Sharing Economy in Berlin : Die geteilte Stadt

Autos, Bücher, Bohrmaschinen: In Berlin muss man Dinge nicht mehr besitzen, um sie zu nutzen. Überall blüht die „Sharing Economy“ – als politische Bewegung und als Geschäftsmodell. Eine Erkundung in zehn Lektionen.

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Sägen, Ohrenschützer, Sechskantschlüssel: Werkzeuge im Leihladen "Leila" in Prenzlauer Berg.
Sägen, Ohrenschützer, Sechskantschlüssel: Werkzeuge im Leihladen "Leila" in Prenzlauer Berg.Foto: Ole Spata / dpa

1. Was der Mensch braucht – und was nicht. Man weiß gar nicht, wo man im „Leila“ zuerst hingucken soll. In den drei Souterrain-Räumen am Teutoburger Platz in Prenzlauer Berg findet sich keine Ecke, die nicht vollgestellt wäre mit Kleiderständern, Werkzeugen, Küchengeräten, Bügeleisen, Gartenhockern, Gläsern, Ventilatoren, Spielen, Krams und Firlefanz. Ein Paar Krücken gibt’s auch, und das veranschaulicht wahrscheinlich wie kein anderer Gegenstand die Logik der sogenannten „Sharing Economy“: Was wird nicht alles – wenn überhaupt – nur wenige Wochen im Leben eines Menschen gebraucht und steht die übrige Zeit blöd im Weg rum? Warum nicht weitergeben nach Benutzung?

Wer im „Leila“ etwas mitnehmen möchte, muss es allerdings irgendwann zurückbringen: Der Name ist eine Abkürzung und steht für „Leihladen“. Jedes seiner Mitglieder, 725 sind es mittlerweile, darf sich nehmen, was gerade da ist. Besonders begehrt sind die Fahrräder. Und Werkzeuge wie die elektrische Bohrmaschine – noch so ein klassischer Fall, von dem auch die Britin Rachel Botsman, eine Vordenkerin des gemeinschaftlichen Konsums, in ihrem Standardwerk „What’s mine is Yours“ geschrieben hat: Die durchschnittliche Bohrmaschine sei auf dieser Welt im Schnitt nur 13 Minuten im Einsatz, heißt es da. Kein Privatmensch brauche eine eigene Maschine, nur ein Loch in der Wand. Äußerst beliebt war im „Leila“ auch die Flex. Allerdings wurde die kürzlich geklaut, jetzt warten die Betreiber darauf, dass jemand eine neue bringt.

Grundsätzlich gilt: Jeder kann so viele Gegenstände gleichzeitig ausleihen, wie er selbst dem Laden zur Verfügung gestellt hat. Aber es kommen ständig Menschen vorbei, die gar nicht selbst profitieren, nur Sachen schenken wollen. Wie gerade Kristina, Mitte zwanzig. Aus ihrem Stoffbeutel holt sie einen Stapel Kleider. Die sind ihr bloß zu eng geworden, sagt sie. Sind aber alle loch- und fleckenfrei. Das sei ganz typisch, sagt einer der Ladenbetreiber. Frauen lieferten brauchbare Klamotten. Männer trügen ihre dagegen so lange, bis sie wirklich zerschlissen seien.

Noch gar nie ausgeliehen wurden übrigens das Faxgerät und die schwarze Box mit der Aufschrift „Erno Scoper“, die eignet sich für das Sichten alter Super-8-Filme. Das Ding wird jetzt ausrangiert.

2. Zusammenrücken. Bei der Lektüre von Willy Brandts „Der Wille zum Frieden“ muss jemand ordentlich Kaffee verschüttet haben. Eco und Simmel befinden sich in tadellosem Zustand. Bei Donna Leons „Endstation Venedig“ ist Seite 83 lose, der Vorbesitzer hat sie an der richtigen Stelle beigelegt. An die 200 Romane und Sachbücher stehen hier am Charlottenburger Mierendorffplatz in der Telefonzelle. Es ist eine von den alten Gelben, Modell „TelH78“. An der Wand, an der sich einst das Telefon befand, sind jetzt Regalbretter aus Metall befestigt. Alle Bücher, die auf ihnen stehen oder liegen oder irgendwie noch dazwischengequetscht wurden, dürfen mitgenommen werden – Wiederbringen optional. Die Zelle ist wie die Miniatur-Ausgabe einer Bibliothek, bloß ohne Mitgliedsausweise und ohne Mahngebühren, wenn man sich entscheidet, das Buch noch länger zu behalten oder auch gern für immer. Auch das ist „Sharing Economy“.

Heute klopft es aufs Dach der Zelle. Das ist der Regen. Draußen fährt eine Frau mit dem Fahrrad vor, sie steigt ab und schaut ein bisschen neidisch durch die Fensterscheibe ins Trockene. „Wollen Sie auch hier rein? Na, kommen Sie ...“ Tür zu. Ganz schön eng zu zweit in einer TelH78. Aber gemütlich. Die Frau heißt Ilse Kiehling und sagt, sie wohne gleich gegenüber und gehöre zu dem Team von Freiwilligen, das die umgenutzte Zelle in Schuss hält. Was gar nicht so einfach sei. Allein schon, den Nachschub adäquat in den Regalen unterzukriegen. Zum Konzept der sogenannten Bücherboxx gehört nämlich auch, dass jeder hier seine gebrauchten Bücher spenden kann, sofern noch in tolerierbarem Zustand. Erst vergangene Woche stellte ein Unbekannter drei volle Kisten mit Kinderbüchern auf dem grünen Kunstteppichboden ab. Da musste Frau Kiehling quetschen.

