Schultheiss-Brauerei in Berlin-Moabit : Shoppingcenter statt Kiezkultur

Auf dem Gelände der Schultheiss-Brauerei in Moabit müssen die alten Gewerbe ausziehen. Stattdessen soll ein Shoppingcenter entstehen. Zwei der letzten Mieter sagen auf Wiedersehen - zu einem langen Teil ihres Lebens.

Johannes Böhme
Es grünt so grün: So soll das Schultheiss Quartier einmal von oben aussehen.
Es grünt so grün: So soll das Schultheiss Quartier einmal von oben aussehen.Simulation: Promo/HGHI

Wilhelm Prandzioch schließt sein Elektronikgeschäft ein letztes Mal ab und geht nach Hause. Der 68-Jährige verlässt gerade den Laden, den er vor mehr als 50 Jahren als Lehrling das erste Mal betreten hat. Einen Laden, in dem er vom Lehrling zum Gesellen und dann mit 23 Jahren zum Meister wurde. Seither hat er in dem kleinen Geschäft direkt neben der alten Schultheiss-Brauerei in Moabit gearbeitet. Aber jetzt ist Schluss. Für immer.

Dort, wo ein Schild Prandziochs Elektronikfachhandel „Radio Gluth“ ankündigt, wird bald ein sechsstöckiges Einkaufszentrum stehen, mit dem alten Brauereigebäude von Schultheiss als Kern. Die alten Gebäude werden renoviert und umgebaut, sodass 2016, wie es in der Broschüre des Investors heißt „Historische Atmosphäre auf modernes Shopping trifft“. Die kleinen Garagen, Werkstätten und Läden jedoch, die noch auf dem Gelände sind, werden in den nächsten Tagen fast alle verschwinden.

Media Markt und Kaufhof, Douglas und Deichmann, H&M und McPaper werden bald hier einziehen. Und Prandzioch wird die Reste seines Geschäfts eingepackt haben – er wird Satellitenreceiver und Fernseher verkauft, Kabelrollen in Kisten gepackt und Lautsprecher in einem Lager untergestellt haben. Und dann wird er sich von zu Hause um die Garantien seiner Kunden kümmern: „Ich habe da mein Wort gegeben. Das werde ich auch halten.“ Alleine, ohne Mitarbeiter, wird er die kaputten Geräte seiner ehemaligen Kunden reparieren.

„Es geht jetzt endlich aufwärts, nach 40 Jahren. Hier wird jetzt'n Palast jebaut.“ meint Prandzioch zu einer Kundin. „Nur für uns isses zu spät.“ Ironie schwingt dabei mit, aber vielleicht auch einfach die Anerkennung der Zeitläufte.

Areal wurde von "Mall of Berlin"-Macher Harald Huth gekauft

Wilhelm Prandzioch hat diesen Laden vor 50 Jahren als Lehrling das erste Mal betreten.
Wilhelm Prandzioch hat diesen Laden vor 50 Jahren als Lehrling das erste Mal betreten.Foto: Johannes Böhme

Das, was nun auch in Moabit passiert, ist in den anderen Berliner Bezirken bereits die Regel: Fast alle alten Brauereien von Schultheiss, Berliner Kindl und Bötzow im Berliner Zentrum sind mittlerweile in Wohnungen, Galerien, Büros und Clubs umgewandelt worden. Nur das Gebäude in Moabit hat lange niemand so richtig beachtet.

Nachdem Schultheiss den Standort 1980 stillgelegt hatte, wurden die Räume zunächst ohne Konzept vermietet: an ein Squash-Center, ein Frauen-Fitnessstudio, ein Möbelhaus und einige Werkstätten. 2013 erwarb dann der „Mall of Berlin“-Macher Harald Huth das Areal – mit der expliziten Intention, hier eine weitere Mall zu errichten. Mehrere Anwohner klagten daraufhin gegen das Projekt – und bekamen recht: Im Dezember 2014 kippte das Oberverwaltungsgericht den Bebauungsplan. Allerdings hatte das zuständige Bezirksamt einen Tag vor dem Urteil bereits eine Baugenehmigung erteilt – und die gilt zunächst, selbst unter dem alten Bebauungsplan. Nach derzeitigem Stand kann Huth seine kleine Mall also bauen. Gegen die Baugenehmigung liegt zwar der Einspruch eines Nachbarn vor. Über den wird das Bezirksamt aber erst in den nächsten Monaten entscheiden. Solange hat Huth Zeit für sein Projekt.

Ehemalige Mieter wurden ersatzlos gekündigt

Mohammed El-Hazzuuri vor seiner leeren Werkstatt.
Mohammed El-Hazzuuri vor seiner leeren Werkstatt.Foto: Johannes Böhme

Auf der anderen Seite des Geländes steht Mohammed El-Hazzuuri vor seiner leeren Werkstatt und kratzt sich ratlos am Kopf. Vor einer Woche hat der Lackierermeister seinen Betrieb dichtgemacht. In der Mitte des Raumes stehen ein verwaister Hocker und ein Schreibtischstuhl. Seit 1986, fast 30 Jahre lang, hat El-Hazzuuri hier Autos lackiert. „Ich musste alles abbauen und wegschmeißen.“ Der 66-Jährige zeigt in die Ecke, wo bis vor Kurzem der 70 000 Euro teure Ofen stand, mit dem die Farbe fürs Lackieren erhitzt wurde. Den Ofen hat er verschrotten lassen, verkaufen ließ er sich nicht.

Vom Investor heißt es zu dem Wandel: „Alle unsere Mieter wissen seit zirka eineinhalb Jahren, dass mit dem Bau kurzfristig begonnen werden soll und mit allen Mietern sind individuelle Vereinbarungen über den Verbleib in den letzten Monaten getroffen worden.“ Bei Prandzioch und El-Hazzuuri hieß „individuelle Vereinbarung“ allerdings schlicht: ersatzlose Kündigung.

Wirtschaftlich wird ein Umzug seiner Firma für Lackierer El-Hazzuuri schwierig werden. Er hat auf dem Schultheiss-Gelände nur 1350 Euro Monatsmiete bezahlt. Woanders müsste er wohl deutlich mehr ausgeben. Er schaut noch mal in seine Garage zurück, die jetzt leer steht. „Schönes Leben hier.“ Dann winkt er ab und kehrt ihr den Rücken zu.

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