Berlin : Selbstmord in den Medien: Tödliche Meldungen

Clemens Wergin

Am 20. Oktober 1998 wirft sich ein 49-jähriger Mann im S-Bahnhof Wittenau vor einen einfahrenden Zug der Linie 1. Er stirbt noch am Unfallort. Die Medien berichten. Am Tag darauf der nächste Selbstmord. Eine 43-Jährige stürzt sich vor eine Straßenbahn. Nur Zufall? Am 7. September dieses Jahres läuft ein 21-jähriger Lagerarbeiter im U-Bahnhof Paracelsusstraße 50 Meter in den Tunnel und kniet auf den Gleisen nieder. Als der Zugführer ihn sieht, ist es zu spät. Etwa 10 Tage später stürzt sich ein 17-jähriges Mädchen vor eine S-Bahn an der Wollankstraße. Sie überlebt, verliert aber beide Beine. Ein unglückliches Zusammentreffen? Nachdem am 30. Juli 1996 ein Mann 500 Meter vor dem Bahnhof Karlshorst vor eine S-Bahn gesprungen und gestorben war, werden in den nächsten zwei Wochen noch zwei weitere Lebensmüde den selben Weg gehen.

Kein Zufall! Das meint zumindest Gernot Sonneck vom Kriseninterventionszentrum in Wien. Er begleitet seit 1987 ein Projekt der Wiener Linien. Diese hatten die Medien gebeten, nicht mehr oder nur in kleinen Meldungen über Selbstmorde im Zusammenhang mit der Bahn zu berichten. Das Ergebnis verblüfft: Die Zahl derer, die sich das Leben auf den Schienen der österreichischen Hauptstadt nahmen, ging um 50 bis 60 Prozent zurück und stabilisierte sich seitdem auf niedrigem Niveau.

Der Werther-Effekt

Psychologen bezeichnen das Nachahmungsphänomen, das auf diesem Wege verhindert werden soll, als "Werther-Effekt". War es doch nach der Veröffentlichung des romantischen Dramas von Goethe 1774 zu einer Welle von Selbstmorden unter unglücklich verliebten jungen Männern gekommen, die Werthers Beispiel folgten.

In Wien hatte Sonneck erst die Medienberichterstattung untersucht, bevor er ein Stillhalteabkommen empfahl. Waren doch beim Start der U-Bahn 1978 Selbstmörder kaum ein Problem gewesen. Erst, als die Kurve nach oben zeigte und die Medien mit großen Berichten über die "Selbstmörder-U-Bahn" schrieben, schnellte die Zahl der Selbsttötungen auf den Gleisen noch einmal exorbitant in die Höhe.

"Wir hatten großes Glück, dass die Verkehrsbetriebe selber auf uns zukamen", sagt Sonneck. So wird auch an den Haltestellen heute nur von einer technischen Störung gesprochen, wenn Fahrgäste wegen eines Suizids vergeblich auf ihre Bahn warten. In München, wo seit Juli ein Modellprojekt läuft, haben die Psychologen der Traumasprechstunde die Verkehrsbetriebe seit Anfang der 90er Jahre gedrängt, auf die Wiener Lösung hinzuarbeiten. Sie betreuen traumatisierte Bahnführer, die unter schweren psychischen Störungen leiden, weil sie jemanden überfahren haben.

Viele von ihnen steigen beim zweiten Suizid, den sie erleben müssen, ganz aus. "Dieses Leiden zu sehen ist ein Grund, hier etwas zu tun", sagt Karl-Heinz Ladwig, der das Münchner Projekt wissenschaftlich begeitet. "Das wird auch von den Medien sehr ernst genommen", sagt er.

Während Sonneck in Wien einen Medien-Leitfaden erstellte, mit dem sichergestellt werden sollte, dass sich psychisch Gefährdete nicht mit den Motiven der Selbstmörder identifizieren, will Ladwig gar keine Berichterstattung mehr: "Es ist schon ausreichend, dass es eine Sphäre ist, die man kennt." Deswegen solle psychisch Labilen solch ein Ausweg aus ihren Problemen überhaupt nicht beschrieben werden.

