Regenbogenfamilie in Berlin : Mama, Papa, Papa, Kind

Eine Familie im Zeichen des Regenbogens: Drei Eltern, eine Tochter – nach dem Gesetz ist das nicht möglich. Aber diese Konstellation, mit zwei schwulen Vätern und einer biologischen Mutter, gibt es trotzdem. Wie bei Michael, Aaron, Franka und Ruby.

Alicia Rust
Entspannt zu viert. Regenbogenfamilien wie die von Michael, Aaron, Franka und Tochter Ruby sind selten, ihre Zahl nimmt aber zu.
Entspannt zu viert. Regenbogenfamilien wie die von Michael, Aaron, Franka und Tochter Ruby sind selten, ihre Zahl nimmt aber zu.Foto: David Heerde

Während einige Touristen über die Gehwege von Mitte flanieren, hat es sich eine junge Familie beim Kaffee im Wohnzimmer gemütlich gemacht. Vorsichtig stellt die 35-jährige Franka einen frisch gebackenen Streuselkuchen auf den Tisch, während Michael Milchkaffee aus der Küche holt. Im Laufstall kräht Töchterchen Ruby, ein Jahr alt. Mutter, Vater, Kind. Doch als Michael wieder aus der Küche kommt, hat er Aaron im Schlepptau. Rubys Papa Nummer zwei.

Das hier ist eine „Regenbogenfamilie“, bestehend aus einer Mama, zwei Papas und deren gemeinsamem Kind. Eine Variante von vielen, in der zwei Elternteile in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung leben. Nach Schätzungen des Senats wachsen in Berlin mehr als 5000 Kinder und Jugendliche in solchen Familien auf.

„Der Regenbogen hat viele Farben“, sagt der 38-jährige Michael. Mama Franka lehnt sich unterdessen entspannt in ihren Sitzsack zurück. „Um 5 Uhr bin ich aufgewacht, danach habe ich Ruby erst mal zu ihren Vätern gebracht, um endlich für ein paar Stunden Schlaf zu bekommen“ erzählt die gelernte Goldschmiedin.

Franka, Aaron, Michael und Ruby leben in einer Familienkonstellation, die es laut Gesetz gar nicht gibt. Denn nur einer ihrer beiden Papas kann vor dem Gesetz offiziell als rechtmäßiger Vater des kleinen Mädchens anerkannt werden. Dem zweiten Vater stehen nach dem Gesetzbuch keine Rechte zu, selbst wenn er von Anfang an gleichberechtigt an allen Entscheidungen beteiligt war. Würden beide Männer hingegen eine eingetragene Partnerschaft eingehen und der zweite Vater würde Ruby offiziell adoptieren, müsste die leibliche Mutter im Gegenzug auf sämtliche Rechte verzichten. Das gleiche Recht für alle drei Eltern ist nach deutschem Gesetz nicht vorgesehen.

"Klima der Toleranz wächst" - und lässt auch Männer auf Familien hoffen

Constanze Körner vom Regenbogenfamilienzentrum in Schöneberg kritisiert die in ihren Augen überholte Gesetzgebung. Sie fordert eine Anpassung des Familienrechts hinsichtlich der „Mehr-Elternschaft“. Die drei Eltern der kleinen Ruby kennt sie bereits seit der Geburt des Mädchens. Die junge Familie hatte sich damals bei ihr vorgestellt, seither kommt sie regelmäßig zu Informationsveranstaltungen und zu den Festen des Regenbogenfamilienzentrums. Die Familienkonstellation von Rubys Eltern ist allerdings auch hier nicht so häufig anzutreffen. Zwei schwule Väter sind sehr viel seltener als zwei lesbische Mütter. Erst recht, wenn noch eine Hetero-Mutter fester Bestandteil der Familie ist. Tatsächlich sind homosexuelle Väter mit einem eigenen oder mit einem Pflegekind immer noch Teil einer winzigen Minderheit. „Dennoch gibt es zunehmend auch schwule Väter-Elternpaare“, sagt Constanze Körner. „Das Klima der Toleranz wächst, und das lässt auch jüngere homosexuelle Männer hoffen, dass sie eine eigene Familie gründen können.“

