Schwarzfahren in Berlin : "Die Fahrscheine zur Kontrolle, bitte!"

Ab 1. Juli kostet Schwarzfahren 60 statt 40 Euro. Die Berliner kümmert das wenig, sie fahren schwarz wie eh und je. Eine Rundfahrt mit den Kartenkontrolleuren der S-Bahn.

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Ab 1. Juli kostet Schwarzfahren 60 statt 40 Euro.
Ab 1. Juli kostet Schwarzfahren 60 statt 40 Euro.Foto: dpa

Bei der Arbeit hat René R. nur wenig Sinn für Nächstenliebe. "Beim nächsten Mal gibt’s eine Anzeige wegen Beihilfe zum Betrug", warnt der Kartenkontrolleur einen Mann am S-Bahnhof Gesundbrunnen. Der hatte kurz vorher in der Ringbahn versucht, einer Schwarzfahrerin das eigene Ticket zuzustecken – nachdem er es selbst schon bei R. vorgezeigt hatte.

Mehr als 300.000 Schwarzfahrer in 2014

Vierzig Euro Bußgeld kostet Schwarzfahren bisher, ab dem 1. Juli werden nun 60 Euro fällig. Der Bund hatte das im vergangenen Jahr beschlossen. "Natürlich wollen wir mit den Kontrollen abschrecken. Das System funktioniert nur, wenn alle zahlen", sagt S-Bahnsprecher Ingo Priegnitz. Trotzdem begreifen viele Berliner Schwarzfahren noch immer als Kavaliersdelikt: Bei 7,8 Millionen Kontrollen in der S-Bahn im Jahr 2014 ließen sich mehr als 330.000 Menschen ohne gültiges Ticket erwischen. Weil sie kein Geld hatten, der Automat kaputt war oder weil sie aus Prinzip schwarzfahren. Einer von 25 Fahrgästen in der S-Bahn ist ein "Leistungserschleicher". Trotzdem: Laut Priegnitz soll ab Juli nicht häufiger kontrolliert werden als ohnehin schon.

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Der S-Bahnhof Wittenau ("Kremm. B.") im Jahr 1984. Nicht nur der Wagen ist scharf. Der S-Bahnhof wurde gerade für viele Jahre geschlossen, der Kiosk hat geöffnet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 52Foto: Jörn Hasselmann
01.10.2016 13:48Der S-Bahnhof Wittenau ("Kremm. B.") im Jahr 1984. Nicht nur der Wagen ist scharf. Der S-Bahnhof wurde gerade für viele Jahre...

Kontrolleure werden in jedem Abteil fündig

An diesem Donnerstag auf der Ringbahn werden René R. und seine drei Kollegen in jedem Abteil fündig. Fährt eine S-Bahn ein, teilen sich die Kontrolleure auf: Zwei links, zwei rechts – sobald sich die Türen schließen, werden die Dienstausweise gezückt: "Guten Tag, die Fahrscheine zur Kontrolle bitte!" Die einen holen sofort ihr Ticket raus, einige andere schauen betreten zu Boden. Viele Worte fallen nicht: Ein fragender Blick des Kontrolleurs, ein kaum merkliches Nicken des Schwarzfahrers, am nächsten Halt steigen beide aus. Mal ein, mal zwei Schwarzfahrer werden so zur Kasse gebeten.

36 Bahnhöfe, 100 Minuten Fahrzeit: Berlins längste S-Bahnlinie - die S5
Station 1: Bahnhof Spandau. Ein schöner ICE-Bahnhof, besonders morgens, wenn die Sonne reinstrahlt. Auch toll: das lange Dach (es ist das längste in Deutschland und passt noch nicht mal ins Bild). Leider ist der Bahnhof ein echtes Nadelöhr, hier kommt der Verkehr oft ins Stocken. Im Hintergrund das, naja, pragmatische Einkaufszentrum. In ein paar Jahren soll die S-Bahn übrigens verlängert werden, vielleicht nach Falkensee, vielleicht ins Falkenhagener Feld. Jetzt aber: Einsteigen, bitte! Fast 100 Minuten ist sie von Spandau bis Strausberg Nord unterwegs - so lange fährt keine andere S-Bahn durch unsere Stadt.Weitere Bilder anzeigen
1 von 35Foto: Kai-Uwe Heinrich
18.06.2015 09:13Station 1: Bahnhof Spandau. Ein schöner ICE-Bahnhof, besonders morgens, wenn die Sonne reinstrahlt. Auch toll: das lange Dach (es...

Einer ist ein bärtiger Student, der mit seinem Rad unterwegs ist. Er habe das Semesterticket im anderen Rucksack vergessen, sagt er. Stimmt das, muss er nur sieben Euro zahlen. "Das mit den Kontrollen ist schon korrekt", sagt der Student, "manche Leute geben ja viel Geld für eine Karte aus – ich würde auch nicht wollen, dass andere dann umsonst fahren."

Ein Hieb vor die Brust, ein Tritt vor das Schienbein

Nicht alle Schwarzfahrer sind so locker. Am Mittwoch setzte eine Frau aus der Schweiz einen Kartenkontrolleur am Hauptbahnhof mit einem Faustschlag in die Genitalien außer Gefecht, weil dieser sie an der Flucht hindern wollte. Auch R. und seine Kollegen haben schon was abgekriegt: Hier einen Hieb vor die Brust oder da einen Tritt gegen das Schienbein. R. wurde einmal von einem Mann angegangen, der vorgab, HIV zu haben. Bislang sei aber alles glimpflich abgegangen. Nur: In manchen Situationen könne man einfach nichts machen – da ist sich das Quartett einig.

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