Berlin : „Rathenauer trifft man überall“

Die Walther-Rathenau-Schule in Grunewald feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Der Tagesspiegel dokumentiert Auszüge aus der Festrede eines ehemaligen Schülers, des Historikers Michael Wolffsohn

Michael Wolffsohn

Schule kann ein Paradies sein. Schule kann die Hölle sein. Diese Schule, unsere Schule, war und ist ein Paradies – für die einen. Unsere Schule war und ist die Hölle – für die anderen. Jede Schule ist für den einen Paradies, für den anderen Hölle. Für mich war die Walther-Rathenau-Oberschule immer ein Paradies. Aber für B.K. war sie zur selben Zeit, 1959 bis 1966, die Hölle. Damals hieß unsere Schule übrigens nur Walther-Rathenau-Schule, WRS. Damals war man so elitär, dass man auf die Vorsilbe „Ober“ bei „Schule“ verzichtete. Oder war damals das gesamte Schulwesen sozialdemokratischer, sprich: mehr an Gleichheit orientiert, obwohl der Direx, Wilhelm Padberg, seinerzeit einer der (damals) wenigen bekennenden Christdemokraten in Berlin war? Obwohl – oder gerade weil? – 1966 Klassenbester, war ich bis vor wenigen Jahren so dumm, dass ich gar nicht verstehen konnte, wie jemand meine Walther-Rathenau-Schule als Hölle empfinden konnte. Im fernen Lateinamerika traf ich B.K., und natürlich würden wir dort ins Meer der Nostalgie eintauchen. Dachte ich. B.K. spuckte in die köstliche Suppe und erzählte mir, wie sehr er gelitten hatte, dass er Jahrzehnte gebraucht hätte, um seinen Schulschock zu überwinden und Mensch zu werden. Waren wir auf derselben Schule gewesen? Scheinbar nein, tatsächlich ja. Nichts, auch die Schule, sogar unsere Schule, ist zugleich das eine und das ganz-andere. Das erinnert an Heraklit: „Denen, die in denselben Fluss steigen, strömt immer anderes Wasser zu. In dieselben Flüsse steigen wir und steigen wir nicht; wir sind und wir sind nicht.“ Ich bin damit bei Frau Wellhausen, unserer langjährigen Deutschlehrerin. In der 13. Klasse lernte ich Heraklit in Frau Wellhausens „Arbeitsgemeinschaft Philosophie“ kennen. Bei mir weckte Frau Wellhausen, lebenslänglich, die Liebe zur Literatur. Andere verprellte Frau Wellhausen, auch lebenslänglich. Frau Wellhausen, ja, die WRS, verwandelte mich, von einem zunächst rein menschheitsgeschichtlichen „Homo sapiens“, der faktisch eher ein intellektueller Neandertaler war, in einen Etwas-häufiger-denkenden-Menschen, wenngleich – leider – keinen wirklichen „Homo Sapiens“. Die meisten erreichen ohnehin nie Sapientia, also Weisheit. Ein Tor, wer glaubte, weise zu sein. Das lernt man hoffentlich auch noch heute auf unserer Schule. Womit wir jenseits des reinen Wissens sind und bei der Erkenntnis, dass Wissen nicht unbedingt das Wesen des Menschen bestimmt, schon gar nicht seinen menschlichen Wert, der gewiss nicht von Zensuren und Abiturzeugnis abhängt.

Auffallend viele Widerstandskämpfer gegen den deutschen Urverbrecher Adolf Hitler hatten am Grunewald Gymnasium gelernt: Justus Delbrück, der Bruder von Max Delbrück (1969 Nobelpreisträger für Physik und Medizin), Dietrich und Christine Bonhoeffer, Hans von Dohnanyi, Ellen-Marion Winter (die Frau von Peter Graf Yorck von Wartenburg), Fritz von Twardowski, Hans Schönfeld, Bernhard Klamroth, Bogislav von Bonin. Große Deutsche. Sie hatten die Größe, dem größten deutschen Verbrecher zu widerstehen. Jene Widerstandskämpfer und ihre deutschjüdischen Vor-, Mit- und Nach-Schüler waren vom Geist jener Schule geprägt. Diesen Schulgeist kann man soziologisch erklären, und diese Schulsoziologie ist ohne Stadtgeografie nicht verständlich: Das Grunewald-Gymnasium war das Gymnasium der 1889 gegründeten Villenkolonie Grunewald und damit die Oberschule des großstädtischen Großbürgertums, des Wirtschafts- und/oder Bildungsbürgertums, sowie auch der städtischen Aristokratie. Schüler des Grunewald-Gymnasiums waren vor allem Kinder von Wissenschaftlern, Medizinern und Juristen und Kinder der Prominenz aus Handel, Technik, Industrie und der städtischen Aristokratie.

Aus dem Geschichtsunterricht wissen nicht nur Schüler meines verehrten, unvergesslichen Klassenlehrers Fred Huhn: Bürgertum = Leistungsgesellschaft. Leistung zählt, nicht Geburt. Also Meritokratie, nicht mehr die Vorrechte der alten Geburts-Aristokratie. Ohne Leistung kein Aufstieg und ohne Bildung keine Leistung. In dieser Weltsicht trafen sich christlichdeutsches Bürgertum, christlichdeutsche Adelsbürger, altadelige Preußen und natürlich auch das jüdischdeutsche Bürgertum. Die echte Leistungsgesellschaft achtet nicht auf die Herkunft der Leistenden, sondern auf deren Leistung. Getto, Trennung, Diskriminierung, Intoleranz sind für echte Leistungsgesellschaften nicht nur unmoralisch, sie sind leistungsschädlich, ja, leistungsfeindlich. Wer also vor und nach 1933 das bürgerliche Leistungsideal ernst nahm und nimmt, kann Nationalsozialismus und jedweden Rassismus nicht billigen und wird ihn bekämpfen.

