Berlin : Schloss Groß Rietz: "Ich bin der wahre Besitzer des Schlosses"

Hanne Bahra

Sie suchen gerade ein Schloss auf dem Lande? Es darf auch etwas größer sein? Dann sind Sie bei der Brandenburgischen Schlösser GmbH derzeit richtig. Die kleinste Immobilie dieser Gesellschaft, die sich seit 1992 die Erhaltung kunsthistorisch wertvoller Denkmäler zur Aufgabe macht, hat eine Geschossfläche von 1500 Quadratmetern. Für maximal 10 Mark Miete pro Quadratmeter im Monat kann man - wie hier in Groß Rietz - in Brandenburg noch Schlossherr werden. Doch solch edle Häuser haben ihre Geschichte, und die ist, wie im Fall von Schloss Groß Rietz, manchmal noch recht lebendig.

Der Mann, der gerade die Lampe am ehemaligen Stallgebäude des Gutshofes repariert, heißt Hans-Günther von der Marwitz. Uralter märkischer Adel. Er steht auf der Leiter und verkündet: "Ich bin der wahre Besitzer des Schlosses". Man hätte es ihm nur "geklaut". Erst die Russen, dann der Einheitsvertrag. Er war 17, als die Familie 1945 Groß Rietz verließ, gerade noch rechtzeitig von einem russischen Kommandeur vor einer drohenden Verhaftung durch die deutschen Kommunisten gewarnt. Bald nach dem Mauerfall zog es ihn aus München zurück in das Heimatdorf. Zunächst hauste er im ehemaligen Atelier der Großmutter unter dem Dach des Schlosses, das längst als Kindergarten mit Turnhalle im großen Gartensaal das ddr-typische Schicksal fast allen feudalen Erbes teilte.

Ehemaliger Schweinestall als Büro

Einige der 4,80 Meter hohen Säle waren mit Hilfe von Spanplatten zu Einraumwohnungen geworden. Heute wohnt niemand mehr im Schloss. Als 1996 die Restaurierungsarbeiten begannen, zog der damals fast 70jährige mit seiner Frau für mehr als zwei Jahre in einen Wohnwagen. Vier Jahre hat es gedauert, bis der einstige Schlossherr von der Treuhand einige Wirtschaftsgebäude erwerben und 250 Hektar Land pachten konnte. Inzwischen hat sich Hans-Günther von der Marwitz den ehemaligen Getreidespeicher gleich neben dem Schloss ausgebaut. Aus dem Schweinestall wurde ein Büro. So gerne er auch wieder das Familienwappen in den Kartuschen der Giebeldreiecke des Schlosses sehen würde, an seinem, bis nach Karlsruhe geklagten Rückübertragungsanspruch scheint er nur noch aus Prinzip festzuhalten: "Für solch einen Kasten braucht man viel zu viel Personal."

Von den insgesamt 14 Herrenhäusern, die die Brandenburgische Schlösser GmbH betreut, haben erst zwei einen neuen Hausherren gefunden. "Es ist nicht leicht, die märkischen Adelssitze zu verkaufen oder zu vermieten, dabei werden die Sanierungskosten nicht einmal auf die Miete umgelegt", sagt Wolfgang Illert, Chef der Brandenburgischen Schlösser GmbH. Der neue Glanz der großen Häuser erstrahlt über kleine selbstverlorene Nester und deren marode Infrastruktur. Das 400-Seelen-Dorf Groß Rietz, über die nahe Autobahn nur etwa 60 Kilometer von Berlin entfernt, scheint am Ende der Welt zu liegen. Nur Felder und Wiesen. Längst wächst Gras auch über die Schienen der Bahn. Gegen eine Nutzung des Schlosses als Hotel aber spricht vor allem dessen historische Raumstruktur. Am besten eigne sich das herrschaftliche Anwesen für repräsentative Zwecke, meint Illert. Auch ein Museum wäre vorstellbar. Die Berliner Kostümsammlerin Josefine Edler von Krepl liebäugele bereits mit Groß Rietz. Auf jeden Fall aber wird - wenn die zehn Millionen Mark teure Restaurierung des Schlosses vollendet ist - einer der bedeutendsten ländlichen Adelssitze Brandenburgs gerettet sein. Die Restaurierung wird von der Brandenburgischen Schlösser GmbH bezahlt. Es gibt viele Barockschlösser in der Mark, die meisten entstanden in friderizianischer Zeit. Den eleganten neunachsigen Schlossbau von Groß Rietz aber ließ der Hofmarschall Friedrich I., Hans Georg von der Marwitz, bereits Ende des 17. Jahrhunderts erbauen. Illert zählt den für Brandenburg seltenen frühen Bau zum Besten, was die märkische Kunstlandschaft zu bieten hat. "Reinstes römisches Hochbarock". Ein Gebäude dieser Qualität sei nur mit dem Zeughaus in Berlin vergleichbar. Die von kräftigen Pilastern gegliederte Fassade ist inzwischen restauriert.

Historische Räume in der Ödnis

Aus dem ergrauten Gebäude wurde ein rosafarbenes Schmuckstück. Im Innern aber tobt noch der Kampf gegen den Schwamm. Decken und Fußböden sind aufgerissen. Das Balustergeländer der schönen zweiläufigen Treppe ist schützend verhüllt. Stuckateure ergänzen den alten Zierrat der Decken. Auf einer Arbeitsfläche in schwindelerregender Höhe arbeitet Peter Drendel wie seine Kollegen von einst: Das Kalk-Gips-Sandgemisch formt er vor Ort mit der Hand oder mit einer nach alten Vorlagen selbst gebauten Schablone. Im Sommer 2002 soll der nutzungsunabhängige Ausbau fertig sein. Zehn Millionen Mark aus Mitteln des Landes und der Stiftung Denkmalschutz hat die Brandenburgische Schlösser GmbH jährlich für die Restaurierung all ihrer Häuser zur Verfügung. "Zu wenig", meint Illert von der brandenburgischen Schlösser GmbH. Verteilt wird nach Bedarf. Und der ist überall riesig. So wartet auch noch der etwa fünf Hektar große Schlossgarten von Groß Rietz, in Wildnis versunken und nur noch an einigen Baumsolitären, einem alten Grabmal und zwei zierlichen Sandsteinobelisken zu erkennen, auf seine Wiedererweckung.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar