Sechs Monate Asylbewerber in Hellersdorf : Die Heimsuchung

In der Nachbarschaft steht ein Gebäude leer, es war mal eine Schule. Dann erklärt Berlin es zum Asylbewerberheim - und in Hellersdorf machen Rechte wie Linke mobil. Ein halbes Jahr ist im März 2014 vergangen, die Lage erscheint ruhig. Doch alle wissen: Eine Winzigkeit genügt...

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Die Unschuld von außen. Doch als die ehemalige Schule in Hellersdorf im Sommer 2013 Asylbewerberheim wird, befürchten viele Nachbarn Schlimmes.
Die Unschuld von außen. Doch als die ehemalige Schule in Hellersdorf im Sommer 2013 Asylbewerberheim wird, befürchten viele...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

(Anmerkung: Tagesspiegel-Reporterin Veronica Frenzel wurde für diesen Text im Oktober 2014 für den Deutschen Reporterpreis nominiert. Weitere nominierte Texte aus dem Tagesspiegel sind "Der Anfang nach dem Ende", ebenfalls von Veronica Frenzel, sowie "Ihr Block" und "Deutsche Vita", beide von Lucas Vogelsang.)

8. Tag, 16 UHR. Es ist heiß für einen Spätsommernachmittag. Doch Fardin Faizi fröstelt. Als er vor die Tür seines neuen Zuhauses tritt, eines Hauses, in dem er gar nicht sein wollte, parkt der Mannschaftswagen der Polizei vor der Tür. Immer noch. Beamte in dunklen Schutzanzügen sitzen darin. Seit Faizi in das neue Heim gezogen ist, warten sie da. Darauf, dass etwas passiert. Darauf, dass nichts passiert. Die Leiterin des neu geschaffenen Flüchtlingsheims, Faizi nennt sie einfach "Chefin", hat ihm erklärt, dass die Polizisten auf ihn aufpassen. Er denkt: Wenn die Polizei auf mich aufpassen muss, bin ich in Gefahr. Der 26-Jährige aus Afghanistan, klein, kräftig, schwarze Haare, blickt sich um, zündet sich eine Zigarette an, zieht hastig, hustet. Er hat viel geraucht die letzten Tage, zu viel. Dabei hat er erst vor kurzem angefangen, am 19. August, am Tag seines Einzugs.

Vier Monate zuvor Faizi flieht aus Herat, seiner Heimatstadt in Afghanistan, wo er ein Modegeschäft besaß und erst erpresst und dann entführt worden war. Lange war es in der afghanischen Provinz vergleichsweise ruhig gewesen, aber die Sicherheitslage hat sich über viele Wochen verschlechtert, immer häufiger entführen und töten die Taliban Geschäftsleute und ihre Angehörigen. Eigentlich will Faizi nach Hamburg, wo sein Onkel und einige seiner Cousins leben, er hofft, dort das Asylverfahren abwarten und sich dann mit Hilfe seiner Verwandten Arbeit suchen zu können, am liebsten ein eigenes Geschäft aufmachen. Aber die Behörden schicken ihn nach Berlin, zunächst in ein Asylbewerberheim in Spandau. Dort fühlt er sich ganz wohl, obwohl er weit weg von seiner Familie ist. Menschen, die er auf der Straße trifft, grüßen ihn freundlich, ein Polizeiwagen steht nicht vor der Tür.

1. Tag, 13 UHR. Fardin Faizi wartet mit einem Koffer vordem Spandauer Asylbewerberheim, zwei Monate hat er darin gelebt. Jetzt soll er umziehen, in eine neue Unterkunft in Hellersdorf. Neben ihm stehen viele Journalisten. Seit Tagen schon belagern Medienleute das Heim. Von ihnen hat Faizi erfahren, dass in Hellersdorf viele Menschen leben, die ihn dort nicht wollen. Schließlich holt ihn ein Fahrer vom Roten Kreuz ab, der Verein ist mit dem Transport der Asylbewerber beauftragt worden. In Hellersdorf fangen zwei Polizeiwagen den Minibus ab und eskortieren Faizi und die anderen Insassen bis zum Heim, bis zum Hintereingang. Auf der Vorderseite stehen Menschen, die durcheinanderschreien. Es sind viele. Dass einige gegen das Heim protestieren und einige gegen die Gegner des Heims, erfährt er erst Tage später. Jetzt hört Fardin Faizi nur laute, rhythmische Rufe und Gegröle. Er denkt: "Die Rassisten." Und hat Angst.

