Saubere Sache in Neukölln : Touristen sollen sich sozial engagieren

Sightseeingbusse, Rollkoffer und Gegröle: Touristen sind bei den Berlinern nicht sonderlich beliebt. Zwei Neuköllnerinnen bemühen sich um eine Aussöhnung und laden die Berlinbesucher zum sozialen Engagement ein.

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Aktion "Saubere Sache" auf dem Kannerplatz in Neukölln. Nadine Lorenz, Tanja Dickert, Hanna Lutz und Stephanie Frost (v.l.) haben das Projekt initiiert und unterstützt
Aktion "Saubere Sache" auf dem Kannerplatz in Neukölln. Nadine Lorenz, Tanja Dickert, Hanna Lutz und Stephanie Frost (v.l.) haben...Foto: Marie Rövekamp

Seit Jahren träumen Hanna Lutz (27) und Stephanie Frost (26) von einem kleinen Hostel in Berlin. Zehn bis zwanzig Betten, in Kontakt mit lokalen Betrieben. So wie das kleine Haus mit Garten in Patagonien, Argentinien, das die beiden leidenschaftlichen Backpacker auf einer ihrer gemeinsamen Reisen entdeckten.

Lutz, die zuvor in Magdeburg lebte, und Frost, die ursprünglich aus Dresden stammt, haben sich 2010 bei einem Auslandssemester in Kanada kennengelernt, waren seitdem viel unterwegs und dabei um sozial orientierten Tourismus bemüht. So wie es die Sprachschule in Ecuador vormacht, bei der beide für ein Hilfsprojekt arbeiteten.

Touristen können bei der Tafel, der Caritas und der Stadtmission helfen

Die letzten eineinhalb Jahre haben sie neben ihrem Studium – Lutz studiert Geografie der Großstadt, Frost schreibt gerade ihre Masterarbeit in Betriebswirtschaftslehre – gerechnet und sich Immobilien angeguckt. Noch feilen sie am Konzept. Um wirtschaftlich zu arbeiten, seien 50 bis 60 Betten nötig, sagen Lutz und Frost, bei Rund-um-die-Uhr-Betrieb.

„Aber dann bleiben keine Kapazitäten mehr, um Gäste auch noch mit sozialen Projekten zu vernetzen“, sagt Lutz. Das sei ihr Hauptanliegen. Die beiden Frauen verfolgen aufmerksam die Probleme, die Tourismus in der Stadt verursacht wie Müll und Lärm, und sie beobachten den Groll mancher Berliner gegenüber Touristen. Darauf wollten sie reagieren.

Als ersten Schritt haben sie deshalb eine Freiwilligenbörse aufgebaut. (V)ostel heißt das Unternehmen – das V steht für Volunteering. Touristen können sich dabei über eine Online-Plattform für kurzzeitige Hilfseinsätze bei Berliner Organisationen melden. Kooperationspartner sind bisher die Berliner Tafel, die Caritas und die Berliner Stadtmission.

Dort sortieren sie etwa einen Tag lang Lebensmittelspenden und unterstützen die Fahrer bei der Auslieferung, oder sie bereiten im Winter das Essen und die Schlafstätten in Notunterkünften vor. Wichtig sei, dass man sich auch kurzfristig für die Einsätze registrieren kann und Deutsch-Kenntnisse nicht zwingend nötig sind. Eingewiesen werden die Kurzzeit-Helfer von Freiwilligenkoordinatoren, wie sie größere Organisationen häufig haben, erklärt Frost. Die Vermittlung ist für alle kostenfrei.

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Geschafft. Christine Thumm (links), Gründerin der Initiative "Serve the city", freut sich mit einer Freiwilligen über den gesammelten Müll. Wie tausende andere Freiwillige haben die beiden Frauen für unsere Aktion "Saubere Sache" selbst angepackt. An mehr als 180 Orten in der gesamten Stadt haben Bürgerinnen und Bürger die Stadt geputzt und verschönert. Wir waren fast überall dabei und haben für Sie fotografiert. Einen Überblick über alle Aktionen finden Sie hier.
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1 von 222Foto: Bettina Malter
15.09.2013 12:32Geschafft. Christine Thumm (links), Gründerin der Initiative "Serve the city", freut sich mit einer Freiwilligen über den...

Mobile Aschenbecher halten den Kiez sauber

Stephanie Frost und Hanna Lutz, die beide in Neukölln wohnen, wollen sich in Zukunft über zwei weitere Standbeine von (V)ostel finanzieren: über die Vermittlung von privaten Übernachtungsmöglichkeiten bei Berlinern, ausdrücklich mit sozialer Anbindung an die Gastgeber. Außerdem wollen sie ein Netzwerk aus alternativen Tourismusanbietern aufbauen und diese mit den Besuchern der Stadt zusammenbringen. Etwa Personen, die Kieztouren anbieten, oder Projekte, die auf soziale oder ökologische Themen spezialisiert sind.

Am Aktionstag wollen sie gemeinsam mit Berlin-Besuchern auf dem Freundschaftsplatz an der Ecke Richardstraße/Kannerstraße in Neukölln Müll wegräumen, Baumscheiben bemalen und bepflanzen. Der Backgammon- und der Schachtisch, die auf dem Platz stehen, sollen wieder spieltauglich gemacht werden.

Derzeit sieht man vor Dreck und Kronkorken kaum die Spielfelder. Mit Aushängen in Hostels wollen Frost und Lutz bis zum Aktionstag kräftig werben. Wer über ein Backpacker-Netzwerk derzeit eine Berliner Unterkunft bucht, wird auf die Aktion hingewiesen.

Unterstützung kommt schon von Tanja Dickert, die um die Ecke vom Richardplatz einen Souvenirladen mit Neuköllner Produkten betreibt und sich seit Jahren im Kiez engagiert. Die 42-Jährige war schon die letzten beiden Jahre beim Aktionstag aktiv. 2013 hat sie mobile Aschenbecher verteilt.

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Wiehler Willʼs Wissen (2) - Benimmregeln für Touristen?

Auch die „Stadtagenten“, die sich für mehr Umweltbewusstsein in Neukölln einsetzen, unterstützen die Aktion. Konkret gesucht werden noch: Farbe, Holz, winterfeste Pflanzen und natürlich Mitstreiter. „Wer zum Aktionstag gerade Besuch hat“, sagt Stephanie Frost, „kann ihn gerne mitbringen.“

Aktion am 13.9., zwischen 14 und 18 Uhr, Freundschaftsplatz, Richardstraße, Ecke Kannerstraße, Neukölln, Anmeldung bis 12.9. unter http://www.vostel.de/deutsch/volunteering/anmeldung/; Ansprechpartner: Hanna Lutz, E-Mail: info@vostel.de

Mitmachen und Mitfeiern

Erst werden an den Aktionstagen die Ärmel aufgekrempelt und die Stadt schön gemacht – und eine Woche später wird gefeiert. Der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin und der Tagesspiegel laden alle Helfer am Freitag, dem 19. September zur Danke-Party in das Verlagsgebäude am Askanischen Platz 3 am Anhalter Bahnhof. Ab 17 Uhr sind alle Aktiven herzlich willkommen: Im Erdgeschoss gibt es ein Kulturprogramm mit Theater und Musik, dazu gibt es Getränke und Snacks. Begrüßt werden unsere Gäste von der Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement, Hella Dunger-

Löper, der Vorsitzenden des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Barbara John, und der Tagesspiegel-Chefredaktion. Das Haus ist behindertengerecht. Der Eintritt ist frei. Wenn Sie mitfeiern wollen, schreiben Sie uns: sauberesache@tagesspiegel.de