Die Zelle ist rund um die Uhr geöffnet, nachts gehen an der Decke kleine Lampen an. Eine Aufsicht gibt es nicht. Wird hier denn gar nicht randaliert? Nein, sagt Ilse Kiehling, das sei schon erstaunlich. Auf dem Mierendorffplatz werde schließlich mit Drogen gedealt. Aber die Umsonstbibliothek lassen sie alle in Ruhe.

3. Den Überfluss erkennen. Tütenweise Bio-Brötchen hat Raphael Fellmer vergangene Woche auf der Webseite Foodsharing.de angeboten. Der 30-jährige Familienvater hatte nicht etwa zu viel eingekauft – er hatte so viele Brötchen geschenkt bekommen. Von einer Vollkornbäckerei, auf dem Wochenmarkt in Zehlendorf. Noch am selben Tag kamen ein paar Nachbarn zu ihm, Studenten, sie holten die Brötchen ab, die seine vierköpfige Familie nicht essen konnte.

Raphael Fellmer ist ein extremer Fall: Im Januar 2010 beschloss er, komplett ohne Geld zu leben, suchte fortan regelmäßig in der Nacht in den Containern von Lebensmittelläden nach aussortierter Nahrung. „Ich habe einen Master im Tonnentauchen“, sagt er heute. Schon beim ersten Mal fand er mehr Lebensmittel, als er essen konnte. Er verteilte das Übriggebliebene an Freunde, Nachbarn, Bedürftige. Und ihm gingen die vielen Läden nicht mehr aus dem Kopf, in deren Containern keiner nach Lebensmitteln suchte. Er fasste einen Plan: Er wollte die aussortierten Produkte auch solchen zugänglich machen, die, im Gegensatz zu ihm, keine Lust hatten, nachts in Tonnen zu wühlen. Vor zweieinhalb Jahren bot ihm dann der Geschäftsführer der Supermarktkette Bio Company an, die aussortierten Lebensmittel tagsüber und ganz offiziell abzuholen. Fellmer suchte Mitstreiter und hatte bald um die hundert Leute gefunden. Sie nannten sich Lebensmittelretter.

Etwa zur selben Zeit, im Frühjahr 2012, erfuhr Raphael Fellmer von foodsharing.de. Valentin Thurn, ein Dokumentarfilmer, der mit dem Film „Taste the Waste“ den Wegwerfwahn der Ersten Welt angeprangert hat, bastelte gerade in Köln mit einem Team an der Webseite. Privatleute sollten dort Gemüse, Obst, Milch und Joghurt, alles, was sie zum Beispiel vor dem Urlaub nicht mehr essen konnten, Menschen aus ihrer Umgebung anbieten können. „Ich dachte sofort: Das ist das perfekte Pendant zu uns Lebensmittelrettern“, sagt Fellmer. Wochen später war er Teil des Foodsharing-Teams. Er warb die Bio Company als Unterstützer, präsentierte Foodsharing bei Vorträgen, fand einen Entwickler, der die Seite Foodsharing.de ehrenamtlich programmierte. Im Dezember sollen die Webseiten von foodsharing.de und lebensmittelretten.de fusionieren.

Mehr als 1100 Betriebe geben den Lebensmittelrettern derzeit ihre aussortierte Ware, in den vergangenen zwei Jahren haben die Retter rund eine Million Kilo Lebensmittel entgegengenommen. In Berlin gibt es zehn sogenannte Fair-Teiler-Umsonstläden, soziale Einrichtungen, in denen man Lebensmittel abholen und abgeben kann, nicht alle haben allerdings einen Kühlschrank. Und natürlich kann jeder Lebensmittel von Mitstreitern auch direkt in der eigenen Küche abholen lassen. Für jeden Fair-Teiler gibt es einen Verantwortlichen, der regelmäßig überprüft, ob die Hygiene und die Foodsharing-Regeln eingehalten werden. Sensible Lebensmittel wie Fisch, Fleisch und Eierspeisen, die ein Verbrauchsdatum haben, darf man zum Beispiel nicht anbieten, verdorbene Nahrung sowieso nicht.

„Regelmäßige Nutzer der Foodsharing-Seite sind Menschen, die bewusst mit Lebensmitteln und Ressourcen umgehen wollen“, sagt Raphael Felder. Allerdings: Viele der deutschlandweit 60 000 Nutzer probieren Foodsharing auch nur einmal aus, machen dann nicht mehr mit. „Ich fürchte, viele werfen die Sachen doch lieber in den Müll, weil ihnen der Aufwand zu groß ist.“ Foodsharing sei eben auch ein Lebensentwurf.

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