Schule : Dichter dran

Schüler proben unter Leitung professioneller Performance-Künstler für den aktuellen Poetry-Slam

Alexander Schäfer

Versmaß bestimmen, Reimschema benennen – klassische Gedichte finden Schüler im Unterricht gewöhnlich zum Gähnen. Anders bei Poetry-Slam, einer zeitgenössischen Variante des modernen Kurzvortrags in Wettkampfmanier. Hier zählt nicht der exakte Reim, vielmehr geht es den zumeist jungen Poeten um authentischen und gefühlvollen Ausdruck – egal ob mittels Gedicht, Kurzgeschichte, Rap oder Dialog. Noch spannender, wenn Schüler selber solche kurzen lyrischen Texte verfassen. Bis Ende des Monats laufen in Berlin Schüler-Workshops im Rahmen des Projekts „U20-Slam“; angeleitet von bekannten Poeten der Berliner Szene.

„Schüler sind für diese Form der Poesie zu begeistern“, sagt Rap-Poet Bas Böttcher, der gefördert von Literaturinstituten weltweit Leseauftritte bestreitet. Begeisterung versprüht Bas Böttcher auch bei seinem Workshop mit 22 Oberstufenschülern des Neuköllner Albrecht-Dürer-Gymnasiums.

Wenn Bas Böttcher spricht, verwandelt sich der schlichte Konferenzraum des Bundesbildungsministeriums in Mitte in eine Lesebühne. Nach einer Einführung über die Eigenschaften von Slam-Texten sind die Schüler selbst dran: Ideen zu Texten werden gesammelt. „Jeder Gegenstand kann ein spannendes Thema sein“, macht Rap-Poet Böttcher Mut.

So entwickeln die Schüler mit Bas Böttcher gemeinsam Textideen zu absurd-alltäglichen Themen wie „Pfandflaschenmanagern“ – Menschen die täglich mit der Rückgabe von Glas- und Plastikflaschen eine eigene Währung aufstellen – oder „Bierbauchfitness“, eine Erzählung aus der Perspektive des befüllten Bauchs. „Inhaltliche Widersprüche sind wichtig“, rät Böttcher. „Wonderbra“ heißt eine Textidee der Elftklässlerin Katharina Manzer (15). Wobei ihr Text über das Unterwäschestück auch konsumkritisch ausfällt: „Mir scheint als ob die Scheinwelt/ zu vielen gefällt/ fällt es keinem auf/ auf der Straße, im Alltagslauf/ ihr alle nehmt die Lügen in Kauf“.

„Alle Schulformen sind bei den Workshops vertreten – von der Kreuzberger Heinrich-Zille-Grundschule über die Neuköllner Kepler-Hauptschule bis zum Tiergartener Oberstufenzentrum für Banken und Versicherungen“, erläutert Projektleiterin Petra Anders. Aber nicht nur Poeten-Training wird angeboten. Ab Ende Juni wird es ernst, denn dann gibt es die ersten Slam-Vorrunden, in denen die besten Dichter basisdemokratisch vom jugendlichen Publikum gewählt werden sollen.

„Bei diesem Wort-Wettkampf kann jeder bis 20 Jahren mitmachen, auch wenn man nicht am Workshop dabei war“, teilt Anders mit. Weitere Spielregeln: maximal fünf Minuten Sprechzeit und der Text muss selbst verfasst sein. Auch mehrere Schüler können zusammen auftreten und sich im Vortragen abwechseln. So wollen die Zwölftklässler Timur Sen, Ibo Dayanc und Semih Karacu wie die Beastie Boys gemeinsam einen Text zur Metapher „Schlagwort“ präsentieren. Die Berliner Endausscheidung findet am 28. September statt; die drei besten Berliner Poeten dürfen dann Anfang Oktober beim Bundesfinale im Berliner Admiralspalast auch gegen junge Poeten aus Österreich und der Schweiz antreten. Der Sieger fliegt dann zu einem Poesie-Festival nach San Francisco.

Bis es so weit ist, wird noch fleißig geprobt. Bühnentauglich geht es schon bei einem Workshop im Weddinger Atze-Theater zu. Der Rapper "Gauner", trifft seine Schülergruppe aus verschiedenen Schulen Nordberlins schon zum fünften Mal. Auf der Studiobühne – ein kleiner Probenraum des Atze-Theaters – steht der 19-jährige Belind Hajy der Thomas-Mann-Gesamtschule aus dem Märkischen Viertel. Das Mikrofon ist an, die Zuhörer gespannt. „Die Niagarafälle sind nur noch ein Tropfen auf den heißen Stein und der tiefste Sinn des Lebens ist nur eine Pfütze“, liest Belind aus seiner Kurzerzählung über Elfen und Fabelwesen. Workshopleiter Gauner ist vom Text angetan. Belind müsse nur noch beim Vortragen mehr Pausen machen, lauter in das Mikrofon sprechen und die Stimmlage variieren. „Ich vermittle euch 20 Jahre Bühnenerfahrung in einer Stunde“, scherzt Gauner, der seit Ende der 90er-Jahre für Schüler Hip-Hop- Workshops anbietet.

Fast professionell wirkt ein anderer Schüler. „So gib mir ’ne Story und ich mach’ den besten Erzähler“, rappt der 16-jährige Seckin Orhan aus der Pankower Primo-Levi-Oberschule. In der einen Hand hält er ein eng beschriebenes Blatt Papier, in der anderen Hand das Mikrofon. Nach drei Minuten über Leben, Liebe und Literatur folgt Applaus von den anderen Schülern. Seckin solle mehr Blickkontakt mit dem Publikum herstellen und den Text lieber auswendig vortragen, rät Gauner. Seckin will auf jeden Fall bei der Slam-Vorrunde im Juni mitmachen.

Abgesehen vom Spaß am Dichten lernen die Schüler auch noch einiges für ihr tägliches Leben. „Freies Reden, besserer Ausdruck, stärkeres Selbstbewusstsein, Kritik- und Teamfähigkeit werden bei den Slam-Workshops vermittelt“, erklärt Koordinatorin und Deutschlehrerin Petra Anders. Auch für Nicht-Muttersprachler sei das Projekt sehr interessant, da der Wortschatz erweitert werde. Und schließlich bietet diese Form der Literatur den Schülern Abwechslung vom Unterricht. Der 16-jährige Felix Krümmel aus der Albrecht-Dürer-Schule sieht im Slam-Dichten „mal eine gute Abwechslung zu den langweiligen Barocksonetten, die wir letztens im Deutschunterricht hatten.“

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