Saubere Sache - Gemeinsame Sache : Prenzlauer Berg: Aufräumen im Dschungel

Lange war der „Dschungelspielplatz“ in Prenzlauer Berg gesperrt. Nun machen Bürger aus dem verwahrlosten Platz wieder einen Erlebnisort für Kinder.

Jana Scholz
Die Anwohner wollen den Dschungelspielplatz wieder aufhübschen.
Die Anwohner wollen den Dschungelspielplatz wieder aufhübschen.Foto: dpa

„Hauptsache, das Dach fällt mir nicht auf den Rücken“, ruft Heiner Funken. Er hockt in einer Holzhütte und sägt an der Mittelsäule, während fünf Männer das Dach festhalten. Funken ist hauptberuflich Bauleiter, aber auch in seiner Freizeit engagiert er sich auf diesem Gebiet: Unter seiner Leitung treffen auf dem „Dschungelspielplatz“ in Prenzlauer Berg Nachbarn zusammen, um den gesperrten Spielplatz wieder benutzbar zu machen.

Für diesen Samstag hat Funken den „Subbotnik“ ausgerufen: sowjetrussisch für den kleinen Arbeitseinsatz am Sonnabend. „Es ist eine nachbarschaftliche, selbst-organisierte Initiative“, sagt er. Damit möglichst viele Anwohner zur Aktion in der Kopenhagener Straße kommen, hat Funken Zettel aufgehängt und über seinen umfangreichen Verteiler zum Mitmachen aufgefordert.

Er ist nämlich gut vernetzt: Acht Jahre lang war er im Vorstand des Bürgervereins Gleimviertel und hat schon viele Aktionen für seinen Kiez initiiert. Mit Anwohnern setzte sich Funken bereits gegen die Fällung von Bäumen ein und verhinderte, dass das ruhige Viertel zur Durchfahrtszone gemacht wird.

Geschichte des Spielplatzes eher trist

So viel Engagement steckt an: Über zwanzig Helfer sind zum Dschungelspielplatz gekommen, unter ihnen auch Andreas Otto (Bündnis 90/Die Grünen). Das Gleimviertel gehört zum Wahlkreis des Abgeordneten. „Solche Leute gibt es hier in Prenzlauer Berg, die nicht nur diskutieren, sondern auch selbst anpacken“, sagt Otto. „Davon bin ich begeistert.“

Die Anwohner jäten Unkraut, beseitigen Müll und bauen die alten Spielgeräte ab. Die Dächer der drei Holzhütten kommen weg, in der Hoffnung, dass sie ohne die Überdachung nicht mehr als nächtlicher Treffpunkt genutzt werden. Denn seit der Spielplatz geschlossen ist, übernachtete der ein oder andere auf dem Grundstück. „Das war eigentlich eine prima Hütte“, findet Funkens fünfjähriger Sohn, der bei der Aktion dabei ist. „Aber es soll hier ja noch schöner werden“.

Die Geschichte des 2006 eröffneten Spielplatzes ist eher trist. Das Bezirksamt kaufte die Brache an der Kopenhagener Straße, Ecke Rhinower Straße damals von einem privaten Eigentümer. Während der Bezirk für den Spielplatz und die aufwendig gestalteten Spielgeräte Hundertausende Euro ausgab, hätte Funken lieber einen Abenteuerspielplatz gehabt, auf dem Eltern die Spielgeräte mit ihren Kindern selbst zimmern.

Bezirksamt lehnte Vorschlag ab

Für die „Dschungelbrücke“ errichtete die Baufirma einen künstlichen Hügel mit Beton-Fundament. Mit der Zeit rutschte die aufgeschüttete Erde vom Hügel ab: ein Sicherheitsproblem für den Spielplatz. Nur drei Jahre nach seiner Öffnung sperrte das Bezirksamt den Spielplatz wieder.

Funken habe von Anfang an klar gemacht, dass sie als Bürger nicht nur verlangen, sondern für die Wiedereröffnung auch mitanpacken wollten. Das Bezirksamt habe diesen Vorschlag lange abgelehnt – unter anderem mit dem Argument, dass es zehn Jahre Förderbindung für die investierten Mittel gebe. „Es war ganz egal, ob der Spielplatz intakt ist oder verrottet.“

Seit 2011 verhandeln Funken und die Nachbarn aus der Kopenhagener Straße mit dem Bezirk Pankow über eine Wiederöffnung des Dschungelspielplatzes. „Als wir irgendwann gar nicht mehr wussten, wie es weitergehen soll, haben wir auf dem Spielplatz einen Baum gepflanzt“, sagt Funken.

Der Apfelbaum sollte an das Ziel erinnern, den Spielplatz irgendwann wieder zu öffnen. „Wir wollten schließlich keinen Schildbürgerstreit. Und letztlich hatten wir Erfolg“, sagt Funken. Vor Kurzem einigten sich beide Parteien: Die Nachbarn bauen die alten Spielgeräte ab und der Bezirk baut neue auf.

Hochbeete statt Kiezgarten

Im Herbst soll die vom Bezirk beauftragte Firma beginnen, bis Jahresende sollen die Arbeiten beendet sein. Eine weitere Forderung der Anwohner war eine Wasseranlange auf dem Spielplatz. Dafür hätten jedoch erst Rohrleitungen verlegt werden müssen, sodass nun der Spielplatz direkt gegenüber im Laufe des nächsten Jahres in einen Wasserspielplatz verwandelt wird. Der liegt nämlich auch auf der Sonnenseite.

„Immer, wenn wir am gesperrten Spielplatz vorbeigelaufen sind, dachten wir: Das sieht total schlimm aus“, sagt die Anwohnerin Susann Schwarze. Sie schneidet gerade den Bambus zurück, der an der Hauswand wuchert: Darunter versteckt sich jede Menge Müll. „Wir wollten eigentlich einen Kiezgarten auf diesem Spielplatz einrichten. Nun werden es Hochbeete“, sagt Schwarze.

„Die Nachbarschaft ist cool“

Denn der Kinderspielplatz darf nicht in einen Garten umgewandelt werden. „Leider sind die Prozesse mit der Stadtverwaltung unheimlich langwierig“, sagt Schwarze, die selbst im Umweltministerium arbeitet. Anstelle eines Kiezgartens sollen nun Hochbeete auf den beiden Spielplätzen entstehen: Bald wollen die Anwohner Blumen und Gemüse in Paletten pflanzen, die an der Wand befestigt sind – damit die Kinder weiterhin genug Platz zum Spielen haben.

„Die Nachbarschaft ist cool“, sagt Funken. Den ganzen Tag über kommen interessierte Anwohner vorbei, unter ihnen viele Mütter mit Kindern, und fragen, ob sie helfen können. Und weil die Nachbarschaft so cool ist, veranstalten die Anwohner auch seit zwölf Jahren „Nachbars Braten“: Einmal im Jahr bringt jeder selbstgemachtes Essen mit auf die Straße. Während man an einer großen Tafel den Braten der Nachbarn probiert, kommt man ganz nebenbei ins Gespräch über das nächste Projekt für den Kiez.

Am Aktionstag Sonnabend, dem 19. September, sind alle Freiwilligen herzlich eingeladen, von 10 Uhr bis in die Abendstunden auf dem Dschungelspielplatz die alten Geräte abzubauen, Müll zu entfernen und zu gärtnern. Treffpunkt: Kopenhagener Straße 70, Prenzlauer Berg.

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