Berlin : Ruthild Hahne, geb. 1910

Christine-Felice Röhrs

Manchmal nimmt ein Mensch sein Leben und bricht ihm - bricht sich selbst - das Genick. Bricht mit den Menschen. Mit allem, was er Tag für Tag getan hat. Ignoriert den Schmerz. Und fängt ganz von vorne an. Ruthild Hahne hat oft neue Leben begonnen. Getrieben von Idealen, die sie nicht verleugnen konnte, auf der Suche nach einer besseren Gesellschaft, und doch von einer Enttäuschung in die nächste. Bitter, immer bitterer schmeckte das. Man sah es. Am Mund. Verkniffene Winkel, geschlossene Lippen.

Erster Bruch, noch ganz ungewollt: Die Kindheit muss sterben. Ruthild Hahne ist 14 Jahre alt und besucht das Neuköllner Lyzeum, da leiht jemand dem verwöhnten Mädchen ein Buch von Karl Marx. Ruthild kauert auf ihrem Bett. Blättert. Liest. Verständnislos. Und doch fühlt sie etwas. Mitleid für die Massen, wie Marx sie beschreibt? Faszination für eine fremde Welt? Vielleicht sind es weniger die politischen Begriffe, die Ruthild gefallen, als Fürsorge, Gerechtigkeit, Mitmenschlichkeit, die aus der Schrift sprechen - Ruthild ist von distanzierten, dominanten Eltern erzogen worden.

Sozialisation einer Sozialistin. Bei Ruthild beginnt sie mit diesem Buch. Und alle folgenden Ereignisse werden schicksalhaft hineingreifen in dieses Rädchen im Gehirn, das sich um die Ideologie dreht. Es wird sich weiter drehen, das Rädchen, und die Frau antreiben, in die Kluft hinein zwischen Idee und realer Existenz. Bis sie dort hineinfällt. Und die Kluft ihr Leben verschluckt.

Doch noch sind wir am Anfang. Ruthild macht eine Ausbildung zur orthopädischen Turnlehrerin, sieht viel Elend. Sie bewegt durch Schwerarbeit verkrümmte Gliedmaßen, massiert die kaputten Rücken junger Frauen. Nach dem Mitleid kommt der Drang, der Empörung Ausdruck zu verleihen. Da lernt sie 1930 Jean Weidt kennen, Chef der Roten Tänzer, Mitbegründer einer ganz neuen Form des Tanzes: des Ausdruckstanzes, den die Truppe bei Veranstaltungen der KP und im Sowjetischen Club an der Anhalter Straße präsentiert. Das wirkt auf Ruthild wie Benzin auf eine Flamme. Die geplagten und alternden Körper, die Ruthild berührt hat, die tanzt sie nun. Tanzt Arbeiter, Bettler, einen alten Mann im Schnee. Tanzt mit geballter Faust Ausbeutung und Unterdrückung, bis sich der Körper ganz zerschlagen anfühlt. Tiefer kann eine Identifizierung nicht gehen. Tiefer kann Elend sich nicht einprägen in die Seele einer 20-Jährigen.

Pause. Luft holen. Für kurze Zeit ist das Leben einfach nur wieder süß und unschuldig. Schnell entschlossen ist Ruthild wieder in ein neues Leben geschlüpft, hat begonnen, Bildhauerei zu studieren, einfach so. Endlich mal jung sein. Ruthild ist hochbegabt.

Und verliebt. Womit sie, schicksalhaft, das Politisieren doch wieder einholt. Denn Wolfgang Thiess ist Widerstandskämpfer gegen die Nazis, Mitglied der Zelle um Harro Schulze-Boysen. Auch bei Ruthild an der Nachodstraße 20 treffen sich die Mitglieder und schreiben an der illegalen Zeitung "Die innere Front". Gerade noch ist das Leben eine aufregende Mischung aus Liebe, Abenteuer und Kunst - da reißt alles wieder entzwei.

