Berlin : Sammlung aus Leidenschaft

Das neue Keramik-Museum in Charlottenburg entführt in eine Welt der Harmonie und skurriler Formen – Heinz-Joachim Theis hat es geschaffen

Ulrich Clewing

Am Anfang waren eine Teekanne und ein Diebstahl – und beides hing sehr direkt miteinander zusammen. Die Kanne hatte in Heinz-Joachim Theis eine Leidenschaft entfacht, und zum Glück ließ er sich durch die Langfinger nicht entmutigen, weshalb es heute in Charlottenburg ein neues kleines Museum gibt, das der Vorstellung von einem wundervollen Ort ziemlich nahe kommt. Man geht durch eine Toreinfahrt, betritt einen reizenden verwinkelten Hinterhof und glaubt, in einer anderen Welt zu sein.

Doch die Geschichte des Keramik-Museums-Berlin (KMB) ist so schön, dass sie es verdient, der Reihe nach erzählt zu werden. 1980 lebte Heinz-Joachim Theis, der Direktor des Museums, für ein Jahr in Paris. Eines Tages schenkte ein Freund ihm eine Teekanne – nicht irgendeine, sondern eine spezielle: Sie hatte die Form eines Automobils, mit dem Fahrer als Deckel und dem Nummernschild „OK-T-42“ (zu deutsch: „Okay, Tea for two“). Sie stammte aus dem Besitz von Karl Lagerfeld, der zu der Zeit seine umfangreiche Sammlung an Keramik und Porzellan verkaufte, um sich vom Erlös ein kleines Schlösschen zuzulegen, aber sie war beschädigt und so gelangte sie in die Hände des gelernten Flugzeugmechanikers und Übersetzers für Französisch, Spanisch und Russisch, Theis. Der ließ sie fachmännisch reparieren, nahm sie bei einem Besuch mit nach Frankfurt am Main, wo sie ihm geklaut wurde. Ein herber Verlust, einerseits.

Und andererseits der Beginn einer Passion, die Theis zum anerkannten Spezialisten auf dem Gebiet der Keramik machte. Er fing an zu lesen, was er in die Finger bekam, stellte bald fest, dass es erstaunlich wenig Literatur zum Thema gab, wobei die Autoren sich teils widersprachen.

Das wollte Theis nicht hinnehmen. Und so leistete er Basisarbeit: Aus zwei Jahren Selbststudium sind inzwischen mehr als zwanzig geworden, in denen er Informationen sammelte über 10 000 Keramik-Werkstätten im deutschsprachigen Raum, mehr als 5000 Briefe verschickte mit Anfragen an Archive und Museen und sich als Praktikant bei den besten Keramikern Deutschlands verdingte, damit er auch die Praxis kennen lernte. „Ich bin da so reingeschlittert“, sagt Theis, „und habe aus meinem Hobby eine Lebensaufgabe gemacht.“

Mittlerweile dürfte es kaum jemanden geben im Kreis der Keramikforscher, der mehr über das Fach weiß, als der 49-Jährige mit dem filigranen Bärtchen und dem Kurzhaarschnitt.

Längst hat Heinz-Joachim Theis seine Beschäftigung zum Beruf erkoren, ist Inhaber einer Keramik-Galerie. Sein Katalog „Berlin und Brandenburg – Keramik der 20er und 30er Jahre“ gilt als Standardwerk. Auch hat er immer wieder erfolgreich Ausstellungen organisiert, etwa im Martin-Gropius-Bau oder im Deutschen Historischen Museum, in dem er schon zu DDR-Zeiten ein und ausging, als es noch das Museum der Deutschen Geschichte war, eine absolute Seltenheit im deutsch-deutschen Grenzverkehr.

Reich ist er damit bisher nicht geworden, aber das spielt keine Rolle. Die Begeisterung, mit der Heinz-Joachim Theis im April 1989 die Museumsleute im Zeughaus davon überzeugte, dass er der richtige Mann sei, um in den Depots zu stöbern, die merkt man auch dem neuen Museum an, das vor ein paar Tagen in der Schustehrusstraße unweit des Schlosses Charlottenburg eröffnet wurde.

Hingabe steckt in jedem Winkel des KMB, nicht nur, weil es eine rein private Initiative ist, die vom Bezirk zwar die Räumlichkeiten gestellt bekam, aber sonst keinerlei öffentliche Unterstützung erhält. Wenn das Wort Keramik fällt, denken die meisten immer noch an Töpferkurse, aber nicht an die geschichtliche Dimension, die sich damit verbindet. Dabei ist Keramik eine der ältesten Kulturleistungen. Ohne sie gäbe es keine Vorräte an Lebensmitteln, ohne Vorräte an Lebensmitteln keine Zivilisation.

Man muss sich erst ein wenig anfreunden damit, dann aber tut sich ein ganzes Universum auf, schimmernde Oberflächen, glänzende Farben, skurrile Formen. Zum Beispiel die bauchige Vase, die im Büro von Theis gerade vor ihm auf dem Tisch steht, eine Schenkung wie 95 Prozent des Bestandes. Sie sieht merkwürdig aus: Auf der einen Seite ist sie unregelmäßig rötlich-braun, auf der anderen grünlich-weiß, wie bei Schimmelpilzbefall. Es ist eine Vase, die im so genannten Asche-Anflug-Verfahren hergestellt wurde.

Bei diesem Verfahren werden die Stücke ohne Glasur in den Ofen gelegt, der nur mit Holzscheiten befeuert wird. Ein Vorgang von erhabener Archaik: Vier Tage dauert es, bis der Ofen die richtige Temperatur erreicht, und nochmal vier Tage sind notwendig, um den Ton zu brennen – bei einer Hitze, die so stark ist, dass die Holzasche im Feuer zu schmelzen beginnt und über die Tongefäße tropft. So kommt weitgehend unkontrolliert die faszinierende Färbung zustande, und das seit vielen Jahrhunderten. Das Asche-Anflug-Verfahren wurde im 14. Jahrhundert in Japan entdeckt und blieb seither gleich.

6000 Exponate umfasst die Sammlung, 130 davon sind in Vitrinen ausgestellt, genau die richtige Anzahl, um nicht völlig von der Menge erschlagen zu werden. Und über jedes einzelne weiß der Museumsdirektor etwas Besonderes zu sagen, sogar über zeitweilig abwesende: Irgendwann taucht die Teekanne von Lagerfeld wieder auf. Da ist sich Heinz-Joachim Theis ganz sicher.

Keramik-Museum Berlin, Schustehrusstraße 13, So., So. und Mo., 13-17 Uhr. Infos über das Vortragsprogramm unter 030/321 23 22 oder www.keramik-museum-berlin.de

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