Sido gibt Konzert in Berliner Tram : Ausrasten mit Kreide-Graffiti

Er ist verheiratet, zum zweiten Mal Vater. Die Graffiti sind nicht mehr echt und illegal, sondern mit Kreidefarbe gesprüht. Am Dienstagabend gab Sido ein Konzert in der Berliner Party-Tram. Und nicht nur er scheint gealtert zu sein.

von
Rapper Sido.
Tamtam in der Tram. Sido rappte sich schon mal in der Straßenbahn durch Berlin.Foto: Stefan Wieland

Früher waren Verkehrsbetriebe und Sprayer Feinde. Früher fuhren Hip-Hop-Fans schwarz und bemalten die Sitze. Früher trat Sido mit Totenkopfmaske auf und rappte Schimpfwörter. Jetzt steht er in blauem BVG-Sakko mit goldenen Knöpfen, Krawatte mit aufgedruckten Bussen am Straßenbahn-Depot Lichtenberg und krempelt an einer Bundfaltenhose herum. BVGer scheinen lange Beine zu haben, Sido krempelt einmal, zweimal, dann stopft er den Wulst in die weißen Socken. Es ist noch Zeit für ein paar Witze. „Die Fahrkarten bitte!“, „Mit dem Fahrrad nicht in den letzten Wagen!“, dann fährt die Tram los. Sidos Freunde haben sie zuvor mit dicken Buchstaben vollgemalt, wie einst, als sie noch illegal sprühten.

Am Dienstagabend gab Sido ein Konzert in der Party-Tram, als Vierter in einer Serie, die Radio Fritz vom RBB zusammen mit der BVG veranstaltet, Tickets waren im Radio zu gewinnen. Bislang traten immer Rapper auf, weil man richtige Instrumente nur schwer in der Bahn verstauen, anschließen, abmischen kann. Den ganzen Nachmittag haben Techniker die Bahn vorbereitet. Unter den Neonleuchten liegt rote Folie. Acht kleine Lautsprecher sind auf den Haltestangen festgekettet, die Subwoofer für DJ Desues Bässe verstecken sich hinter dem Ticketautomaten.

"Den Arschficksong habe ich nicht mehr im Repertoire."

„Den Arschficksong habe ich nicht mehr im Repertoire. Ich habe jetzt Wörter wie Repertoire im Repertoire“, erklärt Sido den Fans gleich am Anfang und beschreibt damit seinen Wandel vom aggressiven Maskenträger zum volksnahen Familienvater. Vor vielen Jahren schon hat er die Maske abgenommen, seinen Streit mit Bushido beigelegt, lange nicht mehr randaliert, er ist verheiratet, zum zweiten Mal Vater.

Gerade ist sein neues Album erschienen, es heißt, wie sein Geburtsdatum, 30-11-80, die Fans singen brav „Happy Birthday“. Einer hat eine Flasche Jägermeister in Geschenkverpackung dabei. Sido steht in der Mitte der Tram vor einer Sitzreihe, hält sich in den Kurven am DJ-Pult fest und schaukelt manchmal an den Haltegriffen. Nur zögerlich stellt sich ein Mädchen mit Kappe auf die Sitze. Nur höflich kommen die Fans Sido näher. Nur auf Sidos Befehl springen sie. Zwei trauen sich an die Wände zu wummern.

„U-Bahnhof Frankfurter Tor“ plärrt die BVG-Stimme, dann rappt Sido seinen Hit „Schlechtes Vorbild“, die Fans verpassen keine Zeile: „Ich bin all das, wovor dich deine Eltern immer gewarnt haben. Doch ich hab Geld, hab Frauen, hab Spaß und du musst immer noch Bahn fahren.“

Ausrasten, aber bitte kontrolliert

Am Bersarinplatz gibt es Sozialkritik in „Augen auf“, bei den Hochhäusern der Landsberger Allee rappt Sido, der eigentlich Paul Würdig heißt und den hier alle Siggi nennen, von seinem „Block“, dem Viertel seiner Kindheit. Vielleicht hat er noch nicht genug Jägermeister an die Fans verteilt („Prost Leute“, ruft er, nach ein paar Dressurrunden schallt es zurück: „Prost, Sido“). Vielleicht ist es zu früh am Abend, vielleicht zu warm. Sido zieht das Sakko aus, reißt an der Krawatte. Vielleicht erinnert die Straßenbahn zu sehr an Alltag. Es bleibt ein kontrolliertes Ausrasten, ein gelenkter Spaß. Die BVG hat aus Sicherheitsgründen nur maximal 80 Personen an Bord gestattet.

Vielleicht ist Sidos Publikum auch mit ihm zusammen gealtert, gemütlich geworden. Als die Bahn den Alex passiert, draußen Stände mit gebrannten Mandeln, Lebkuchenherzen und Glühwein, sagt er: „Wir kaufen jetzt alle eine Bienenwachskerze.“ Er meint es nicht nur ironisch. Stattdessen steigt der Sänger Mark Forster zu und singt, nach inzwischen Jägermeister Nummer sechs, „Einer dieser Steine“, das Liebeslied auf Sidos neuem Album. Draußen gleitet das Hofbräuhaus vorbei.

An der Eberswalder Straße sammelt die Bahn Die Atzen auf. Zusammen versuchen sie, die Fans zum Wippen und Hüpfen anzustacheln. Tramfahrer Urs Brauner fährt vorsichtshalber etwas langsamer. Sido sagt jetzt, dass ihm die Fahrt gut gefällt, weil es so familiär sei, so intim. Er trinkt noch einen „naturtrüben Apfelsaft“, wie er sagt, den elften Jägermeister, während die Bahn nach einer Stunde zur Warschauer Straße zurückfährt, und spielt nun doch den „Arschficksong“, für den er berühmt ist. Dann signiert er ein paar CDs, posiert für jedes iPhone, bittet die Fans die Bahn zu verlassen. Keiner motzt, keiner bemalt die Sitze, das Konzert endet pünktlich.

Die Graffiti auf der Bahn sind übrigens nur mit Kreidefarbe gesprüht. Die Waschanlage der BVG wird sie fortspülen.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben