Schauplatz Berlin : Volker Kutscher über seine Krimi-Serie um Kommissar Gereon Rath

Die Dreharbeiten zu "Babylon Berlin", beruhend auf den Romanen von Volker Kutscher, sind abgeschlossen. Er plant allerdings nach sechs Büchern noch ein paar mehr.

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Die Welt von "Babylon Berlin", das ist der schon zur Redewendung geronnene Tanz auf dem Vulkan, kurz bevor er explodiert.
Die Welt von "Babylon Berlin", das ist der schon zur Redewendung geronnene Tanz auf dem Vulkan, kurz bevor er explodiert.Foto: Promo

Kästner, immer wieder Erich Kästner. In diesem Fall „Emil und die Detektive“, „Pünktchen und Anton“ – Volker Kutscher schwärmt davon noch immer: „Da steckt sehr viel echtes Leben drin, da werden Straßennamen und Gebäude genannt, die es wirklich gab.

Da liest man von Kindern, die auf der Weidendammer Brücke stehen und Streichhölzer oder Schnürsenkel verkaufen. Das war etwas, wo ich sofort eingestiegen bin.“ Von dort kam der in Köln lebende Autor auf direktem Wege zu „Berlin Alexanderplatz“ und anderen bekannten Berlin-Romanen, doch er wäre damals „nie auf die Idee gekommen, in dieser Welt einmal selbst Kriminalromane anzusiedeln“.

„Egal ob Autos, Mode, Bauhaus – das find' ich alles ziemlich gut."

Hat er aber und sogar sehr erfolgreiche. Die mittlerweile auf sechs Bände angewachsene Reihe um Gereon Rath, Kommissar in der Mordkommission der Berliner Polizei – zeitlich angesiedelt in den zwanziger und dreißiger Jahren.

Eine Zeit, die Kutscher fasziniert, was das Recherchieren in Büchern, Archiven und Zeitungen zum Vergnügen macht: „Egal ob Autos, Mode, Bauhaus – das find' ich alles ziemlich gut. Und dazu kommen die hoffnungsvollen politischen Ansätze, die 1933 dann fatalerweise auf einen Schlag erstickt wurden. Diese Tragik hat mich auch schon immer beschäftigt.“

 „Das wird so ein bisschen ein Showdown zwischen den beiden“

Sein bislang letzter Berlin-Krimi, „Lunapark“, kam Ende 2016 heraus, und damals deutete sich schon an, wie es im nächsten wohl weitergehen würde. Zunächst schreitet natürlich die Zeit voran. Sein sechster Rath-Roman war im Jahr 1934 angekommen, und man ahnte schon, dass seine nicht ganz einwandfreie Beziehung zu der Unterweltgröße Marlow kein gutes Ende nehmen würde.

Gleich im ersten Band „Der nasse Fisch“ hatten sie sich kennengelernt, und Rath, der Welt des Halbseidenen selbst nicht ganz abgeneigt, hatte immer wieder gern das auch finanziell sich äußernde Wohlwollen des reichen Gangsterbosses genossen, verdankte ihm seine gediegene Charlottenburger Wohnung wie auch seinen Ami-Schlitten. Nun aber forderte Marlow plötzlich eine Gegenleistung, was Rath zunehmend erboste, mit absehbarem Ende: „Das wird so ein bisschen ein Showdown zwischen den beiden“, lässt Kutscher schon mal wissen, verrät auch den Arbeitstitel: „Marlow“ eben.

Er könnte sich gut vorstellen eine neue Serie zu entwickeln

Ursprünglich sollte die Rath-Reihe 1936 enden, vor dem Hintergrund der Olympischen Spiele. Inzwischen hat Kutscher sich umentschieden: „Weil das ein zu harmloses Jahr wäre, um aus der Serie auszusteigen.“ Wobei harmlos ein relativer Begriff ist: 1936 wird Rath den Polizeidienst verlassen, weil die Arbeit der Kriminalpolizei immer stärker von der SS kontrolliert wird.

Angedacht ist nun auch, dass Rath 1938 noch einen Fall als Privatmann löst – eine Art Philip Marlowe, wenn man so will. Danach soll Schluss sein, versichert Kutscher: „Da werde ich auch nicht mit mir reden lassen.“ Gut vorstellen könne er sich dagegen, eine neue Serie zu entwickeln, eventuell aus den vierziger oder fünfziger Jahren, weil das ebenfalls eine große Umbruchzeit war. Aber sicher ist er sich da noch nicht.

Berlin ist für Volker Kutscher eine Art zweite Heimat.
Berlin ist für Volker Kutscher eine Art zweite Heimat.Foto: Oliver Berg/dpa

Auch Kutscher ist wie Rath Rheinländer, blieb es aber, wechselte anders als seine Romanfigur seinen Lebensmittelpunkt nicht, trotz aller Vertrautheit mit der Stadt an der Spree. „Es ist so etwas wie meine zweite Heimat, auch wenn ich dort keinen Wohnsitz habe.“ Immerhin: „Seit 1985 bin ich mindestens einmal im Jahr dort gewesen.“

"Die Serie zieht einen total in diese Welt hinein."

Wie erst kürzlich wieder: Der 54-jährige Autor hatte sich in Berlin die ersten der 16 Folgen von „Babylon Berlin“ angesehen, der ab dem 13. Oktober bei Sky, Ende 2018 dann in der ARD gezeigten, auf seinen Rath-Krimis beruhenden Fernsehserie. Mit der Arbeit der drei Regisseure Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries wie offenbar auch mit der Schauspielkunst der Darsteller, vorneweg Volker Bruch als Gereon Rath, ist Kutscher überaus zufrieden: „Wunderbar. Ich kannte schon ein paar Bilder, weil ich mal beim Dreh war und mir im Schneideraum erste Szenen angeschaut habe, aber fertig erzählt ist es eben noch etwas anderes. Die Serie zieht einen total in diese Welt hinein. Man hat das Gefühl, im alten Berlin auf der Straße zu sein, man hört den Verkehr und spürt die Atmosphäre. Wirklich toll.“

Man soll sich der damaligen Welt zugehörig fühlen

Wichtig sei ihm, dass man das Ganze nicht distanziert von außen betrachtet wie in einer historischen Dokumentation, sondern sich der damaligen Welt zugehörig fühlt. „Es ist der Versuch zu zeigen, wie modern diese Welt eigentlich schon war. Der Versuch, die zeitliche Barriere von 80, 90 Jahren vergessen zu machen. Und das ist im Film sehr gut gelungen, finde ich.“

Genügend Stoff für 16 unterhaltsame Fernsehabende

So scheint sich der Eindruck zu bestätigen, den die Teilnehmer einer ersten kleinen Präsentation der Serie Anfang Februar in Clärchens Ballhaus gewinnen konnten. Die Welt von „Babylon Berlin“, das ist der schon zur Redewendung geronnene Tanz auf dem Vulkan, kurz bevor er explodiert. Das sind die organisierte Kriminalität der Ringvereine, samt Drogenhandel und Prostitution, die um sich greifende braune Flut der Nazis, es sind ein als Autounfall kaschierter Mord, eine Wasserleiche, dazwischen immer wieder drastischer Sex. Genügend Stoff für 16 unterhaltsame Fernsehabende. (mit dpa)

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