In München hatten sich die Stadtwerke aber zunächst geweigert, auf den U-Bahnhöfen von "technischen Defekten" bei Verzögerungen durch Suizide zu reden. "Wir haben in München eine Pünktlichkeitsgarantie für Fahrgäste", sagt Pressesprecherin Bettina Hirschheiter. "Deswegen können wir nicht von Betriebsstörung reden, sonst stehen am nächsten Tag 20 000 Leute vor den Schaltern und wollen ihr Geld zurück." Geeinigt hat man sich dann auf die Durchsage "wegen Notfalleinsatz". Sonneck findet das ungeeignet: "Da wissen doch dann alle - jetzt ist wieder einer gehupft."

In Berlin gibt es bisher kein Abkommen dieser Art, auch wenn sich beispielsweise im Jahr 1998 knapp 450 Menschen das Leben nahmen. 67 versuchten, sich auf die Gleise zu werfen. 24 davon waren "erfolgreich", 14 überlebten, und 29 konnten von Fahrgästen am Selbstmord gehindert werden. Doch trotz dieser Zahlen ist die BVG noch nicht aktiv geworden, um ein ähnliches Stillhalteabkommen mit den Medien zu erreichen wie in Wien oder München.

Und Überzeugungsarbeit täte Not: Auch in der Lokalredaktion des Tagesspiegels ist umstritten, ob die Pflicht der Berichterstattung gegenüber dem Leser nicht wichtiger ist, als einen abstrakten "Nachahmeffekt" zu verhindern. "Wenn einer vom Hochhaus springen will, möglicherweise jemandem auf den Kopf, dann müssen wir darüber berichten", sagt Polizeireporter Werner Schmidt, der noch vor zwei Tagen über einen verhinderten Selbstmord schrieb. In einem ähnlichen Fall hat der Kollege John Schneider von der Münchner Abendzeitung gemäß der Vereinbarung darauf verzichtet, über einen versuchten Sprung vom Münchner Olympiaturm zu berichten. "Wir wollten keine Nachahmer auf die Idee bringen, dass man ja auch da runter springen kann", sagt er. Einzige Ausnahme: Prominente und Selbstmorde vor großem Publikum. Dann muss eine Zeitung am nächsten Tag fürchten, dumm dazustehen, wenn man gar nichts im Blatt hat.

Ein Suizid ist noch keine Nachricht

Die Chronistenpflicht sieht Schneider durch das Abkommen nicht verletzt: "Es gibt Nachrichten, die sind keine", zitiert er die New York Times, "und Selbstmord gehört dazu". Auch Markus van Appeldorn von der Bildzeitung München sagt, "ein Selbstmord allein ist keine Sensation". Manchmal seien aber die Umstände so dramatisch, dass man einfach darüber berichten müsse.

Der Polizeireporter der Süddeutschen Zeitung, Stefan Simon, verweist darauf, dass der Pressekodex des Deutschen Presserats ohnehin bei Selbstmorden Zurückhaltung empfiehlt. "Wir berichten aber eingeschränkt sehr wohl darüber", sagt er. Nur versuche man, den Suizid nicht in den Mittelpunkt zu stellen und auch Begriffe wie "Sebstmord" zu umgehen. Damit folgt er den Vorgaben aus Wien, die nicht jede Berichterstattung gebannt sehen wollen, sondern nur die, die ein Mitfühlen mit dem Sebstmörder ermöglichen oder ein Verständnis für die Motive der Tat.

Kaum eine Selbstmordart zieht andere so in Mitleidenschaft wie der Tod auf den Gleisen. Zuschauer und besonders die ohnmächtigen Zugführer tragen manchmal lebenslange traumatische Schäden davon. Deswegen setzten Wien und München zunächst bei der Berichterstattung über Bahn-Suizide an. In Wien gingen danach auch die gesamten Selbstmordzahlen zurück, in München müssen die Zahlen erst noch ausgewertet werden. Was man in Berlin mit diesen Erkenntnissen anfängt, ist ungewiss. Im letzten Jahr hat es 483 Selbstmorde gegeben.

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