Richtiges Benehmen in Berlin : Bitte sprechen Sie uns nicht an!

Ständig wird den Berlinern vorgeworfen, sie wären unfreundlich und grob – dabei wollen sie nur ihren Frieden. Zeit für einen ethnologischen Erklärungsversuch. Mit drei Regeln für ein unkompliziertes Zusammenleben zwischen Alt- und Neuberlinern.

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Immer dieses Rumgenörgel! 2009 versuchte der Senat, die Berliner unter dem Motto „Herz und Schnauze“ zur Freundlichkeit zu erziehen.
Immer dieses Rumgenörgel! 2009 versuchte der Senat, die Berliner unter dem Motto „Herz und Schnauze“ zur Freundlichkeit zu...Foto: Alina Novopashina/dpa

Meine Freundin hatte es nett gemeint, sich nichts dabei gedacht. Die Sonne schien, der Himmel leuchtete blau und aus dem Supermarkt kam uns ein Mann entgegen, der bis unters Kinn mit Grillfleisch beladen war. „Oh, lecker! Wo steigt denn die Party?“, fragte sie lächelnd. Doch statt einer Antwort kassierte sie einen abschätzigen Blick – was sich für sie anfühlte wie ein Schlag in die Magengrube.

Nachdem der Grillfleischmann außer Hörweite war, begann sie einen Monolog. Darüber wie unzugänglich die Berliner seien, wie muffelig, kaltschnäuzig und verschroben. Kurzum: Sie, die seit fünf Jahren hier lebende Kölnerin, wollte zur berüchtigten Unfreundlichkeitsdiskussion ansetzen. Als Zeugin der Szene stellte sich mir jedoch die Frage, wer der Unfreundlichere von beiden war: Er, der die Bemerkung einer Unbekannten ins Leere laufen ließ, oder sie, die einen schwer bepackten Fremden ohne zwingenden Grund von der Seite ansprach? Liebe Ina, ich habe es dir nicht gesagt aus Angst, es würde unsere Freundschaft belasten – aber offen gestanden erschien mir eher dein Verhalten als grob.

Levve un levve losse, heißt es im Rheinland. Das ist ein löblicher Vorsatz, der auch im Rest der Republik gelten sollte. Das Problem ist nur: Dem Berliner – also dem guten alten Urberliner, der sich immer so schön verallgemeinern lässt – werden ständig seine vermeintlichen Unzulänglichkeiten vorgehalten. Von Zuzüglern, Touristen, Wichtigtuern. Vor denen muss er sich dann rechtfertigen. Oder in vorauseilendem Gehorsam irrwitzige Therapiemaßnahmen ersinnen. Exemplarisch erinnert sei an die Senatskampagne mit dem schlimmen Motto „Herz und Schnauze“, die sogenannte Freundlichkeitsoffensive, 2009 war das. Die mit den albernen Buttons. Sie erinnern sich nicht dran? Gut so.

Es herrscht eine große Ungerechtigkeit in diesem Land: Dem Hamburger wird seine Zugeknöpftheit als vornehm-hanseatische Zurückhaltung ausgelegt. Die Distanzlosigkeit des Kölners gilt vielen als Inbegriff von Frohsinn. Und die Affektiertheit des Münchners wird als Kultiviertheit interpretiert. Nur der Berliner muss sich als unfreundlich und ruppig beschimpfen lassen – dabei ist er einfach nur ehrlich und unangepasst! Auf die Zumutungen des Alltags reagiert er auf seine ihm eigene, lakonische Weise.

Die Eingeborenen wollen sich vor emotionalen Enttäuschungen schützen

Dazu gehört, Achtung, dass er vor allem in Ruhe gelassen werden will. Die Menschen und das Geschehen um sich herum hält er gern auf Distanz. Die Gründe dafür sind ebenso individuell wie komplex. Als gesichert kann jedoch gelten, dass er sich so vor zwischenmenschlichen Enttäuschungen und emotionalen Niederlagen schützen möchte. Harte Schale, Sie wissen schon. Oh, und vielleicht fühlt er sich als Hauptstädter auch einer einer gewissen Coolness verpflichtet.

In Wahrheit ist die vermeintliche Pampigkeit also ein tragisches Beispiel dafür, wie weit Selbst- und Fremdwahrnehmung auseinanderliegen. Darunter leidet niemand so sehr wie der Betroffene. Im Prinzip ist der Berliner ein freundlicher, friedfertiger Mensch, der mit seinen Eigenheiten akzeptiert werden möchte. Es wäre schön, setzte sich diese Erkenntnis bei all den schnell urteilenden Denunzianten durch. Statt mit dem Finger auf den Berliner zu zeigen, sollten sie ihr eigenes Tun, ihre eigene Wirkung selbstkritisch hinterfragen.

Doch dieser Text will nun nicht nur Missstände benennen, sondern auch Hilfestellung bieten. Deshalb hier für alle, die im Umgang mit uns Eingeborenen unsicher sind, die drei wichtigsten Regeln für ein unkompliziertes Miteinander zwischen Spandau und Köpenick:

1. Sprechen Sie Fremde nicht grundlos an, es kann Ihnen schnell als Aufdringlichkeit ausgelegt werden.

2. Der natürliche Gesichtsausdruck des Berliners ist ein gleichgültiger, denn das Leben hat ihn hart gemacht. Nehmen Sie das einfach mal kommentarlos an.

3. Sollte es die Situation erfordert, frotzeln Sie zurück. Wer schlagfertig reagiert, verdient sich Anerkennung. Denn er bekundet ernsthaften Integrationswillen.

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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