Schlecker-Insolvenz : Kieztreff in Gefahr

Sie haben nicht das beste Image, und doch ist manche Schlecker-Filiale aus der Nachbarschaft nicht wegzudenken. Droht nun das Aus?

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Markt auf der Kippe. Die größte deutsche Drogeriekette Schlecker muss Insolvenz anmelden. Das Unternehmen erhofft sich davon eine Gesundung. Von einer Pleite wären in Berlin etwa 900 Angestellte und unzählige Kunden betroffen.
Markt auf der Kippe. Die größte deutsche Drogeriekette Schlecker muss Insolvenz anmelden. Das Unternehmen erhofft sich davon eine...Foto: AFP

„Jetzt wo die Kinder aus dem Haus sind, hätt’ ich endlich mal’n bisschen Geld für mich selbst zum Ausgeben.“ Die Frau hinter der Kasse seufzt. „Wer nimmt denn noch ’ne über 50-jährige Verkäuferin?“ Dann richtet sie sich auf: „Is’ ja noch nich’ aller Tage Abend.“ Der Herr mit den langen, grauen Haaren vor ihr nickt und reicht ihr eine Packung Taschentücher zum Abkassieren: „Das hier ist ein richtiger Kieztreff“, sagt er. „Es wäre sehr schade, wenn es den Laden nicht mehr gäbe.“ Kurze Pause: „Nicht wegen Schlecker – sondern wegen der netten Frauen.“

Von den netten Frauen ist an diesem Sonnabend kurz vor Ladenschluss um 14 Uhr nur noch eine im Geschäft. Sie hat, wie rund 900 Schlecker-Angestellte in Berlin, am Freitagnachmittag erfahren, dass ihr Unternehmen einen Insolvenzantrag stellen wird. Aber eigentlich darf und möchte sie nicht darüber reden – es sei denn, ohne Namen und Adresse.

Ein junger Mann kommt zur Tür herein. „Eine kleine blaue Pall Mall?“, fragt ihn die Verkäuferin. Der Kunde nickt. „Hab’ doch geseh’n, dass du zu den Zigaretten geguckt hast“, sagt die Verkäuferin. Dann erzählt sie, dass sie sich nicht beklagen könne über Schlecker, weil sie Tariflohn bekomme und Weihnachts- und Urlaubsgeld. Dass auch die Arbeitsbedingungen okay seien und es einen Betriebsrat gebe. Und dass sie schon bei der Eröffnung der Filiale hier vor 13 Jahren dabei gewesen sei. „Das ist mein Baby, ich kenne die meisten Kunden – ob sie mit Kopftuch oder Nasenring kommen.“

Am Freitag hat sie die Nachricht auch zuerst von den Kunden erfahren – kurz bevor das Fax von der Firmenleitung in Ehingen kam. Seither versucht sie sich Mut zu machen. „Es ist ja eine geplante Insolvenz – um die Firma zu retten“, erklärt sie dem jungen Mann. Der nickt, wenn auch zweifelnd, und steckt die Zigaretten ein. Er wohnt um die Ecke, kauft seit fünf Jahren hier. „Schlecker hat so ’nen Vorstadtcharme“, sagt er: „Ist nicht so modern wie die anderen Ketten, oft auch teurer. Dafür kennt man sich, redet miteinander. Mir gefällt das – weil es mich an meine Kindheit erinnert.“

Nicht alle 300 Filialen von Schlecker oder dem Tochterunternehmen „Ihr Platz“ in Berlin sind bei Kunden so beliebt. Vor der Filiale in der Brunnenstraße in Mitte schimpft eine Frau: „Die Pleite war vorhersehbar. Ich glaube, die Regale wurden nicht mehr aufgefüllt. Oft hat Klopapier gefehlt.“ Mitleid habe sie nicht, sagt die etwa 30-Jährige: „Nicht bei dieser Unternehmenspolitik, nicht bei dem, was man gehört hat über schlechte Löhne und Überwachung.“

Eine 47-jährige Radfahrerin sieht das anders: „Die armen Verkäuferinnen, die vielleicht ihre Arbeitsstelle verlieren, tun mir leid“, sagt sie. Und denkt ganz praktisch. „Das ist die einzige Drogerie hier. Wenn sie weg wäre, müsste ich noch weiter fahren. Ich hoffe, Schlecker bleibt.“

Das hofft auch die Berliner Verdi-Chefin Susanne Stumpenhusen: „Wir werden alles tun, um die Arbeitsplätze zu sichern“, sagt sie. Im Gegensatz zu früher, als Schlecker so wenig Personal und Technik hatte, dass Filialen immer wieder überfallen wurden, habe sich der Umgang der Firmenleitung mit den Beschäftigten sehr verbessert.

Davon erzählt auch die Verkäuferin von Schlecker am Mehringdamm – eine der wenigen Filialen, die am Sonnabend bis 16 Uhr geöffnet haben. „Ich kann mich nicht beschweren, würde gern weiter für das Unternehmen arbeiten“, sagt sie, als eine ältere Kundin sie auf die Insolvenz anspricht. Die Frau nickt: „Als die alten Drogerien vor zwanzig, dreißig Jahren zumachten, ging es mir schon so. Das waren Familienbetriebe, die für einen auch noch das richtige Abbeizmittel bestellten.“ Sie lächelt wehmütig: „Die alten Drogerien – die vermisse ich auch.“

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