Reaktionen auf Wulff-Rede : "Wulff will verbinden"

"Das Christentum gehört zur Türkei", sagte Christian Wulff vor dem türkischen Parlament. Türkischstämmige Deutsche äußern sich positiv zur Rede des Bundespräsidenten.

von und Karin Schädler
Bundespräsident Christian Wulff vor dem türkischen Parlament.
Bundespräsident Christian Wulff vor dem türkischen Parlament.Foto: dapd

Plötzlich kommt auch noch Helmut Kohl ins Spiel. „Sein Sohn hat schließlich in der Türkei in einer christlichen Kirche geheiratet – eine hübsche Türkin“, sagt Yasemin Tumis. Die 24-Jährige studiert Politikwissenschaft an der FU und ist im Vorstand von Young Voice, der Jugendorganisation der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD). „Bundespräsident Wulff hat in seiner Rede einfach nur Fakten ausgesprochen.“ Am Mittwochmittag ist Yasemin Tumis in die Räume der Türkischen Gemeinde an der Obentrautstraße in Kreuzberg gekommen, um dort Aygül Özkan zu treffen: Die niedersächsische Integrationsministerin ist dort zu Besuch – am Tag, nachdem ihr ehemaliger Chef im türkischen Parlament die Zugehörigkeit des Christentums zur Türkei beschworen hat. Wulff hatte Aygül Özkan als niedersächsischer Ministerpräsident zur ersten türkischstämmigen Ministerin in Deutschland gemacht. Natürlich geht es bei der türkischen Gemeinde auch um Wulffs Rede. „Sarrazin und andere waren verantwortungslos mit ihren Aussagen. Wulff sagt endlich das Richtige“, sagt Yasemin Tumis.

Die Resonanz auf seine Aussagen ist unter Berlinern mit türkischen Wurzeln fast durchweg positiv. Mit dem Satz, das Christentum gehöre zur Türkei, wolle Wulff wohl denen antworten, die seine Aussage, der Islam gehöre zu Deutschland, kritisiert hatten, sagt Aylin Selcuk, Gründerin der Deukischen Generation, einer Vertretung deutscher Jugendlicher mit türkischem Hintergrund. „Das zeigt, dass er alle verbinden möchte.“ Es gebe zurzeit viele Menschen, die spalten möchten. „Aber unser Präsident versucht, alle unter einen Hut zu bringen“, sagt Selcuk. Das sei jetzt besonders wichtig, da viele Politiker sich plötzlich unsachlich äußern würden. „Türken-Bashing kommt gut an und Islam-Bashing sowieso“, sagt die Studentin der Zahnmedizin.

Der Vorsitzende der türkisch-deutschen Unternehmervereinigung, Hüsnü Özkanli, sagt, Politiker müssten die Bekenntnisse des Präsidenten nun umsetzen. „Mit der Äußerung, türkischstämmige Bürger sollten sich integrieren, ist es nicht getan, dafür müssen Voraussetzungen geschaffen werden“, sagt Özkanli. Politiker müssten Wulffs Gedanken weiterführen.

Bei allem Lob bemerkt die Erziehungswissenschaftlerin Iman Attia von der Alice-Salomon-Hochschule ein Ungleichgewicht in der Rede. Es sei problematisch, etwa Kriminalität oder Leistungsverweigerung mit einer bestimmten Herkunft zu verbinden. So würden dann auf der einen Seite die Christen als Opfer der Türkei erscheinen, auf der anderen Seite Deutschland als Opfer von Migranten, obwohl auch hier der Staat Fehler bei der Integration mache. Dennoch sei seine Rede „wegweisend“ und „mutig“, weil er sich auch gegen die eigene Partei stelle.

Er sei überzeugt, dass die meisten Deutschtürken sich mit dieser Rede von Wulff stark identifizierten, sagt Tamer Ergün, Gründer des türkischsprachigen Radiosenders Metropol FM in Berlin. Allerdings wirke es andererseits auch negativ, wenn Politiker den Deutschtürken Nachrichten aus der Türkei schicken. „Wir müssen uns als Deutschtürken getrennt von der Türkei betrachten, es muss ein neues Selbstbewusstsein her.“

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