Schwimmen in Berlin : „ Neue Tarifstruktur soll Bäder attraktiver machen“

Andreas Scholz-Fleischmann, Chef der Bäderbetriebe, will mehr Badegäste anlocken – flexiblere Dienstpläne sollen Engpässe und Schließungen vermeiden.

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Populär. Das Strandbad Wannsee öffnet traditionell schon im April.
Populär. Das Strandbad Wannsee öffnet traditionell schon im April.Foto: K. Kleist-Heinrich

Andreas Scholz-Fleischmann (63) ist seit März 2016 Vorstandschef der Berliner Bäderbetriebe. Zuvor war er zehn Jahre lang Personalvorstand der Stadtreinigung (BSR).

Herr Scholz-Fleischmann, wo haben Sie schwimmen gelernt?

Ich habe in der Ostsee mit fünf Jahren schwimmen gelernt. Das Wasser hatte 12 Grad, ich hing an einer Art Angel in einem Korkreifen drin. Der Schwimmlehrer stand am Ufer, dem war das Wasser zu kalt. Und ich war in diesem kalten Ostseebecken und machte die ersten Schwimmversuche.

Woran liegt es, dass jedes zweite Kind inzwischen die Grundschule verlässt ohne schwimmen zu können?

In Berlin können 18 Prozent der Grundschüler nicht schwimmen. Wir haben den Schwimmunterricht obligatorisch in der dritten Klasse in Berlin. Viele Kinder kommen aber ohne Wassergewöhnung. Deshalb appelliere ich an die Eltern, ihre Kinder frühzeitig an Wasser zu gewöhnen. Viele Schüler machen dann zwar ihr Seepferdchen, aber das heißt ja noch nicht, dass sie sichere Schwimmer sind.

Was unternehmen die Bäderbetriebe, damit Kinder schwimmen lernen?

Wir bieten Schwimmkurse an. Die Nachfrage ist groß, aber die Wasserfläche ist eben auch begrenzt. In den Sommerferien läuft das Schwimmen für alle. Wir bieten zweimal einen dreiwöchigen Schwimmkurs mit 15 Einheiten für 105 Euro an. 3000 Plätze sind zu vergeben. Da gibt es noch ein Menge freier Plätze. Für Kinder aus sozial schwachen Familien übernehmen Paten dir Kosten. Außerdem bieten wir auch Kurse für Flüchtlinge an.

Sind Sie rettungsfähig und können tauchen, auf Zeit schwimmen und einen 100-Kilo-Mann aus dem Becken ziehen?

Ich kann ganz gut tauchen. Aber es ist eine Frage des Alters, ob man noch den Rettungsschwimmer machen soll.

729 Stunden Öffnungszeiten fielen im März aus bei über 700 Mitarbeitern. Warum ist die Personaldecke so knapp?

Die Hälfte der Ausfallzeiten ist personalbedingt, die andere technikbedingt. Häufig gibt es Defekte von mechanischen Aggregaten in älteren Bädern, auf deren Ersatz wir zum Teil bis zu fünf Wochen warten müssen. Seit 2012 haben die Bäderbetriebe kontinuierlich Personal abgebaut. Es sind aber vier neue Bäder nach der Sanierung wieder aufgemacht worden, die auch Mitarbeiter benötigen.

Das Parlament hat den Bäderbetrieben 2016 noch 25 zusätzliche Stellen bewilligt.

Es war sehr schwer, Fachkräfte für Bäderbetriebe zu finden. Bundesweit fehlen 2500 dieser Allrounder. Im Badbetrieb haben wir knapp 600, darunter sind Badewärter, Badeleiter, Rettungsschwimmer und Kassendienstkräfte.

Warum zahlen die Bäderbetriebe nicht mehr als das Anfangsgehalt von etwas mehr als 2000 Euro brutto? Die Bäderbetriebe könnten den Tarifvertrag öffnen.

Wir sind tarifgebunden und müssten deshalb mit dem kommunalen Arbeitgeberverband und Verdi einen Sonderweg vereinbaren. Das hätte aber die Implikation, mehr Geld auf der Personalseite auszugeben. Wir werden in diesem Jahr schon unser Personalbudget von knapp 35 Millionen ausschöpfen. Hinzu kommt, dass es eine jährliche Tarifsteigerung von 2,5 Prozent gibt. Wir planen höhere Personalkosten, die jedoch vom Hauptausschuss bewilligt werden müssen. Für Investitionen erhielten wir 2016 aus dem Landeshaushalt vier Millionen Euro, für konsumtive Ausgaben 50 Millionen Euro. Und wir hoffen auf die Koalitionsaussage, künftig zehn Millionen pro Jahr für Investitionen zu erhalten.

