Siemensstadt : Kraftwerk Reuter - Von ganz oben herab

Alles auf Abriss im Berliner Ortsteil Siemensstadt: Drei Schornsteine des denkmalgeschützten Kraftwerks Reuter werden derzeit Meter für Meter von einem Roboter abgetragen.

Rainer W. During
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Voller Betrieb. Das Kraftwerk Reuter arbeitet, während die Schlote abgetragen werden. -Foto: Vattenfall

Neun Meter fehlen dem mittleren Schornstein schon, doch die Arbeiter bewegen sich immer noch in 110 Meter Höhe auf einer Gitterplattform. Tief unter ihnen bedient ein Spezialist den gewaltigen Kran, der über ihren Köpfen eine ungewöhnliche Konstruktion aus Presslufthammer und Auffangschale in den Schlot hinabsenkt. Die drei Schornsteine des denkmalgeschützten Kraftwerks Reuter werden derzeit wegen Baufälligkeit abgerissen.

Bereits 1989 erhielt das in den 30er Jahren errichtete Kraftwerk eine moderne Rauchgasreinigungsanlage mit einem neuen, separaten Schornstein. Seitdem sind die stillgelegten Schlote zunehmend marode geworden. Weil immer wieder Steine abbrachen und in die Tiefe stürzten, mussten sie vor Jahren bereits von Industriekletterern mit Netzen gesichert werden. „Eine Sanierung wäre nicht möglich gewesen, nur ein kompletter Neubau“, so Jörg-Andreas Czernitzky, Leiter der Heizkraftwerke bei Vattenfall. Deshalb hat man sich in langen Diskussionen mit der Denkmalschutzbehörde auf den Abriss geeinigt.

Der Abbruch stellt eine besondere Herausforderung dar. Die Schornsteine stehen auf dem Dach des rund 50 Meter hohen Heizkraftwerkes. Dessen Betrieb darf nicht gefährdet werden. Die hier produzierte Energie entspricht dem Stromverbrauch von 400 000 Haushalten und dem Fernwärmebedarf von 20 000 Wohnungen. Eine Sprengung kam deshalb nicht infrage. Und auch der Anbau von Gerüsten hätte die baufälligen Schlote zu sehr belastet. „Es handelt sich nicht um einen Abriss, sondern um einen kontrollierten Rückbau“, sagt Architektin Kirstin Koller von Vattenfall Power Consult.

Den Auftrag erhielt die Allgäuer Spezialfirma MB Schornstein- & Betonabbruch, die ein Spezialverfahren für solche Fälle entwickelt hat. Die auf einer etwas tiefer angebrachten Plattform postierten Arbeiter steuern per Funk den am Kranausleger hängenden, rund fünf Tonnen schweren Abrissroboter. Der schlägt mit einem Meißel Steine und Betonteile vom oberen Rand des Schornsteines und lässt sie in eine darunter im Schlot hängende Auffangwanne fallen. Alle 15 bis 20 Minuten wird die gefüllte Wanne heruntergefahren und in eine im Kraftwerkshafen bereitstehende Schute entleert.

„Schon die Aufstellung des Krans auf so engem Raum war eine Herausforderung", so Marcus Schönwälder, Betriebsleiter des Heizkraftwerks Reuter. Der auf Raupen fahrende Koloss hat ein Gewicht von 120 Tonnen und eine Höhe von 124 Metern. Er wurde in Teilen nach Siemensstadt geschafft und dort montiert. Der Fahrer des Ungetüms sitzt in einem Führerhaus am Boden und positioniert die Last mit Hilfe einer am Ausleger befestigten Fernsehkamera. Er steht außerdem in Funkkontakt mit den Arbeitern auf der Plattform.

Die Schornsteine haben eine nach unten zunehmende Mauerdicke von 38 bis 57 Zentimetern. Sie bestehen aus Schamottsteinen als Innenfutter, einer darüberliegenden Dämmschicht und einem äußeren Stahlbetonfachwerk mit Klinkersteinen. So haben die Spezialisten an den Schloten ganz schön zu knabbern. Nur zwei bis drei Meter können pro Tag abgetragen werden. Rund 5450 Tonnen Ziegelmauerwerk, Beton und Dämmmaterial sind es insgesamt, die auf dem Wasserweg zur Bauschuttdeponie im brandenburgischen Deetz geschafft werden.

Bis zum Jahresende sollen die drei Millionen Euro teuren Arbeiten abgeschlossen sein. Noch ist alles im Zeitplan, allerdings kann nur bis Windstärke fünf gearbeitet werden. „Das Gefährliche sind die Böen“, sagt Marcus Schönwälder. „Wir hoffen, dass das Wetter mitspielt.“

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