" ... schlaf gut Ruthild, liebe, kleine Frau und guter Kamerad", schreibt Wolfgang Thiess. Es ist der 9. September 1943. Thiess schreibt in einer Gefängniszelle. Nur Stunden später wird er erschossen. Ruthild, als seine Komplizin, muss für vier Jahre ins Gefängnis. Vier Jahre sind 1460 Tage, sind 35 040 Stunden, sind viel zu viele Minuten, in denen Wolfs Tod vor dem inneren Auge abläuft wie ein Film. Dieser Film im Kopf ... er schürt die Glut noch. In der Zelle rückt die Politik ins Zentrum von Ruthilds Bewusstsein. Ihr wird sie alles, auch ihre Kunst unterordnen. Als Ruthild aus dem Gefängnis flüchten kann, läuft sie gegen den Strom. Läuft zu den Russen. Das erste, was sie formt, als sie wieder Ton in den Händen hält, ist ein Lenin-Kopf. Ruthild, die politische Künstlerin. Sie wird Erfolg haben.

Der Durchbruch kommt 1950. Gegen 182 Konkurrenten setzt Ruthild Hahne sich durch bei der Ausschreibung eines Denkmals auf dem Thälmann-, vorher Wilhelmplatz, Teil einer groß angelegten Strategie, den historischen Neubeginn der DDR zu inszenieren. Was für eine Ehre. Höhepunkt all dessen, worauf Ruthild hingelebt hat. Die Kluft naht.

15 Jahre ihres Lebens, die wichtigsten, wird Ruthild dieser Aufgabe widmen. Sechs Meter hoch soll das Werk werden: Zwei Ströme von Menschen, die der SPD, die der KPD, fließen an der Spitze in Thälmann zusammen, der hält eine Faust geballt. Alle Entschlossenheit Ruthilds, der neuen, besseren Gesellschaft ein würdiges Denkmal zu setzen, steckt in dieser Faust.

Und doch ist es ein mühsamer Prozess. Ein kleiner Entwurf, ein etwas größerer. Ein Drittel der Größe ist erreicht, dann die Hälfte. Vor jeder neuen Stufe fertigt Ruthild zuerst die Drahtgestelle für die groben Umrisse der Figuren. Überformen mit Ton. Kügelchen für Kügelchen, manchmal nicht größer als ein Senfkorn. Den Kopf nach links geneigt, dann nach rechts und mit zusammengekniffenen Augen die Proportionen überprüft. Übergießen mit Gips. Die Gipsform mit flüssiger Bronze füllen. Glätten. Ruthild lebt in einer Wolke feinen Metallstaubs.

Sie glaubt sie nicht, die ersten Gerüchte, dass das Zentralkomitee Thälmanns Heroisierung und damit ihr Werk überdenke. Sie will nicht wahrhaben, dass das Aus bevorsteht, als man versucht, ihr Fehlverhalten und Geldschneiderei vorzuwerfen. Erst später wird die Partei zugeben, dass der Standort fürs Denkmal sich eigentlich schon mit Beginn des Mauerbaus erledigt hatte und dass das Projekt - von bis zu 30 Millionen Mark war die Rede - auch zu teuer geworden ist. Bis 1965 verweigert Ruthild die Erkenntnis, dass sie ins Leere gearbeitet hat. Schließlich muss sie das Atelier räumen. Ein Teil dessen, was fertig ist, wird zerschlagen.

Seit dieser Zeit lacht Ruthild nicht mehr gern. Die Tür zu ihrem Arbeitszimmer sperrt sie ab. Sperrt die Vergangenheit darin ein, die sie sauber geordnet in bunten Pappmappen aufbewahrt. Sperrt alle aus, die Fragen stellen. Die Enkelin will einen Aufsatz schreiben über die Oma, wie sie mal Widerstandskämpferin war. Aber Ruthild hat keine Lust zu reden. Auch keine Energie mehr für Kunst. Nie wieder. 30 Jahre lang. Bis zu ihrem Tod.

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