Trotz Personalnot kann man aber keinem Badegast erklären, warum an einem heißen Wochenende wie im Mai nur 17 von 27 Freibädern geöffnet waren. Woran lag es?

Der Start der Freibäder ist verbunden mit einer Vorlaufzeit. Winterschäden müssen beseitigt, Wasserproben im Labor untersucht werden, schließlich müssen die Gesundheitsämter das Go geben. So etwas dauert mitunter mehrere Wochen. Wir planen schon jetzt den Sommer 2018 auf der Basis eines normalen Sommers. Da sind im Mai nicht immer 31 Grad. Daher überlegen wir, welche Freibäder besonders gern und früh frequentiert werden. Das sind immer dasWannseebad, Prinzenbad und das Bad am Olympiastadion. Wir können aber nicht alle Sommerbäder gleichzeitig öffnen. Denn die Schwimmhallen sind noch offen bis zu den Sommerferien, während die Sommerbäder vorbereitet werden müssen.

Warum können die Dienstpläne nicht geändert werden?

Um ein Bad zu betreiben, brauchen wir einen Bademeister plus Wasseraufsicht. Hat man die nicht, ist der Badleiter in der Verantwortung zu entscheiden, ob er ein Bad offen lässt. Außerdem suchen wir nach Ersatz und Unterstützung aus anderen Bädern. Das gelingt sehr häufig. Klappt es jedoch nicht, müssen wir Bäder leider früher schließen. Die Sicherheit wäre sonst nicht mehr gewährleistet.

Und warum wollen die Bäderbetriebe keinen Sommertarifvertrag mehr?

Den alten Sommertarifvertrag gibt es nicht mehr. Wir haben mit Personalrat und Verdi einen unterschriftsreifen neuen Vertrag mit einer Öffnungsklausel im Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst erarbeitet. Früher wurde pauschal 33,3 Prozent Zulage an jeden gezahlt, der im Sommerbad gearbeitet hat. Egal, ob diese Mitarbeiter Dienste getätigt hatten oder nicht. Das wurde vom Landesrechnungshof zurecht gerügt. Wir sind gerade dabei, eine völlig neue Jahresdienstplanung nach Abstimmung mit dem Personalrat aufzusetzen. Künftig arbeiten die Mitarbeiter in Bäder-Verbünden mit zwei bis vier Bädern einer Region. In so einem Verbund kann ein Mitarbeiter flexibler eingesetzt werden um bei Engpässen auszuhelfen. Wenn jemand seine Schicht tauscht oder an einem freien Tag einspringt, erhält er künftig 30 Prozent zusätzlich.

Bleiben die Eintrittspreise stabil?

Wir wollen die Tarifstruktur vereinheitlichen. Zuschläge sollen entfallen und von 6.30 bis 14.30 Uhr wird es einen einheitlichen Tarif geben. Es wird eine Entlastung geben, und so hoffen wir auf mehr Badegäste.

137 Millionen Euro werden in den nächsten Jahren in die Sanierung von Schwimmhallen investiert. Was hat Priorität?

Wir haben einen Zehn-Jahres-Plan entwickelt. Die Sanierung der Schwimmhalle Buch steht ganz oben auf der Liste. Weiterhin planen wir für 2018/2019 die Sanierung des Paracelsus-Bads und des Stadtbads Tiergarten. Auch das Spreewaldbad soll saniert werden.

Wie ist der Stand bei den Kombibädern Pankow und Mariendorf, für die das Land 60 Millionen Euro bereitstellen wird?

Wir bereiten eine parlamentarische Vorlage vor. Wir wollen in diesem Jahr für jedes Bad einen Generalübernehmer ausschreiben. Er bleibt 15 Jahre für die Instandsetzung zuständig. Das ist mit den Senatsverwaltungen abgesprochen. Die Bebauungsplan-Vorbereitungen in den Bezirken laufen. Ich hoffe, dass wir zwischen 2022 und 2024 anbaden können.

Von 2015 auf 2016 sind die Besucherzahlen leicht gesunken. Wie wollen die Bäderbetriebe mehr Kunden anlocken?

Wir hatten 2015 einen super Sommer, deshalb ist der direkte Jahresvergleich nicht aussagekräftig. Im langjährigen Mittel schwanken die Besuchszahlen, sie sind bei den Hallenbädern leicht rückläufig. Vielleicht ist der Grund, dass die Hallen früher fast ausschließlich fürs sportliche Schwimmen gebaut worden sind, nicht so sehr für Familien und ältere Menschen. Wir brauchen heute Multifunktionsbäder mit getrennten Bereichen für die Kunden. Und wir müssen auch mit Freizeittrends mitgehen, wollen beispielsweise neue Sportangebote wie Aqua-Cycling oder Beboards anbieten.

Das Gespräch führte Sabine Beikler

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