Religionen in Berlin : Ich bin katholisch, na und?

Religionsfreiheit ist ein hohes Gut, gerade im bunten Berlin. Aber wehe, man bekennt sich zur katholischen Kirche. Dann lästern die Freunde – und der Steuerberater schüttelt den Kopf. Tolerant ist diese Haltung nicht.

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Einsam im Feld. Wie die Kapelle Sankt Koloman nahe dem niederbayerischen Langquaid fühlt sich mancher Katholik in Berlin.
Einsam im Feld. Wie die Kapelle Sankt Koloman nahe dem niederbayerischen Langquaid fühlt sich mancher Katholik in Berlin.Foto: dpa

Ganz ehrlich: Ich bin froh, dass in Berlin geläutet statt geschossen wird. Also, einmal rein christlich betrachtet. Warum ich das schreibe? Nun, vor kurzem hat sich an dieser Stelle der Kollege Tiemo Rink über das Geläut der Berliner Kirchen echauffiert. „Mich nerven Kirchenglocken, zumindest dann, wenn sie läuten, zumal in einer Stadt, in der viele Menschen zusammenleben, von denen immer weniger praktizierende Christen sind. Dafür, dass Religion in einer angeblich zivilisierten Gesellschaft Privatsache sein soll, sind sie erstaunlich laut“, hieß es da.

Gut, dass er nie bei mir zu Hause war. Ich komme aus einem oberbayerischen 500-Seelen-Dorf mit einer verdammt lautstarken Tradition. An hohen katholischen Feiertagen wird dort dreimal eine Kanone abgefeuert. Zum ersten Mal knallt es um 5.30 Uhr am Morgen. Bumm. Zum letzten Mal vormittags um elf. Bumm. Unglücklicherweise befindet sich besagte Kanone nur rund 500 Meter von meinem heimatlichen Fenster entfernt. Trotz 24-jähriger Erfahrung mit bayerisch-katholischen Feiertagen hat sie mich jedes Mal kalt – und laut – erwischt.

Jetzt wohne ich am Hermannplatz. Neben meiner Fensterfront donnert auf dem Kottbusser Damm 24 Stunden täglich der Verkehr vorbei. Nur geschossen wird nicht mehr. Jedenfalls nicht mit Kanonen. Es ist himmlisch. Womit wir wieder beim Thema wären: himmlisch. Oder besser gesagt katholisch. Ist für eine Bayerin ja ohnehin dasselbe, der Rest zählt nicht. Diese Haltung wird zumindest gerne unterstellt.

Sich heute als Katholikin zu outen, wird, zumindest im sehr säkularen Berlin, mit Bauchweh wahrgenommen. Irgendwie scheint diese Religionszugehörigkeit nicht mehr zur Hauptstadt zu passen. Protestant, na gut, das lassen wir durchgehen. Aber Katholik? Kirchenglocken plus Papst? Nee nee, also bitte.

Freunde lästern, die Steuerberaterin guckt schief

Man sieht mir natürlich nicht an, dass ich – auf dem Papier – katholisch bin. Man merkt es auch nicht an meinem Verhalten. Ich gehe auch kaum noch in die Kirche. Aber wehe, ich gebe mich in Gesprächen zu erkennen – sofort ernte ich mitleidige Blicke und muss die Missetaten christlicher Herrscher bis hin zu den Kreuzzügen rechtfertigen. Und neulich, als ich bei der Steuerberaterin mein konfessionelles Kreuzchen setzte, guckte sie ebenfalls schief: „Sie sind katholisch?“ Peinlich berührtes Nicken, Hinweis auf bayerischen Migrationshintergrund. „Ach so. Na ja, aber überlegen Sie sich das genau. Gerade auch wegen der Kirchensteuer.“

Ist das so simpel geworden? Der Glaube in erster Linie eine steuerliche Belastung, und auch ansonsten nur etwas für geistlich Zurückgebliebene? Ich finde, dass es sich viele der ach so aufgeklärten Berliner Transzendenzverächter verdammt einfach machen. Ein Steuerformular-Kreuzchen bei „katholisch“ und damit – im übertragenen Sinne – bei „gläubig“ sagt, zumindest meiner Erfahrung nach, nur in den seltensten Fällen, dass da jemand unkritischer Unterstützer einer äußerst erfolgreichen Sekte ist. Sondern sehr oft einfach, dass sich da wer, auch wenn er es noch so sehr wollte, nicht von einer Tradition loslösen kann, die per Geburt mitgegeben und mancherorts durch Kanonenschüsse verfestigt wurde. Wie aber lässt sich wiederum diese Tatsache bewerten? Pech gehabt? Glück gehabt? Irgendwas dazwischen?

Im Zweifelsfall, das gebieten gerade in Berlin Toleranz und Religionsfreiheit, muss das jeder Einzelne entscheiden. Für sich. Auf keinen Fall für andere, die dann, peinlich berührt, gefälligst Abbitte leisten sollen. Dafür, dass sie sich von Wundererzählungen nicht mit naturwissenschaftlich-fundierter Verachtung abwenden. Und dafür, dass sie nicht komplett mit jener Institution brechen, die für sie mehr ist als eine überkommene Sexualmoral und die Summe ihrer Skandale.

Ich bin sicher, dass mich spätestens im Weihnachtsurlaub wieder ein Kanonenschuss aus dem Federbett fegen wird. Weil ich dann sowieso bereits wach bin, gehe ich vielleicht sogar in die Kirche. Ihre Glocken werden schon läuten. Mich stören sie nicht. Ich würde mir wünschen, dass genau das keinen anderen stört.

Dieser Text erschien als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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