, konservativ. Am 27. August wird Rainer Maria Woelki, 55, in sein Amt als Berliner Erzbischof eingeführt. Er ist...Foto: Thilo Rückeis

Heute in einer Woche werden Sie in Ihr Amt als Berliner Erzbischof eingeführt. Wo werden Sie in Berlin wohnen?

Wahrscheinlich in Wedding. Dort werde ich zunächst hinziehen, privat und dienstlich. Ein guter Wohnort für einen Bischof: mitten unter den Leuten, in der Nähe gibt es eine Armenküche.

Waren Sie schon in der Armenküche?

Nein, aber ich werde auf jeden Fall hingehen. Muss ja mittags auch was essen. Vielleicht haben sie für mich ein Süppchen.

Gleich nach Ihrer Ernennung wurde bekannt, dass Sie Ihre Doktorarbeit an der Opus-Dei-Universität in Rom geschrieben haben. Das hat viele beunruhigt. Warum ausgerechnet dort?

In Köln haben wir ein entspanntes Verhältnis zum Opus Dei. Kardinal Joseph Höffner hat in den 80er Jahren Opus-Priester nach Köln geholt, Kardinal Joachim Meisner schickt öfter Studenten an ihre Universität nach Rom. Ich kannte Studenten und Professoren dort, wir haben über mein Thema gesprochen, das fanden sie interessant.

Opus Dei gehört zum erzkonservativen, papsttreuen Flügel der Kirche. Dort zu studieren, ist auch eine Aussage, oder?

Papsttreu zu sein, ist nicht verwerflich. Die Mythen und Vorurteile, die sich um das Opus Dei ranken, kann ich nicht entkräften. Ich bin nicht Mitglied, das ist nicht meine Spiritualität.

Sie haben in Ihrer Doktorarbeit Gemeinschaften wie das Opus Dei gelobt, weil sie den Glauben besonders intensiv leben.

Von kleinen christlichen Gemeinschaften kann eine Erneuerung für die Kirche ausgehen, auch vom Opus Dei. Aber diese Gruppen müssen in die Pfarreien integriert sein. Sie dürfen kein Eigenleben führen oder die Gemeinden spalten.

In Ihrer Doktorarbeit haben Sie sich mit dem Thema Pfarrei beschäftigt. Es gibt immer weniger Priester in Deutschland, trotzdem halten Sie daran fest, dass nur Priester eine Pfarrei leiten dürfen. Keine Diakone, keine Laien. Warum?

Kern des kirchlichen Lebens ist das Abendmahl, die Eucharistiefeier. Die katholischen Bischöfe und Priester – und nur sie – repräsentieren Jesus Christus. Wenn wir Eucharistie feiern, feiert Jesus Eucharistie. Wenn ich ein Kind taufe, taufe nicht ich, Rainer Woelki, dieses Kind, sondern durch mich hindurch tauft Jesus selbst.

Wie stellen Sie sich die Zukunft vor, wenn es immer weniger Priester gibt?

Innerhalb einer Pfarrei gibt es viele Gemeinschaften, die sich unter der Woche treffen. Sie lesen in der Bibel und sprechen darüber, wie es gerade im Beruf geht, in der Familie. Diese Gruppen können ganz normale engagierte Katholiken leiten, dazu braucht es keinen Pfarrer. Wie in den Basisgemeinden in Lateinamerika. Das könnte ein Modell für Berlin sein. Sonntags kommen die ganzen Gemeinschaften zusammen und feiern Gottesdienst mit dem Pfarrer, da ist der Ort ihrer Einheit.

Bei Ihrem Abschiedsgottesdienst im Kölner Dom haben mehr als 30 Messdiener mitgewirkt, aber kein einziges Mädchen.

Im Dom gibt es keine Messdienerinnen. Das ist dort so Tradition.

Wird es auch in Berlin in St. Hedwig bald keine Messdienerinnen mehr geben?

Keine Sorge. Die werden bleiben. Das ist hier eben eine andere Tradition.

Bei Ihrer Verabschiedung in Köln warnte Kardinal Meisner vor der zunehmenden „Babylonisierung“ der Gesellschaft. Die „Hure Babylon“, der Sittenverfall – sehen Sie diese Gefahr auch?

