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Senatspläne in Berlin-Schöneberg : Großes Bündnis gegen Flüchtlingsschule

Nach starker Kritik am einem Schulzentrum für Flüchtlinge ist nun von einer "dichteren Verzahnung mit Regelklassen" die Rede. Aber die Kritik ebbt nicht ab.

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Isoliert im Gewerbegebiet: Die ehemalige Teske-Schule soll zu einer überregionalen Flüchtlingsschule werden.
Isoliert im Gewerbegebiet: Die ehemalige Teske-Schule soll zu einer überregionalen Flüchtlingsschule werden.Foto: Susanne Vieth-Entus

Ein breites Bündnis hat sich am Donnerstag gegen die Bildung einer "Flüchtlingsschule" am Tempelhofer Weg gebildet, nachdem der Tagesspiegel über entsprechende Pläne der Bildungsverwaltung berichtet hatte. Die Bildungsgewerkschaft GEW, der Flüchtlingsrat Berlin, der Landeselternausschuss, Migrationsrat, Türkischer Bund, das Netzwerk gegen Diskriminierung in Schule und Kita, ufuq, Schöneberg Hilft und weitere Vereine schlossen sich zusammen, um das Vorhaben abzulehnen und einen gemeinsamen offenen Brief gegen das Temporäre Bildungszentrum zu schreiben. Gerichtet wurde er an den Regierenden Bürgermeister sowie an die Bildungssenatorin.

Bereits am Mittwoch hatte die Bildungsverwaltung versucht, die Wogen zu glätten: Einen Tag nach massiver Kritik an den Plänen für eine überregionale Flüchtlingsschule hatte sie veränderte Optionen für das Gebäude am Tempelhofer Weg ins Spiel gebracht. Begründet wird dies allerdings nicht mit den Risiken einer solchen Segregation, sondern mit der „neuesten“ Zusage des Bezirkes, dass am Standort auch „Regelbeschulung“ möglich sei. Das bisherige Vorhaben werde daher „selbstverständlich überdacht und um Möglichkeiten der noch dichteren Verzahnung mit Regelklassen erweitert“, teilte die Bildungsverwaltung am Mittwoch auf Anfrage mit.

"Keine Kehrtwende"

Das sei aber „keine Kehrtwende“. Wie berichtet, hatte die Verwaltung für das Gebäude der früheren Teske-Schule elf "Willkommens-Profil-Klassen" mit bis zu 20 Schülern angekündigt, die nicht oder kaum alphabetisiert sind oder nur geringe schulische Vorkenntnisse besitzen. Für diese Klassen wurde am 29. Juni mittels Rundmail der Bedarf abgefragt. Der Flüchtlingsrat warnte daher vor einer „Apartheidsschule“, und der Verein „Schöneberg hilft“ vor einer „Sonderschule für Flüchtlinge“. Bildungsexpertin Stefanie Remlinger (Grüne) nannte das Vorhaben „Wahnsinn“, während die Bildungsverwaltung keine Stellung bezog.

Am Mittwoch wurde das nachgeholt: „Im nächsten Schuljahr werden wir voraussichtlich mit vier bis fünf Lerngruppen beginnen, die mit 17 Jugendlichen eingerichtet werden“, teilte Beate Stoffers, die Sprecherin von Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) mit. 20 sei nur die „Höchstfrequenz“.

Fachunterricht und berufliche Orientierung

Auch inhaltlich wurde einiges ergänzt. Es werde nicht nur Fachunterricht geben, sondern auch „berufliche Orientierung“ durch eine Kooperation mit den Oberstufenzentren sowie mit der Arbeitsagentur Süd.

Norbert Gundacker vom örtlichen Personalrat forderte, an der bisherigen Klassenfrequenz der Willkommensklassen mit zwölf Schülern festzuhalten. Zudem votiert er für einen wohnortnahen statt den geplanten überregionalen Einzugsbereich. Integration könne nur gelingen, wenn die Flüchtlinge in bestehenden Schulen unterrichtet würden. Es reiche nicht, „vielleicht zwei Regelklassen“ in die Teske-„Filiale“ auszulagern.

