Berlin : Reise nach Charlottenburg

Vom Germanist zum Straßenmusiker, Hausmann und wieder zum Schriftsteller: Henning Boetius ist in Berlin und im bürgerlichen Leben angekommen

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Von Amory Burchard

Henning Boetius sitzt auf seinem Balkon und nimmt einen ordentlichen Schluck Mineralwasser. „Hier und heute“, sagt der Schriftsteller, „genügt mir die Balkon-Perspektive.“ Gepflegte Charlottenburger Hinterhausfassaden, unten ein wilder Garten. Später wird er mit seiner Frau, auch sie eine Schriftstellerin, noch mal runtergehen, in ein Lokal um die Ecke in der Leibnizstraße. Da gibt es gutes Essen und einen anständigen Rotwein. Die wilden Wanderjahre des Henning Boetius, scheint es, sind vorbei. Da ist jemand an seinem Bestimmungsort angekommen. Seit eineinhalb Jahren lebt und schreibt er hier und glaubt, dass er es noch lange aushält.

Piet Hieronymus irrt durch Europa. Der Auslands-Ermittler der niederländischen Polizei hat gerade seinen Job geschmissen und wird trotzdem von Mordfällen verfolgt, in einen Ring von verbrecherischen Genforschern verstrickt. Er sucht seine entführte Freundin, seine verschwundene Mutter und seinen bis vor kurzem tot geglaubten Vater in Bern, in Groningen und in Rom. Ach könnte Piet Hieronymus doch auch nach Berlin kommen. Wo es Henning Boetius so gut geht. Aber weil Boetius das Schicksal des holländischen Ermittlers ganz allein bestimmt, soll es nicht dazu kommen. „Ich fühle mich hier zu wohl“, sagt Boetius. Sein nächster Piet-Hieronymus-Krimi könnte eher in Japan spielen, als in Berlin. Um über einen Ort zu schreiben, brauche er das Gefühl der Fremdheit.

Henning Boetius schickt seinen Ermittler immer dann auf gefährliche Reisen, wenn er ein großes Werk vollendet hat. In diesen Tagen erscheint Hieronymus’ fünfter Fall „In Rom kann es sehr heiß sein“ (btb, 2002). Boetius’ bislang größtes Werk ist „Phönix aus Asche“ (btb, 2000), die Geschichte seines Vaters Eduard Boetius, der 1937 zu den wenigen Überlebenden des Absturzes der Hindenburg gehört. Der heute 92-jährige Boetius steht am Steuerruder des deutschen Luftschiffes, als es in Lakehurst bei New York in Flammen aufgeht.

Zwei Jahre später wird Henning im hessischen Langen geboren, zieht im Alter von sechs Jahren mit den Eltern auf seines Vaters Heimatinsel Föhr. Er braucht 60 Jahre, um sich von den Schwierigkeiten mit seinem Vater frei zu schreiben. „Dieser kleine Mitläufer im Nationalsozialismus, dieser schöne Mann aus Stahl und Eisen“ – ohne seinen biographischen Hintergrund, sagt Henning Boetius, wäre er nie ein guter Schriftsteller geworden. „Phönix“ wurde ein Welterfolg. Es ist in zehn Sprachen übersetzt, und jetzt hat sich Universal Pictures die Filmrechte gesichert.

Hollywood. „Wenn die das machen, habe ich ausgesorgt.“ Henning Boetius denkt auf seinem Charlottenburger Balkon an die Rente. Wilde Jahre sind dem zerfurchten Gesicht des Anfang 60-Jährigen anzusehen. Der Zigeunersohn des Zeppelin-Helden ist spät angekommen im bürgerlichen Leben. Nach dem Germanistik-Studium und der frühen Promotion arbeitete er in Frankfurt am Main im Goethe-Haus sechs lange Jahre an einer Edition des Gesamtwerks von Clemens Brentano. „Dann wurde ich fristlos entlassen, hatte eine Frau, drei Kinder und keinen Führerschein“, fasst Boetius seinen Absturz aus dem germanistischen Olymp zusammen. Seine Wiedergeburt als Schriftsteller sei ein langer, schmerzhafter Prozess gewesen: Hausmann, Hausmeister, Straßenmusiker, Reisender und schließlich unveröffentlichter Schriftsteller. Dann entdeckt ihn Vito von Eichborn, der 1980 den Eichborn-Verlag als Alternative zu allen anderen deutschen Verlagen gründet.

Ein Segen für den verkrachten Germanisten und ungemein lehrreichen, auch kunstgeschichtlich und naturwissenschaftlich bewanderten, fantastischen Schriftsteller Henning Boetius. Dessen ungewöhnliches Talent bleibt nicht unentdeckt, aber seine ersten Bücher wie „Der andere Brentano“, „Der verlorene Lenz“ oder „Der Gnom“ über den Philosophen Georg Christoph Lichtenberg machen kaum Auflage.

Der Durchbruch kommt – mit einem historischen Berlin-Roman. „Undines Tod“ (1997) spielt im frühen 19. Jahrhundert. Eine junge Tänzerin im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt wird ermordet. Es ermittelt ein Kammergerichtsrat, der unschwer als E. T. A. Hoffmann zu erkennen ist. Bei den Recherchen für den Roman entdeckt Boetius Berlin.

Damals ist die Stadt noch fremd genug, um über sie zu schreiben. Boetius lebt mit seiner Frau Christa Hein in Fulda und findet, allmählich brauche er eine Stadt, in die er passt. Einem Menschen, der eine gewisse Sinnlosigkeit als Reisegepäck in sich hat, philosophiert Boetius auf seinem Balkon, wird es in Berlin leichter. In Berlin, wo Zersplitterung und Zerfall so konsequent inszeniert werden, fühle er sich „wie ein Dickleibiger im Wasser“. Wenn er nicht gerade nach Genua fährt, um für einen neuen historischen Roman zu forschen, reicht ihm Charlottenburg für seine Reisen. „Diese wunderbaren Russen-Hotels, die Majesty heißen“, schwärmt Boetius. Könnte da nicht Piet Hieronymus absteigen und unter die Russen-Mafia geraten? Ach nein, lieber nicht. Aus der Balkon-Perspektive mag man solche Dinge gar nicht sehen.

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