Wenn ich sehe, welche Auswüchse der Kapitalismus treibt, wenn ich sehe, dass manche arbeiten, aber zwei, drei Jobs brauchen, um über die Runden zu kommen, ist das ein Verfall der Sitten. Das muss man nicht immer auf die Sexualmoral verengen. Als Christen wollen wir einen Beitrag dazu leisten, dass die Gesellschaft human bleibt.

2010 kamen viele Missbrauchsfälle ans Licht, nur noch ein Bruchteil selbst der Katholiken glaubt an das, was der Papst predigt. Wie wollen Sie aus der Krise herauskommen?

Ich mag das Wort „Krise“ nicht. Ich will auch keine Krise herbeireden.

180 000 Katholiken sind 2010 aus der Kirche ausgetreten. Wenn das keine Krise ist…

Es ist im Moment nicht einfach, das gebe ich zu. Das Schlimme ist, dass wir Bischöfe und Priester manchmal selbst dazu beitragen, weil wir uns nicht an die Bibel halten und schuldig werden.

Viele erleben die katholische Kirche als Moralanstalt, die sie gängeln will, etwa in Fragen der Sexualmoral. Was sagen Sie ihnen?

Dem Papst geht es nicht darum, Menschen kleinzumachen oder mit moralischem Zeigefinger rumzufuchteln. Auf den Weltjugendtagen hat er nirgendwo Jugendlichen verboten, die Pille zu nehmen. Er macht ihnen ein Angebot: das christliche Gottes- und Menschenbild. Aus dem ergeben sich ethische Implikationen. Zum Beispiel die Unauflöslichkeit der Ehe. Natürlich scheitern Menschen, sonst wären sie keine Menschen. Aber das heißt nicht, dass das Ideal falsch ist. Wir müssen uns eben immer wieder neu bemühen, es zu realisieren.

Und wenn am Ende nur ein kleiner Kreis von Katholiken übrig bleibt?

Ich hoffe, die Kirche bleibt Volkskirche in dem Sinne, dass sie Kirche für die Menschen ist. Aber was wir gemeinhin mit Volkskirche bezeichnet haben, wird es nicht mehr geben, das sehen wir in Berlin. Christus hat einen universalen Heilsanspruch. Er respektiert aber auch die Freiheit des Menschen, Nein zu sagen.

Um die Krise zu überwinden, haben die Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der Katholiken einen „Gesprächsprozess“ begonnen. Das ZdK möchte auch über das Thema Zölibat reden. Sehen Sie da auch Gesprächsbedarf?

Dazu ist alles gesagt. Jesus war nicht verheiratet. Da die Priester in der Nachfolge Jesu stehen, ist es angemessen, dass sie auch seine Lebensform übernehmen.

Das ZdK schlägt vor, darüber nachzudenken, ob auch Frauen geweiht werden können. Wie stehen Sie dazu?

Wir haben in der Kirche ein Amt mit drei Stufen: Bischof, Priester, Diakon. Es entspricht dem Willen Jesu, dass diese Ämter Männern vorbehalten sind.

Ihre erste große Amtshandlung als Berliner Erzbischof wird sein, am 22. September den Papst zu empfangen. Haben Sie schon mit ihm über den Besuch gesprochen?

Nein.

Was kann der Papst-Besuch bewirken?

Der Papst kommt als Sämann Gottes und wird seine Idee vom Menschen ausstreuen. Ich freue mich, dass das Bistum hier am Ende nicht zögerlich war und wir mit der Messe ins Olympiastadion gehen. Aber die Reaktionen auf das, was der Papst sagt, werden wie immer unterschiedlich sein: Die einen werden nichts damit anfangen können, andere wird er genau in ihrer Lebenssituation jetzt und hier ansprechen.#

Der Berliner Lesben- und Schwulenverband hat Ihnen angeboten, sich mit Ihnen zu treffen. Sie haben das Angebot angenommen. Stört Sie nicht, dass der Verband die Anti-Papst-Demo mitorganisiert?

Nein, das stört mich nicht. Wir leben in einer offenen, freien Gesellschaft. Das Demonstrationsrecht gehört zu unseren Persönlichkeitsrechten. Ich finde das vollkommen in Ordnung, dass sie für ihre Überzeugungen eintreten und demonstrieren. Ich wünsche mir aber, dass das in fairer und friedlicher Weise geschieht. Dass man sich hinterher offen und ohne Verletzungen begegnen kann.

Das Interview führte Claudia Keller

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