Roofing in Berlin : Die Wolkenkratzer

Für eine Großstadt ist Berlin ziemlich flach, findet Marat Dupri. Er muss es wissen. Der junge Russe klettert auf die höchsten Gebäude der Welt – um hinunterzublicken. Auch die Berliner Dächer entdecken Roofer wie er mittlerweile für sich.

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Lohn des Roofers: Aussicht über die Dächer Berlins.
Lohn des Roofers: Aussicht über die Dächer Berlins.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wer hoch hinaus will, muss unten anfangen, heißt es. Dieses Unten könnte überall sein, doch heute liegt es im Keller einer Industrieruine in Niederschöneweide. So wenige Lichtstrahlen dringen bis hierher durch, dass nur das Echo klirrender Schritte die Größe des Raumes verrät.

Marat Dupri bleibt stehen. Kurz ist es still, als habe er die Geräusche der Welt da draußen eingeatmet. „Hier geht’s nicht weiter“, sagt er und aktiviert die Taschenlampe in seinem Smartphone. Er leuchtet nach vorne, dort ist nichts, nur zerschmetterte Backsteine und zerschmissene Flaschen – plötzlich huscht an der Wand etwas vorbei. Eine Tür fällt zu. „Wir müssen woanders lang. Es riecht nach Ärger.“

Marat sucht nach einem Weg in den Kühlturm der früheren Bärenquell-Brauerei, der zwischen Spree und Schnellerstraße unweit des S-Bahnhofs Schöneweide weithin sichtbar in die Höhe ragt. Der normale Zugang würde durch eine schwere Eisentür führen, die ist zugeschweißt, mit dicker Naht. Also läuft Marat von einem lichtlosen Kellerraum in den nächsten, hinauf ins Erdgeschoss, immer weiter hinein in das monumentale ehemalige Bierlager, über dem der Kühlturm aufragt. Er klettert an einem eingestürzten Treppenaufgang vorbei, biegt um die Ecke – und steht plötzlich einem Mann gegenüber.

„Hello, my name is Marat. Where are you from?“

Freihändig. Marat Dupri sitzt entspannt auf einer Brüstung, 40 Meter unter ihm das Gelände der ehemaligen Brauerei in Berlin-Niederschöneweide.
Freihändig. Marat Dupri sitzt entspannt auf einer Brüstung, 40 Meter unter ihm das Gelände der ehemaligen Brauerei in...Foto: Nik Afanasjew

Der Mann fährt sich mit völkisch tätowierten Fingern über den kahl geschorenen Schädel, macht sich breit. „Berlin“, sagt er sehr betont. Aus einem nahen Gang sind Schritte zu hören. Ja, es riecht nach Ärger.

Das Gefährlichste sind andere Menschen

Der Mann und Marat mustern einander. Beide dürften sie überhaupt nicht hier sein. Der eine trägt die Montur autonomer Nationalisten – Kapuzenpullover, Handschuhe, Basecap, alles in Schwarz. Der andere sieht wie ein Backpacker aus, mit Turnschuhen, Jeans und grauem Pulli.

Marat ist gekommen, um den Turm zu besteigen. Denn er ist Roofer, was bedeutet, dass er ungesichert auf Gebäude klettert, auf die legal niemand klettern darf. Dort macht er Fotos oder Videos, die er ins Netz stellt. Im Internet ist der „Skywalker“ Marat Dupri deshalb ein Star, auf seinen Touren aber ist er allein. Was ihn reizt, ist nicht so sehr die Grenzverletzung an sich, trotzdem stößt er immer wieder in Sphären vor, in denen das Gefährlichste andere Menschen sind. Wie der Schwarzgekleidete jetzt vor ihm. Was hat der vor? Und was seine Begleiter, deren Schritte sich nähern?

100 Jahre lang wurde in der Bärenquell-Brauerei Bier hergestellt, seit 1994 nicht mehr. Es ist ein vergessener Ort, der nur von seltsamen Gestalten begangen und selten erwähnt wird. 2012 hat es dort an vier Tagen hintereinander gebrannt, da haben sich Bezirk und Polizei kümmern wollen, wurde damals postuliert. Illegale Partys sollen hier gestiegen sein, vielleicht tun sie es noch. Vielleicht ist der Mann in Schwarz, der Dupri den Weg verstellt, deswegen hier.

Jeder wartet auf die erste Bewegung des anderen – bis Marat einfach zur Seite hechtet und losläuft. Die Treppe ist frei, sie führt hinauf. Der in Schwarz schlägt unten mit seiner Hand gegen eine Backsteinmauer, er rennt nicht hinterher. Kurz darauf ist Marat im Turm angelangt.

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