Berlin : Schneider im Anzug

Heute kommen 400 Meister ihrer Zunft zum Weltkongress nach Berlin. Volkmar Arnulf näht seit 35 Jahren Exklusives am Kurfürstendamm

Christoph Stollowsky

Unter diesen Händen werden Herrenanzüge lebendig: Lang und schmal sind Volkmar Arnulfs Finger, wie geschaffen für den flinken Umgang mit Nadel und Faden. Wenn er in seinem Maßatelier am Kurfürstendamm 46 für seine Kunden eine exklusive Garderobe schneidert, gibt er den Anzügen, wie er sagt, „ein eigenes Innenleben“. Würde man mit einem solchen Jackett nachts auf der Parkbank schlafen, würde es am Morgen keine einzige Falte aufweisen. Es gewinnt seine Passform selbstständig zurück, denn Arnulf näht mit Spezialstichen Rosshaar ein. Doch seine Kundschaft nächtigt natürlich nicht im Freien: Er bedient besser verdienende Herren ab 30 Jahren, die sich zur- zeit „wieder in größerer Zahl“ für Maßgeschneidertes interessieren.

Deshalb wird der 69-jährige Obermeister der Berliner Maßschneider-Innung, Volkmar Arnulf, am Sonnabend recht optimistisch den 31. Weltkongress der Maßschneider im Hotel Berlin eröffnen. Erstmals seit dem ersten Weltkongress seiner Zunft im Jahre 1905 treffen sich seine internationalen Kollegen an der Spree. Rund 400 sind angereist, und weil es kein Kongress von der Stange sein soll, kümmert sich Arnulf wie bei seinen Anzügen um jedes Detail: um den Leistungswettbewerb „Goldene Nadel & Goldener Faden“, um Modenschauen und Lieferantenmesse. Dass ihm sein Handwerk noch immer Spaß macht, sagt er mit einem Augenzwinkern und streicht dabei verliebt über den selbst geschneiderten Anzug in seriösen Grautönen.

Mit 14 Jahren begann er in Berlin seine Lehre, ging auf Wanderschaft, eröffnete Anfang der 70er Jahre sein Atelier am Kudamm – und ist heute einer der populärsten Berliner Maßschneider. Auch Prominente lassen sich bei ihm einkleiden. Volkmar Arnulf hat die Maße von Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl im Kopf.

Als Lehrjunge musste er „alte Vorkriegsanzüge sorgsam auseinandertrennen“, um aus den Stoffen Neues zu schaffen. Bei dieser Arbeit wurde ihm „so richtig bewusst, mit wieviel Raffinesse, Spannung und Tricks diese Kleidungsstücke hergestellt waren und welche Vielfalt an Stoffen wir verwenden können“ – vom luftdurchlässigen „Fresko“ bis zum sommerlich leichten Gabadin-Kammgarn. Das faszinierte den angehenden Maßschneider, der heute fünf Mitarbeiter beschäftigt und es als Herausforderung empfindet, jedem ein Lieblingsstück auf die Haut zu schneidern. Denn „jeder ist anders und lebt in seiner eigenen Welt“. Auch in diese soll der Maßanzug passen.

Sieht die Kundschaft das ähnlich? Wer in die etwa 50 Berliner Maßschneiderateliers geht, will „eine Garderobe nach eigenen Wünschen und sich nicht mehr ärgern, dass es immer irgendwo zwickt und nicht vollkommen passt“, sagt Arnulf.

Die meisten Männer entdecken den Maßanzug nach seiner Erfahrung, „wenn sie zur Persönlichkeit reifen“, also mit 30 bis 40 Jahren. Sie sollten allerdings gut betucht sein, ein solches Stück aus bester Qualität ist kaum unter 3000 Euro zu haben, es sei denn, man macht Abstriche.

Ein Fachmann wie Arnulf erkennt solche halben Sachen sofort. Er muss nur kurz die Knopflöcher betrachten, um zu sehen, ob der Anzug von der Stange oder aus einem Maßatelier kommt. Schließlich sind die Ränder eines maßgeschneiderten Jacketts mit der Hand umstickt und so vor dem Ausfransen geschützt.

Die Industrie macht das maschinell, auf Kosten der Haltbarkeit und Optik. In den Maßateliers hingegen werden die Wunschanzüge noch zu 80 Prozent per Hand hergestellt. „Die Nähmaschine setzen wir viel seltener ein, als Sie denken.“

Sorgen macht dem Obermeister allerdings die wachsende Konkurrenz von Kollegen „ohne geordnete Ausbildung“. Seit Januar 2005 darf jeder einen Schneiderladen eröffnen, nach der neuen Handwerksordnung ist kein Meister- oder wenigstens Gesellennachweis mehr nötig. Seither nimmt die Zahl der Änderungsschneidereien, aber auch der Maßateliers stark zu. Die Innung hat deshalb schleunigst reagiert: Jetzt gibt es ein Gütesiegel für Meisterbetriebe.

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