Berlin : Selbst der Papst konnte nicht helfen

Jutta Gallus durfte ihre Töchter nach einem Freikauf aus DDR-Haft sechs Jahre lang nicht sehen. Nun stellte sie ihre Biografie vor

Hannes Heine

Jutta Gallus war schon einmal hier. Vor fast 22 Jahren hatte die Dresdnerin am Checkpoint Charlie trotz Nieselregen stundenlang demonstriert. Ihre Forderung war einfach und richtete sich an die DDR-Staatsführung auf der anderen Seite des berühmt-berüchtigten Grenzübergangs: „Gebt mir meine Kinder zurück!“ Weshalb Jutta Gallus ihre Kinder in der DDR zurückließ, während sie selbst nach Westdeutschland ausreisen konnte, erklärte sie gestern im Mauermuseum am Checkpoint Charlie.

Zusammen mit der Autorin Ines Veith und Tochter Claudia stellte sie gestern den biografischen Roman „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ erstmals der Öffentlichkeit vor. Veith hat darin das Schicksal von Jutta Gallus nach Schilderungen ihrer Protagonistin niedergeschrieben: Nach zwölf abgelehnten Ausreiseanträgen wandte sich Gallus im Sommer 1982 an eine Fluchthilfeorganisation, die sie und ihre Töchter über Rumänien und Jugoslawien in die Bundesrepublik bringen sollte. Der Plan flog auf, Gallus kam in Untersuchungshaft, die Töchter zunächst in ein Heim. Von ihrem Mann hatte sich Gallus schon Jahre zuvor scheiden lassen, das Sorgerecht wurde ihr nach dem Fluchtversuch aber aberkannt, die Kinder wurden zum Vater gebracht. Wegen eines „schweren Falles von Republikflucht“ wurde die Mutter zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, die sie zur Hälfte absitzen musste, bevor die Bundesregierung sie wie Tausende anderer Häftlinge freikaufte.

Nach der Übersiedlung in die Bundesrepublik versuchte Jutta Gallus mit ihren Töchtern Kontakt aufzunehmen – erfolglos: Briefe wurden beschlagnahmt, Telefonate unterbrochen. Die Regierung in Ost-Berlin lehnte eine Familienzusammenführung ab und ließ ihre Töchter nicht ausreisen. Tochter Beate Gallus wurde in der DDR gebraucht: Als Kinderstar spielte sie in der familienfreundlichen Fernsehserie „Geschichten übern Gartenzaun“ mit – eine Ausreise kam deshalb nicht in Betracht. Doch Mutter Gallus gab nicht auf und machte 1984 mit einem Hungerstreik auf ihre Situation aufmerksam. In Rom bat sie im April 1985 den inzwischen verstorbenen Papst Johannes Paul II. um Hilfe. Er sollte beim anstehenden Italienbesuch des DDR-Staats- und Parteichefs Erich Honecker auf die Ausreise der Kinder drängen. Vergebens. Selbst ein Gespräch zwischen Jutta Gallus und dem ostdeutschen Außenminister Oskar Fischer in Helsinki im Mai 1985 blieb erfolglos. Verhandlungen zwischen bundesdeutschen Regierungsvertretern und der DDR-Führung führten jahrelang zu keinem greifbaren Erfolg. Das Blatt wendete sich erst 1988. Nach sechsjähriger Trennung sah Jutta Gallus ihre Töchter dann doch noch wieder: Die inzwischen 17 und 15 Jahre alten Mädchen stellten im Januar 1988 einen eigenen Ausreiseantrag – obwohl das Minderjährigen gar nicht erlaubt war.

Die DDR-Führung gab nach. Der SED-Vertrauensanwalt Wolfgang Vogel brachte die Schwestern am 25. August 1988 nach West-Berlin. Seitdem feiern Mutter und Töchter jedes Jahr den 25. August wie einen gemeinsamen Geburtstag. Das Schicksal der Familie Gallus ist dank des öffentlichkeitswirksamen Engagements der Mutter schon damals bekannt geworden – Tausende andere Fälle blieben dagegen fast unbekannt. Biografin Ines Veith kennt die Geschichte von Jutta Gallus seit Jahren: Nicht die Verhandlungen auf höchster politischer Ebene, sondern erst die Mahnwachen, Hungerstreiks und Petitionen hätten die Ausreise ihrer Töchter ermöglicht. Ines Veith ist sich sicher: „Frau Gallus hat ihre Kinder selbst aus der DDR geholt.“ Meistens wurden die Kinder derjenigen, die der DDR zunächst ohne ihren Nachwuchs den Rücken kehrten, in Heime gesteckt oder politisch zuverlässigeren Pflegeeltern anvertraut. Im Westen wurde diese Praxis als „Zwangsadoption“ bezeichnet. Schätzungen zufolge waren etwa 1000 Mädchen und Jungen davon betroffen.

Ines Veith, „Die Frau vom Checkpoint Charlie“, Knaur Verlag, München, 2006, 216 S., 7,95 Euro

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