Natürlich gab es unter den Ex-Schülern des Grunewald Gymnasiums auch Mitläufer und Mittäter. Einige waren immun, manche bekundeten Widerstreben oder Widerwillen, nur wenige widerstanden. Dass manche der – wie immer und überall nur wenigen Gerechten – aus den Reihen unserer alten Schule kamen, ist nicht unser Verdienst, doch unsere Genugtuung und Ermutigung, denn es war eben kein Zufall, dass sie wurden, wie sie wurden. Die Soziologie des Grunewald Gymnasiums erklärt dies besser als die dort gelehrte Humanitas, die – leider – keine Garantie für Humanität ist.

Dass eine Traditionsschule mit dem politisch angenehm unverbindlichen und sozialgeografisch Prestige geladenen Namen „Grunewald Gymnasium“ am 24. Juni 1946 in Walther-Rathenau-Schule umbenannt wurde, halte ich für beachtlich. So kurz nach dem millionenfachen Judenmord bekannten sich nicht viele Deutsche zur Verantwortung und Haftung für die deutsche Ur-Schande, den Rechtsextremismus. Es waren Rechtsextremisten, die Walther Rathenau am 24. Juni 1922, genau 24 Jahre zuvor, ermordet hatten. Es waren Rechtsextremisten, die Rathenau bereits vor der NS-Machtübernahme ermordet hatten.

Mit dem neuen Schulnamen signalisierte man: Die deutsche Ur-Schande und das deutsche Ur-Verbrechen haben nicht erst 1933 begonnen, sondern erheblich früher. Damit signalisierte man auch: Gut, dass es einem Juden in der Weimarer Republik möglich war, Reichsminister zu werden. Mit der Umbenennung signalisierte man 1946 auch: Gut, wenn wieder ein Jude deutscher Minister würde. Auf Bundesebene wurde bis heute nicht erreicht, was in der Weimarer Republik möglich war.

Die historische Soziologie der Walther-Rathenau-Schule kann ich aus eigener Anschauung nur bis 1966 skizzieren. Unsere „Penne“ blieb auch unter neuem Namen ein Grunewald-Gymnasium: bürgerlich durch und durch, Adelige eingeschlossen. Eine – nach wie vor – fast geschlossene Gesellschaft – Freundschaften, Liebschaften, Heiraten mit dem benachbarten Mädchengymnasium, der Hildegard-Wegscheider-Schule, eingeschlossen. Ob Rotary- oder Lions- oder oder Oder-Club, Rathenauer trifft man überall, nicht nur in Berlin, sondern fast überall in der bürgerlichen Gesellschaft Deutschlands.

Mitte der 60er Jahre bahnte sich an der Walther-Rathenau-Schule, wie in der Bundesrepublik Deutschland überhaupt, ein fundamentaler Wandel an. Schüler aus kleinbürgerlichem, zum Teil sogar aus proletarischem Milieu gesellten sich zu uns. Sie kamen zum Beispiel aus Kreuzberg. Die Absicht der Eltern, vielleicht auch der Schüler selbst, war klar: Die Walther-Rathenau-Schule sollte Aufstiegskanal zwischen den Schichten werden und nicht mehr nur die bürgerlich-bürgerliche und adelsbürgerliche Grunewaldwelt zementieren.

Spannungsfrei war dieser Clash der Schichten nicht. Es gab durchaus den einen oder anderen Crash. Ich erinnere mich an W.G. Besessen lernend und arbeitend, weil bestrebt, ja, beseelt, durch Bildung auf- und dem proletarischen Kreuzberg-Milieu zu entsteigen, wurde W.G. unser Klassenbester. Von der bürgerlich-adeligen lässigen Nonchalance der meisten Rathenau-Schüler hatte das Proletarierkind nichts. Alles an ihm war verkrampft. Kein Wunder. Sein Bestreben galt uns als Strebertum. Er war deshalb nicht beliebt. Eines Tages wurde er im Unterricht abgefragt. Die Klasse war laut. Das störte ihn. Seine sehr gute Zensur schien gefährdet. Plötzlich explodierte W.G.: „Jetzt haltet doch mal eure Klappe, verdammt noch Mal!“ Die Klasse war empört. Heute sehe ich ein: W.G. hatte vollkommen recht. Seine Explosion war eine milde Form des Klassenkampfs. Der Fall W.G., genauer sein erhoffter Aufstieg vom Kreuzberger Proletariat zum Grunewalder Bildungsbürgertum, personifiziert den bildungspolitischen Umbruch der Bundesrepublik während der 1960er und 70er Jahre. Als ich die WRS verließ, 1966, schlossen rund zwei Prozent eines Schülerjahrgangs ihre Schullaufbahn mit dem Abitur ab, heute sind es zwanzig Prozent und mehr, je nach Region.

Wir sind wieder im Schulalltag. Vor hundert Jahren war er so, jetzt ist er so, in hundert Jahren ist er so. Zugleich war er anders, ist er anders, und wird er anders sein. Jeder hat seine ganz individuelle Schule. Es ist dieselbe und eine ganz andere. Frei nach Heraklit. Womit wir wieder im Unterricht wären, den wir doch gerade durch diese Feierstunde unterbrechen wollten. Vorhang zu. Auf die nächsten hundert Jahre!

Der Autor ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München

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