Sivas-Massaker von 1993 : Aleviten gedenken in Berlin

Mehr als 1500 Demonstranten zogen am Sonntag durch Berlin, um den Opfern des Sivas-Massaker von 1993 in der Türkei zu gedenken. Bei dem Angriff auf eine alevitische Kulturveranstaltung starben damals 37 Menschen.

Hülya Gürler

„In der Türkei haben sie gezündelt, hier werden sie beschützt“. Das Plakat, das auf der Demonstration zu sehen ist, meint die Täter von Sivas, die in Deutschland Zuflucht fanden. 1993 waren sie in der mittelanatolischen Stadt Teil eines Mobs, der gegen Besucher einer alevitischen Kulturveranstaltung wütete. Ein Hotel brannte aus, 37 Menschen starben, darunter zwei der Täter.  

Rund 1500 bis 2000 Teilnehmer sind am Sonntag dem Aufruf „zum Gedenken der Opfer des Sivas-Massakers“ der Alevitischen Gemeinde zu Berlin und anderer alevitischer Vereine gefolgt. Die Demo zog  nachmittags vom Hermannplatz in Neukölln zum Oranienplatz in Kreuzberg.

„Wir Aleviten sind ein Teil Deutschlands und wollen die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, dass die Täter von Sivas hier Asyl fanden“, erklärt Kadir Sahin, Vorstandsmitglied einer alevitischen Hochschulgruppe und Gymnasiallehrer. Mindestens einer der Täter hält sich wohl in Berlin auf. Vom türkischen Staat erhoffen sich Aleviten längst keine angemessene Verurteilung der Täter mehr. „Die Fanatiker haben gezündet, der Staat hat zugeschaut“, heißt es auf einem anderen Plakat. Gemeint sind die Behörden von Sivas. Sie blieben aus Sicht der Aleviten damals weitestgehend untätig gegen den Mob aus religiösen Fanatikern und Ultrarechten, denen eine Menschenmasse Beifall klatschte. Die Polizei hielt die Täter nicht auf, die erst gefasst, dann aber kurzfristig wieder freigelassen wurden. „Alle nutzten die Gelegenheit aus und flohen unter anderem auch nach Deutschland“, heißt es in einer gemeinsamen Presseerklärung der Berliner Gemeinden.

Sivas kennen nur wenige in Deutschland. Doch Berliner Aleviten erinnern seit 1993 jedes Jahr an die Stadt, die längst zu einer Chiffre der Diskriminierung und Unterdrückung von Aleviten, aber auch zum Symbol eines neuen alevitischen Selbstbewusstseins geworden ist. Denn nach den Ereignissen von Sivas gingen viele Aleviten in die Offensive und bekannten sich zu ihrer vormals verleugneten Identität.

In Deutschland sind nach offiziellen Angaben rund 13 Prozent der Muslime Aleviten. Für Berlin liegen genaue Zahlen über diese Anhänger eines heterodoxen und liberalen Islam nicht vor. Kadir Sahin schätzt ihre Zahl auf 70.000.

In diesem Jahr gibt es gleich zwei Demo-Anlässe: Die landesweiten Proteste in der Türkei gegen die Politik von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und der 20. Jahrestag des Massakers von Sivas. Wie sehr das Selbstbewusstsein der Berliner Aleviten gewachsen ist, zeigt die Deutlichkeit ihrer zentralen Botschaft in diesem Jahr: „ Mindestens neun der Täter befinden sich in Deutschland und genießen ohne schlechtes Gewissen die Toleranz der Demokratie. Einer von ihnen wurde sogar eingebürgert. Von diesen Massenmördern kann man nicht erwarten, dass sie es mit dem Bekenntnis zur freiheitlich demokratischen Grundordnung ernst meinen.“ Deshalb sei diese Einbürgerung rückgängig zu machen. Einen Auslieferungsantrag hat die Türkei bislang nicht gestellt. Im März letzten Jahres stellte ein Strafgericht in Ankara den Sivas-Prozess ein. Mangelndes Interesse an einer Auslieferung der Täter an die Türkei werfen die alevitischen Gemeinden aber auch den deutschen Behörden vor.

Aleviten in der Türkei sind bei den Protesten rund um den Gezi-Park in Istanbul und anderswo ganz vorne dabei. Das konnte selbst Premierminister Erdogan nicht unberührt lassen. Laut einer Meldung der Zeitung „Radikal“ will die Regierung einige Universitäten nach alevitischen Geistlichen und Vordenkern benennen. Dem bisher verleugneten Dasein der Aleviten in der türkischen Öffentlichkeit soll mit Aufnahme alevitischer Ethik und Religion in Unterrichtsbücher Rechnung getragen werden. „Das ist nur Verschleierung, damit die Aleviten in der Türkei nicht auf die Straße gehen“, findet Cemal Boyraz vom Verein Sivas Canlar Berlin. „Wir wollen, dass unsere offenen Gerichtsverfahren angegangen werden.“ „Alles andere ist nicht glaubwürdig“, sagt auch Özcan Mutlu. Der Grünen-Politiker ist selbst kurdischer Alevit. Anwälte der Täter und Lokalpolitiker in Sivas hätten unter der AKP hohe Ämter inne, sagt er. „Der türkische Staat ist aufgerufen, die Mörder rechtskräftig zu verurteilen.“ Daran ließe sich die türkische Demokratie messen.

Wie sehr es der AKP-Regierung am Sinn für die Anliegen der Aleviten fehlt, zeigt nach den Worten von Kadir Sahin ein Bauprojekt in Istanbul: Eine dritte Brücke über dem Bosporus will sie nach Yavuz Sultan Selim benennen. Diesem osmanischen Sultan des 15. Jahrhunderts werfen Aleviten Massaker von 40.000 bis 70.000 Aleviten vor.

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