8. Tag, 16.05 UHR. Obwohl es wunderschöne Sommertage sind, tritt Faizi immer nur ein einziges Mal vor die Tür, stets kurz, nie alleine. Jetzt begleitet ihn ein Freund. Faizi schmeißt die Kippe vor das Polizeiauto und die beiden ziehen los, in Richtung Supermarkt, Zigaretten kaufen. Auf ihrem Weg passieren die beiden fünf deutsche Männer, die unter einem Sonnenschirm sitzen, sich unterhalten, lachen. Auch Dirk Meiser ist dabei, ein großer, breitschultriger Mann mit dunklen, kurzen Locken, in einem niedrigen Campingstuhl. Seit fast sechs Stunden sitzt er schon an der Straßenecke. Er lächelt Faizi und dessen Begleiter zu, doch die beiden Männer schauen zu Boden, gehen schnell vorüber, blicklos. Sie sehen auch nicht die Schilder neben den Männern, auf denen in verschiedenen Sprachen steht "Flüchtlinge willkommen". Meiser und die anderen sind wegen Fardin Faizi da. An der Kreuzung, an der die Carola-Neher- Straße auf die Maxie-Wander-Straße stößt, gleich neben dem Asylbewerberheim. Mit den Bewohnern des Heims ist auch Meiser gekommen. Seit sieben Tagen ist er freundlich, zu allen Menschen, zu den Flüchtlingen ganz besonders, versucht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Bisher hat das nur selten geklappt. Er und die anderen wollen den Flüchtlingen zeigen, dass es Hellersdorfer gibt, die sie hier haben wollen, und sie wollen die Asylbewerber schützen vor Übergriffen. Der 42-Jährige, ein selbstständiger IT-Experte, lebt seit zwei Jahren in Hellersdorf, nur ein paar Straßen von dieser Straßenecke entfernt. Davor zog er fast 20 Jahre durch die Welt, von Frankreich nach Griechenland, nach Russland, nach Spanien. Als er mit Ende 30 beschloss, nach Deutschland zurückzukehren, wollte er nicht in sein saarländisches Heimatdorf, sondern nach Berlin. Er fand eine große, günstige Wohnung in Hellersdorf, sah das Grün, die Ruhe, und blieb. Als er im Juli das erste Mal von den Protesten gegen das Asylbewerberheim las, war er schockiert. Meiser konnte sich nicht vorstellen, dass seine Nachbarn sich so offen gegen Hilfsbedürftige stellen würden, gegen Schutzsuchende. Er erfuhr, dass die Gegner des Heims am Tag des Einzugs der Flüchtlinge eine Demo angemeldet hatten, und beschloss, sich den Gegendemonstranten anzuschließen. Er dachte, "ich will die Flüchtlinge willkommen heißen". Daran, dass die Flüchtlinge das falsch verstehen könnten, dachte er nicht. Meiser blickt Fardin Faizi und seinem Freund hinterher, ein wenig Frustration im Blick. Da sieht er, wie ein mittelgroßer, kräftiger Mann mit akkurat gescheitelten, dunkelblonden Haaren und mit hellbraunem Labrador an den zwei Flüchtlingen vorübergeht. Meiser strafft die Schultern.

Der Mann ist André Kiebis, zu der Zeit aktiv in der Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf, die zu den Protesten gegen das Heim aufgerufen hat. In den Tagen vor dem Einzug der ersten Flüchtlinge hat er mit Kreide "Nein zum Heim" auf die Gehwege im Viertel gemalt. Kiebis, 41, ist in Marzahn-Hellersdorf groß geworden, er hat den Bezirk nie verlassen. So nah wie an diesem Tagen sollen sich die drei Männer nicht mehr kommen. Trotzdem werden sich ihre Leben in den nächsten Monaten miteinander verweben. Jeder von ihnen, Flüchtling Faizi, der Unterstützer Meiser und der Gegner Kiebis, hat die Situation nicht gewollt. Niemand von ihnen wurde gefragt. Sie sind vor vollendete Tatsachen gestellt worden, von der Politik und den Behörden. Dies ist die Geschichte von drei Menschen, die sich einzurichten versuchen, nachdem die Fernsehkameras wieder abgezogen sind.

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