Auf Nachfrage bei Bildungsstadtrat Oliver Schworck (SPD) stellte sich heraus, dass er noch gar nichts von der „neuesten“ Zusage seines Bezirkes wusste, dass am Standort auch „Regelbeschulung“ möglich sei.

Gemeint sei möglicherweise, dass es am Tempelhofer Weg – etwa bei der Berufsorientierung – Kooperationen mit Regelklassen geben könne. Im übrigen solle sich an dem Standort „keiner abgeschoben fühlen“, betonte Schworck.

Der Stadtrat geht auf Distanz

Der Stadtrat betonte am Donnerstag gegenüber dem Tagesspiegel, dass er als Schulträger "wenig" mit den Plänen des Senats zu tun habe. "An den Planungen zu den Profilklasen waren wir nicht direkt beteiligt", betonte Schworck. "Natürlich" habe er darauf hingewiesen, dass er "keine Flüchtlingsschule" wolle. Darüber gebe es im Bezirk Einvernehmen. Ähnlich äußerte sich die Bezirks-SPD und erinnerte daran, dass das Gebäude in ein paar Jahren als Grundschule gebraucht werde. Es solle also nur um ein "Bildungszentrum auf Zeit" gehen. Die Rede sei von drei bis fünf Jahren. Zudem tröstet sich die Fraktion damit, dass es eine Anbindung an die Hugo-Gaudig-Sekundarschule in Tempelhof geben solle. Dies habe Bildungs-Staatssekretär Mark Rackles (SPD) angekündigt.

"Öffnung, nicht Abschottung"

Die Rede ist von "gemeinsamen AG-Angeboten", aber "ohne Umsiedlung" der Gaudig-Schüler". Das Bildungszentrum könne auf diesem Wege auch die Musik- und die Volkshochschule oder Sportvereine für die Zusammenarbeit gewinnen, "sodass der Standort sich öffnet und nicht abschottet".

Der integrationspolitische Sprecher der Fraktio, Orkan Özdemir, betonte, dass die Integration geflüchteter Kinder und Jugendlicher "in unseren Regelschulen" an erster Stelle stehe. Er begrüße daher die Ankündigung von Schworck, wonach keine Ansiedlung von Willkommensklassen geplant ist. Die Einrichtung der angekündigten Willkommens-Profil-Klassen werde die Fraktion aber "aufmerksam begleiten und darauf achten, dass alle Zusagen eingehalten werden". Dazu gehöre die "maximale Öffnung des Standortes und die klare Orientierung auf die Weitervermittlung der Schüler an reguläre Bildungseinrichtungen.“

Lasic: "Nicht mehr als 80 bis 100 Jugendliche"

Auch die bildungspolitische SPD-Sprecherin im Abgeordnetenhaus, Maja Lasic, melde sich zu Wort. "Ich sehe das aktuelle Konzept zur Einrichtung der Willkommens-Profil-Klassen kritisch", sagte die Sozialdemokratin mit dem Hinweis, dass die selbst als 14-Jährige eine Art Willkommensklasse besucht habe. Allerdings sei es "sinnvoll", dass den Schülerinnen und Schülern zusätzliche Zeit gewährt werde, bevor die Eingliederung ins Regelsystem erfolge. Das könne auch an einem "Einzelstandort" erfolgen - "solange die Zahl von 80-100 Jugendlichen nicht überschritten wird".

Das pädagogische Konzept sei jedoch problematisch, so Lasic: "Statt des aktuell vorgesehenen stark verschulten Konzeptes brauchen die Jugendlichen einen niederschwelligen Zugang zur Berufswelt, z.B. durch starken Fokus auf praktischer Arbeit, am besten in Betrieben". Auf diesem Wege könne "auch vom Teske-Standort heraus sinnvolle Integration gelingen."

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