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Der Elternschaft in Regenbogenfamilien geht in der Regel eine lange Zeit der Vorbereitung voraus. Bei Franka, Aaron und Michael war es eine bewusste Entscheidung. „Wir hatten uns bereits mehrere Jahre vor Rubys Geburt für dieses Familienmodell und diese Form des Zusammenlebens entschieden“, sagt Franka. „Unser Kind wird in dem Bewusstsein aufwachsen, zwei gleichberechtigte Väter zu haben, sowie die dazugehörige Mutter“, ergänzen die beiden Väter. Für Franka ist die Familienkonstellation mit ihren beiden „besten Freunden“ ideal, wie sie sagt. Im Moment hat sie keinen Partner. Und wenn sie eines Tages doch einen Mann kennenlernt, mit dem sie sich eine feste Beziehung vorstellen kann, vielleicht sogar ein gemeinsames Kind? „Dann muss er von Anfang an auch meine Familie akzeptieren“, sagt sie. „Ursprünglich wollte ich ja keine Kinder“, sagt die Mittdreißigerin, die Michael und Aaron bereits seit mehr als fünf Jahren kennt. „Aber nun stellen wir fest, wie gut wir miteinander harmonieren, und denken sogar über weitere gemeinsame Kinder nach.“ Und Michael ergänzt: „Es wäre jedenfalls schön, wenn Ruby kein Einzelkind bleiben würde. Wir wünschen uns, dass jeder von uns zumindest einmal der leibliche Vater ist.“

Akzeptanz in Berlin? Besser aber nicht perfekt

Nicht jeder tritt dieser Konstellation positiv gegenüber. Nicht selten gibt es verwunderte Blicke, wenn die drei irgendwo gemeinsam auftauchen und sich als gleichberechtigte Eltern des kleinen Mädchens zu erkennen geben. Noch immer erfahren Regenbogenfamilien offene wie verdeckte Alltagsdiskriminierung. Besonders in Städten, die nicht so tolerant sind wie Berlin, wie Michael und Franka aus ihrer gemeinsamen Zeit in Schwerin berichten, wo Aaron über die Wochenenden zu Besuch kam.

Und wie sieht es in Berlin mit der Akzeptanz aus? „Sicherlich besser. Aber auch in Berlin kommt es immer noch vor, dass einer Regenbogenfamilie im Schwimmbad die Familienkarte verwehrt wird, mit der Begründung, eine Familie könne unmöglich aus zwei Vätern oder zwei Müttern mit Kindern bestehen“, sagt Constanze Körner. Doch Aaron weiß auch von positiven Erlebnissen zu berichten, zum Beispiel bei der Anmeldung von Ruby in der Kita. „Dort war unsere Konstellation für den Leiter der Einrichtung eine Selbstverständlichkeit“, freut sich Michael.

Eine positive Ausnahme, wie die drei einhellig bestätigen. Denn noch immer scheinen homophobe Vorurteile gesellschaftsfähig. So brachte CDU-Politiker Volker Kauder vor einigen Jahren mit dem Satz, „ich glaube nicht, dass Kinder sich wünschen, in einer homosexuellen Partnerschaft aufzuwachsen“, seine Ablehnung gegenüber Regenbogenfamilien zum Ausdruck.

Eine ganz normale Berliner Familie

Michael und Aaron geraten immer noch in Rage, wenn sie nur daran denken. „Was besagt die sexuelle Ausrichtung der Eltern darüber, wie sie ihre Kinder großziehen? Gilt es nicht jedem Kind zu wünschen, dass es geliebt und behütet aufwächst?“, fragt Michael. „Und spricht man die Fähigkeit, ein Kind so großzuziehen, etwa jenen Menschen ab, die sich unbedingt Nachwuchs wünschen, aber zufällig einen Partner lieben, der nicht dem anderen Geschlecht entstammt?“, sagt Aaron, der aus Israel stammt. „Hätte Kauder damals gesagt: Ich glaube nicht, dass sich ein Kind jüdische Eltern wünscht, hätte es einen Aufschrei in der Öffentlichkeit gegeben“, sagt Constanze Körner. „Aber schwule und lesbische Eltern darf man wegen ihrer sexuellen Neigung nach wie vor öffentlich diskriminieren, da gibt es nur wenige Gegenstimmen.“

Franka, Aaron und Michael haben sich auf den Weg zum Wochenendspaziergang gemacht. Sie mischen sich unter die Touristen, flanieren über die Museumsinsel, bleiben hier und dort kurz stehen, wenn die kleine Ruby etwas Spannendes entdeckt. Eine ganz normale Berliner Familie. Eine, die das Wort „Familie“ ein wenig anders definiert, als es das Gesetzbuch vorsieht.

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