Schmidt, Geißler und Co. : Die Lust am Lästern über Berlin

Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Über Berlin zu schimpfen, ist schwer in Mode. Helmut Schmidt schließt sich dem Chor nun an und kritisiert den Neubau des Stadtschlosses. Doch damit macht er es sich zu einfach.

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Schönen Gruß aus Hamburg. Alt-Kanzler Helmut Schmidt hat Berlin scharf kritisiert. Was er von den Schloss-Plänen hält? „Fragen Sie doch mal die Menschen in Gelsenkirchen oder Magdeburg, was denen daran liegt.“
Schönen Gruß aus Hamburg. Alt-Kanzler Helmut Schmidt hat Berlin scharf kritisiert. Was er von den Schloss-Plänen hält? „Fragen Sie...Foto: Mike Wolff

Über Berlin hat jeder eine Meinung, drinnen wie draußen. Wir erkennen daran, dass die Stadt eine der großen Weltmetropolen geworden ist, eine Projektionsfläche für alle Wünsche, Ängste, Klischees und Alltagsprobleme – weltweit. Jedes internationale Palaver streift irgendwann Berlin, jeder kennt jemanden, der mal von einem Taxifahrer gehört hat, der ... Das Resultat ist eine vielstimmige Kakofonie, die allein dadurch entsteht, dass die Einwohner ihre Wahrnehmung der Realität schützen wollen gegen die Zerrbilder, die ihnen von außen, meist ungefragt, angetragen werden.

Berlin ist die hektische, vom TechnoBeat getriebene Hauptstadt, wie sie junge Spanier oder Norweger gern hätten, sie ist der Parvenü, der den fleißigen Bayern und Hessen auf der Tasche liegt, sie ist das Phänomen mit den zwei Hälften, die sich einfach nicht harmonisch zusammenfügen wollen. An all diesen Bruchkanten lässt sich lustvoll das Brecheisen ansetzen, und manchmal scheint es, als bilde sich langsam der Berufsstand der Berlin-Kritiker heraus, die das Hauen und Stechen als Selbstzweck vorantreiben.

Heiner Geißler möchte die Siegessäule sprengen, Peter Ramsauer hat immer irgendwas zu meckern, und vermutlich stehen dieser Tage sämtliche deutschen Stadtkämmerer neben ihren Schlaglöchern und verwünschen die selbstsüchtige Hauptstadt, ohne deren Gier diese Löcher nur halb so tief wären. Das Leben in Berlin, so scheint es manchmal, ist ein permanenter Krieg der autochthonen Gartenzwerge gegen die edlen Zugezogenen und Draußengebliebenen, die den Ostblock-Saustall jederzeit mit links auf Elbchaussee-Niveau kärchern würden, ließe man sie nur. Nun also auch Helmut Schmidt. Man muss das verstehen: Er hat sich praktisch leergemeint zu allem, was auf der Welt so herumgeistert, aber immer noch fragen sie ihn, wollen den Riesenstaatsmann Sinn stiften sehen aus dem Chaos, wollen von ihm Ordnung gezeigt bekommen in der wachsenden gesellschaftlichen Entropie. Also mosert er am Neubau des Stadtschlosses herum, das ist legitim, wirkt aber nach Jahrzehnten der Debatte ähnlich aus der Zeit gefallen wie Brüderles Tanzkarte. Ihm ist nicht entgangen, dass auch die Hamburger Elbphilharmonie ein ziemlich teures Desaster ist, die mag er auch nicht, das ist in Ordnung. Aber in der Summe? „Die Großartigkeit, mit der in Berlin das Geld anderer ausgegeben wird, ist phänomenal“, sagte er jetzt der „Zeit“. „Ich prophezeie, dass das nicht mehr lange so weitergehen wird. Irgendwann haben die anderen die Schnauze voll, dass sie Berlin finanzieren müssen.“

Im Grunde, aber das weiß Schmidt natürlich nicht, haben sogar die Berliner selbst schon lange die Schnauze voll, dass sie Berlin finanzieren müssen. Aber die Stadt steht nun mal so da, und selbst die radikalsten Berlin-Kritiker verlangen ja nicht, dass teure Hartz-IV-Empfänger standrechtlich ausgebürgert und statistisch überzählige Beamte erschossen werden. Es gehört zum Spiel, dass sich die Gremien, der Bundestag an der Spitze, trunken vor Nationalstolz so etwas wie das neue Schloss aufschwatzen lassen, aber dann, wenn die Rechnung langsam ins Realistische kippt, pikiert auf die dämlichen Berliner Bauplaner weisen: Die kriegen das natürlich wieder mal nicht hin! Drei Opernhäuser gelten als irgendwie übertrieben, 30 Millionen Übernachtungen sind aber okay – und wie, wenn da eventuell ein Zusammenhang bestünde? 

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